Freitag, 30.September

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Heute haben
Ferdinand von Saar * 1833
Truman Capote * 1924
Élie Wiesel 1928
Jurek Becker * 1937
Werner Schmidli * 1939
Cecilia Ahern * 1981
Geburtstag
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„Lesen ist eine ernste Angelegenheit, doch einsam oder gelangweilt sind Leser selten, denn Lesen ist eine Zuflucht und eine Erleuchtung, eine Erfahrung, die zuweilen offen zutage tritt. Mir kommt es immer vor, als ginge vom Gesicht eines lesenden Menschen etwas Strahlendes aus.“
Paul Theroux

Steve McCurry. „Lesen
Eine Leidenschaft ohne Grenzen
Mit einer Einführung von Paul Theroux
Prestel Verlag € 29,85
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Der Magnum Fotograf Steve McCurry hat magische Momente des Lesens, diese Versunkenheit abgelichtet. Rund um die Welt, mit den verschiedensten Menschen. Ob alt oder jung, arm oder reich. Egal, sie alle haben ein Buch, eine Zeitung in der Hand. Ob auf der Kühlerhaube, oder an einen kleinen Elefanten gelehnt – sie lesen und sind ihrer Welt entrückt. Und das macht ja das Lesen aus. Etwas Ver-rückt zu sein, etwas aus der Welt gefallen. Nicht alles besser zu wissen und zu allem einen Kommentar abzugeben. Nein, wir überlassen uns den Autoren. Ob dicker Roman, oder ein Fußballbericht. Wir lesen und verschwinden hinter den Worten, die dort stehen. Dieser Moment wird auf den Fotografien deutlich sichtbar.
Gut, es ist ein Coffeetable Buch, eines, das wir hin und wieder durchblättern. Aber jede Wette, wenn Sie es auf einem Tisch liegen lassen, Ihre richtigen Freunde werden anfangen darin zu blättern und ein paar Minuten still sein. Bis ein Schrei zu hören ist. „Ah, diese Stelle kenne ich! Da war ich auch schon.“ Und sei es nur in einem Roman.

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Das hervorragende Vorwort von Paul Theroux zeigt den Autoren nicht nur als begeisternden Leser und Weltreisenden, sondern auch als genauen Beobachter.
Gelesen wird immer und überall. Es gibt fast nichts Wichtigeres, als dass alle Menschen lesen können, denn nur dann können sie sich selbst ein Bild von dem machen, was um sie herum geschieht und müssen nicht nur das glauben, was ihnen gesagt wird.

Von Rom bis Kyoto, Marrakesch bis Los Angeles – überall auf der Welt lesen Menschen – lautet die schlichte wie überaus erfreuliche Nachricht dieses Bildbandes und überall gibt es Buchhandlungen. Große und kleine, egal, auf den „Inhalt“ kommt es an.
Kathrin Passig hat in ihrem Vortrag in der Ulmer Stadtbibliothek erwähnt, dass der Buchhandelsverband mitgeteilt hat, dass der stationäre Buchhandel noch 100 Jahre hätte, bis er verschwunden ist. Kathrin Passig geht von 50 Jahren aus. Aber: Wer denkt schon so weit. Jetzt im Moment gibt es eine schöne Auswahl an unabhängigen, engagierten Buchhandlungen. Nutzen Sie dies aus.
Aber wem sage ich das, Sie machen das ja eh schon.
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Wenn ich schon dabei bin:
Bitte nicht vergessen.
Dienstag, 4.Oktober ab 19 Uhr
Jastrams „Erste Seite“ mit vier neuen Büchern und Clemens Grote als Vorleser.
Bei uns in der Buchhandlung

Donnerstag, 29.September

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Aus dem Gedichte Kalender von Harenberg vom 29.09.2017

Josef Weinheber
Mit halber Stimme

Nimm des Menschen Dunkelstes: Dies ist ewig.
Nimm aus weher Brust das Verlorne, hauch die
Scham, die Sehnsucht, flüstre das Weinen in die
Stille des Abends,

die Gedanken vor dem Entschlafen; alle
hingehauchten Worte der Herbstnacht, alle
einsam armen Wege, die Trauer und das
Ende der Liebe.

Wie ein Sturm ist menschliches Leid und wie das
ferne Spiel von Harfen; das tiefste aber
ist ein Strom: nicht strömt er von hier, er flutet
inner der Erde.

Nimm das Leid und mach es zum Liede: Welches
Lied ist süßer, welches mit Würde leiser!
Gleich dem wunden Mund der Geliebten, nachher;
oder dem kargen

Lächeln eines Sterbenden. Immer werden
im den Grenzen groß die Gefühle. Denn im
Obergang ist Weihe und Muß und jene
Todkraft des Opfers -:

Bittrer Becher, sei uns gesegnet! Ach, wer
leidet denn genügend – und wer denn wurde
je zu tief gehöhlt, dem die streng gespannte
Saite erbebte?

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Oh Schon wieder ist ein Monat vorbei. Oder fast. Wie schnell doch die Zeit vergeht.
Mit den Monatsgedichtsbändchen aus dem Reclam Verlag können wir den Jahresverlauf schön verfolgen. Sie liegen seit Jahren bei uns an der Kasse, passend zum Monat und passend für jede Tasche.

oktober

Oktober
Gedichte
Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 5,00

Robert Walser, Carl Zuckmayer, Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Christoph Meckel, Friederike Mayröcker, Kaschnitz, Kunze, Jandl, Artmann, Rilke, Gernhardt, und und und.
In gewohnter Art führen uns die beiden Herausgeberinnen durch den Monat Oktober. Vom Spätsommer, bis zum kalten Herbst ist alles dabei. Nur kein Goethe. Den mögen die beiden wohl nicht. Oder sie brauchen ihn nicht, weil sie so viele andere AutorInnen haben.
Hier eine kleine Auswahl:

Detlev von Liliencron
Herbst

Astern blühen schon im Garten;
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Haide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.

Theodor Fontane
Spätherbs
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Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün,
Reseden und Astern sind im Verblühn,
Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht,
Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht, –
Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt!
Banne die Sorge, genieße, was frommt,
Eh’ Stille, Schnee und Winter kommt.

Nikolaus von Lenau
Herbstgefühl

Mürrisch braust der Eichenwald,
Aller Himmel ist umzogen,
Und dem Wandrer, rauh und kalt,
Kommt der Herbstwind nachgeflogen.

Wie der Wind zu Herbsteszeit
Mordend hinsaust in den Wäldern,
Weht mir die Vergangenheit
Von des Glückes Stoppelfeldern.

An den Bäumen, welk und matt,
Schwebt des Laubes letzte Neige,
Niedertaumelt Blatt auf Blatt
Und verhüllt die Waldessteige;

Immer dichter fällt es, will
mir den Reisepfad verderben,
Daß ich lieber halte still,
Gleich am Orte hier zu sterben.

Christian Morgenstern
Oktobersturm

Schwankende Bäume
im Abendrot –
Lebenssturmträume
vor purpurnem Tod –

Blättergeplauder –
wirbelnder Hauf –
nachtkalte Schauder
rauschen herauf.

Friedrich Rückert
Herbsthauch

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Immer zu schmeicheln, zu kosen.
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.
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Am kommenden Dienstag, gleich nach dem Feiertag, stellen wir wieder vier neue Bücher vor.
Es liest natürlich Clemens Grote und wir erfahren von einer Ulmer Familie, wie es war, mit dem Motorrad durch Afrika zu rollen.

„Die erste Seite“
Dienstag, 4.Oktober ab 19 Uhr.
Der Eintritt ist frei

Mittwoch, 28.September

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Heute haben
Prosper Mérimée * 1803
Albert Vigoleis Thelen * 1903
Ellis Peters * 1913
Siegfried Unseld * 1924
Donna Leon * 1942
Geburtstag.
Aber auch Brigitte Bardot, Marcello Mastroianni, Max Schmeling und Caravaggio.
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Heutiges Fundstück aus dem Harenberg Gedichte Kalender 2017

Heinrich Leuthold (1827-1879)
Vorahnung

Wie vor schweren Ungewittern
Bange Ahnung lähmt das Leben,
Fühl‘ ich mit geheimem Beben
Diesen bittern
Schmerz durch meine Seele zittern.
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Bei unserem gestrigen Shortlistlesen zum Deutschen Buchpreis hat Bodo Kirchhof mit seinem Roman „Widerfahrnis“ gewonnen.
Jetzt warten wir auf das offizielle Ergebnis.
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Die FAZ druckte gestern diese Rede ab. Ich habe sie in voller Länge übernommen.
(Alle Rechte bei der FAZ)

Rede zum Schirrmacher-Preis Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“

Am Montagabend hat der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in Berlin den Frank-Schirrmacher-Preis erhalten. In seiner Dankesrede ging er der Frage nach: Wenn der Islam eine religiöse Macht ist – was sind dann wir?

Ich würde gerne sagen können: „Ich freue mich, den Preis der Frank-Schirrmacher-Stiftung entgegenzunehmen, denn es handelte sich bei Frank Schirrmacher um den Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und diese ist eine sehr gute Zeitung.“ – Leider spreche ich kein Deutsch.

Gäbe ich eine solche Erklärung ab, wäre das trotzdem nicht völlig absurd, denn es gibt Interviews. Wenn man ein Interview gibt, erlaubt schon die Qualität der Fragen des Journalisten sich eine recht genaue Vorstellung vom Endergebnis zu bilden. Das ist ein Indiz, das niemals trügt.

 

In allen europäischen Ländern, die ich kenne, existiert je eine dominante Zeitung, ein Referenzblatt, wie man das nennt, im Besitz echter intellektueller Autorität über das gesamte Mediensystem. In Spanien ist das „El País“, in Italien der „Corriere della Sera“. In Frankreich ist es „Le Monde“. In Deutschland die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ich habe gute Beziehungen zu „El País“, zum „Corriere della Sera“ und zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dagegen ist mein Verhältnis zu „Le Monde“ fürchterlich. Um die Wahrheit zu sagen, ist das einzige Wort, das meine Beziehung zu „Le Monde“ passend beschreiben würde, ganz einfach das Wort „Hass“.

Neuer Progressivismus

Es ist mir klar, dass die wechselseitige Aggressivität zwischen den französischen Medien und mir, von außen betrachtet, einigermaßen bestürzend wirken muss. Die Aggressivität dessen, was man in Frankreich als „öffentliche Debatte“ bezeichnet, die aber einfach eine Hexenjagd ist, muss jemanden von außen wirklich befremden. Und sie nimmt immer noch zu, die Zahl der Beleidigungen steigt. Es gibt viele französische Journalisten, die sich über meinen Tod ganz ernsthaft freuen werden.

Ich meinerseits gebe die Hoffnung nicht auf, solange ich lebe, zum Bankrott gewisser Zeitungen beizutragen. Das wird sehr schwierig, denn in Frankreich werden die Zeitungen vom Staat unterhalten – in meinen Augen übrigens eine der am wenigsten gerechtfertigten, ja eigentlich skandalösesten öffentlichen Ausgaben dieses Landes. Unmöglich erscheint es mir dennoch nicht. Alle linken Medien, das heißt fast alle französischen Medien befinden sich in einer schwierigen Lage – es fehlen ihnen Leser. Allgemeiner gesprochen, ist die Linke in Frankreich allem Anschein nach dabei zu sterben, ein Prozess, der sich seit dem Amtsantritt von François Hollande noch beschleunigt hat. Aus diesem Grund vor allem ist die Linke immer aggressiver und bösartiger geworden. Es handelt sich um den klassischen Fall des in die Enge getriebenen Tiers, das Todesangst verspürt und gefährlich wird.

An dieser Stelle halte ich es für nützlich, ein wenig zu präzisieren, was genau es ist, das durch meine Existenz und den Erfolg meiner Bücher in Gefahr gebracht wird, und zwar so sehr, dass wir bei einem glaubhaften Todeswunsch angekommen sind. Sehr häufig verwendet man dafür den Ausdruck „Politische Korrektheit“, aber stattdessen würde ich gern ein etwas anderes Konzept einführen, das ich den „Neuen Progressivismus“ nennen möchte.

Der „Neue Progressivismus“ hat seinen perfekten und vollständigen Ausdruck mit einer Publikation im Jahr 2002 erreicht – einem schmalen Band von Daniel Lindenberg von wenig mehr als siebzig Seiten mit dem Titel „Aufruf zur Ordnung“ und dem Untertitel „Untersuchung der Neuen Reaktionäre“. Ich war einer der Hauptangeklagten, einer der vordersten in der Reihe der Neuen Reaktionäre. Der Untertitel machte den Eindruck, der Autor wollte ausdrücken, dass die neuen Reaktionäre sich eines Aufrufs zur Ordnung schuldig gemacht hätten. Tatsächlich schien es mir aber, ich selbst sei es, der zur Ordnung gerufen werden sollte: „Achtung, Sie haben vergessen, sich der Linken zuzuschlagen, aber Sie können das noch korrigieren.“

Ein unvorstellbares Sperrfeuer

Zu Beginn des Jahres 2016 ist eine Neuauflage des Büchleins erschienen. Auf dem Umschlag gibt es nun einen roten Streifen, auf dem es heißt „Die Vorhersage“, und es gibt ein unveröffentlichtes Nachwort des Autors, aus dem ich Ihnen jetzt einen Auszug vorlese, um Ihnen zu zeigen, in welchem Ausmaß er mit sich selbst zufrieden ist. „Ein unvorstellbares Sperrfeuer hat 2002 das Erscheinen dessen begleitet, was andere verächtlich ein Pamphlet genannt haben. Seither ist viel Wasser unter den Brücken hindurchgeflossen. Die Thesen, die ich, umgeben von allgemeiner Skepsis, damals aufstellte, werden heute als fruchtbar betrachtet.“

Lindenberg hat recht, wenn er sagt, sein Buch sei 2002 schlecht aufgenommen worden. Man hat ihm vorgeworfen, alles durcheinanderzuwerfen und unter dem Etikett „Neue Reaktionäre“ Leute zusammenzufassen, deren Meinungen auf nichts dergleichen zu schließen erlaubten. Da muss ich ihn paradoxerweise verteidigen. Es stimmt: Er subsumiert Menschen, deren Gedanken nichts damit zu tun haben. Aber wenn die Neuen Reaktionäre derart verschieden voneinander sind, derart unterschiedlich, dass sie definitiv nichts miteinander gemein haben, dann ist dies so, weil ihre Gegner, die neuen Progressivisten, ein enger denn je definierter, äußerst kleiner und äußerst anspruchsvoller Kreis sind.

Zum ersten Mal kann man beispielsweise, Lindenbergs Buch zufolge, Reaktionär sein, nicht weil man rechts ist, sondern weil man zu links ist. Ein Kommunist oder jeder, der sich den Gesetzen der Marktökonomie als letztem Ziel widersetzt, ist ein Reaktionär. Jeder, der strikt gegen die Auflösung seines Landes in einem föderalen europäischen Raum ist, ist ein Reaktionär. Jemand, der den Gebrauch der französischen Sprache in Frankreich verteidigt oder jeder anderen Nationalsprache in ihrem jeweiligen Land und der sich der universellen Verwendung des Englischen entgegenstellt, ist ein Reaktionär. Jemand, der der parlamentarischen Demokratie und dem Parteiensystem misstraut, jemand, der dieses System nicht als die Ultima Ratio politischer Organisation begreift, jemand, der es gerne sähe, dass der Bevölkerung öfter das Wort erteilt wird, ist ein Reaktionär. Jemand, der dem Internet und den Smartphones wenig Sympathie entgegenbringt, ist ein Reaktionär. Jemand, der Massenvergnügungen so wenig mag wie organisierten Tourismus, ist ein Reaktionär.

„Ich lehne die Bescheidenheit ab“

Das Kurioseste an Lindenbergs Schrift ist, dass die Hauptangeklagten, die „Neuen Reaktionäre“, die am häufigsten und ausgiebigsten Zitierten, streng genommen nicht etwa die Intellektuellen waren. Es handelte sich um Maurice Dantec, Philippe Muray und mich. Ich habe den Eindruck, dass weder Maurice Dantec noch Philippe Muray im deutschsprachigen Raum sehr bekannt sind. Das bedauere ich, aber ich werde gleichwohl von ihnen sprechen, denn ich finde Lindenbergs Wahl ganz vortrefflich. Die Ideen von Muray und Dantec verdienen Verbreitung, sehr viel mehr als jene der meisten Intellektuellen und auch mehr als meine.

Das ist keine Bescheidenheit; ich weiß, was ich als Autor wert bin, ich war noch nie bescheiden, und ich lehne die Bescheidenheit auch ab. Das ist vielmehr eine Tatsache: Ich betrachte Muray und Dantec als mir intellektuell leicht überlegen.

Zunächst: Wen würde man in Frankreich als Intellektuellen bezeichnen? Soziologisch gesprochen, ist das eine ganz präzise Sache. Es ist jemand, der fleißig studiert hat, am besten an der École Normale Supérieure, mindestens aber an einer Universität, Fachbereich Literatur oder Geisteswissenschaften. Es ist jemand, der ab und zu Essays veröffentlicht. Der einen hinreichend wichtigen Platz in einer Zeitschrift besetzt, die sich den intellektuellen Debatten widmet. Und dessen Name regelmäßig unter Meinungsstücken zu Ideendebatten steht, in den entsprechenden Rubriken der wichtigsten Tageszeitungen.

Weder Dantec noch Muray oder ich erfüllen auch nur eines dieser Kriterien. Wir wären eher als Schriftsteller zu bezeichnen, was eine davon verschiedene soziologische Kategorie ist. In Wirklichkeit gibt es sogar nur ganz wenig Berührung zwischen Intellektuellen und Schriftstellern. Vor dem Erscheinen von Lindenbergs Buch kannte ich keinen der zitierten Intellektuellen persönlich, ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, ihnen zu begegnen. Dagegen kannte ich Muray und Dantec sehr gut.

Gottes tragische Koinzidenzen

Mitunter werde ich betrachtet wie eine Art Prophet, während es mir doch offensichtlich erscheint, dass meine prophetischen Fähigkeiten weit geringer ausgebildet sind als die meiner zwei Kameraden. Was diese Illusion erzeugt hat, ist, dass es manchmal seltsame Koinzidenzen gibt zwischen dem Erscheinen meiner Bücher und anderen weitaus dramatischeren Ereignissen. Es stimmt, mein Roman „Soumission“ (Unterwerfung) ist in Frankreich am Tag der Anschläge auf „Charlie Hebdo“ erschienen. Weniger bekannt ist, dass ich der „New York Times“ ein Interview über „Plattform“ gegeben hatte – ein Interview, in dem der Journalist übrigens fand, ich übertriebe wahrscheinlich die islamistische Gefahr. Nun – dieses Interview ist in der „New York Times“ vom 11. September 2001 erschienen. Kurzum, es scheint, dass Gott (oder das Schicksal oder eine andere grausame Gottheit) sich damit amüsiert, unter Benutzung meiner Bücher tragische Koinzidenzen zu erzeugen.

Aber wenn man das größere Bild betrachtet, was genau habe ich da prophezeit? In „Unterwerfung“ die Machtergreifung eines moderaten Islams, dem sich ein Europa, das seinen Werten abgeschworen hat, die ihm im Grunde nicht mehr passen, unterwerfen würde.

Im Augenblick könnte man ja nicht sagen, wie sich in Europa der gemäßigte Islam manifestiert. So gesehen, könnte man sagen, ich wäre ein schlechter Prophet gewesen. Es gibt da nur diese kleinen Anzeichen, die sich langsam bemerkbar machen. Zunächst – und tatsächlich wie in meinem Buch – wäre da die Biegsamkeit des Rückgrats der europäischen Universitäten, insbesondere der französischen: die Leichtigkeit, mit der sie gleich welche Konzession machen, sobald wichtige Finanzierungen, die aus den Golf-Monarchien stammen, auf dem Spiel stehen. Da entdeckt man sie wieder, die natürliche Eignung der Franzosen zur Kollaboration.

Dann der Umstand, dass junge Mädchen in vielen Stadtteilen mehr und mehr davon absehen, sich sexy oder provozierend zu kleiden, damit sie in Ruhe gelassen werden. Tatsache ist, und das fiel mir neulich wieder ein, dass die jungen Mädchen heute, verglichen mit meiner Jugend, sehr viel weniger aufregend gekleidet sind. Zu beurteilen, ob das nun eine schlechte Sache ist oder nicht, ist übrigens eine ambivalente Frage für mich – mir scheint, man könnte aus meinen Büchern radikal entgegengesetzte Schlüsse ableiten, mit gleicher Plausibilität.

Maurice Dantec verstand

Kurz, man könnte sagen, ich bin ein Prophet im halben Sinn des Wortes, ein Prophet, dessen Vorhersagen sich nur sehr langsam realisieren. Und jetzt zu Maurice Dantec – was hat er vorhergesagt? Vor allen anderen: das Auftreten des Djihadismus. Das Wiedererscheinen eines angreifenden, gewalttätigen Islams, angetrieben von Welteroberungsplänen, eines Islams, der Attentate durchführt und die ganze Welt mit Bürgerkrieg überzieht. Was hat Dantec in den Stand versetzt, diese unglaubliche Intuition zu entwickeln? Unbestreitbar die Tatsache, dass er während des Balkan-Krieges nach Bosnien gegangen ist – nach Bosnien, das eines der ersten Länder war, in denen der internationale Djihadismus seine Leute ausbildete. Das war es: Maurice Dantec ist nach Bosnien gefahren, und er hat verstanden, was dort gerade geschah. Er war der Einzige.

Aber am faszinierendsten ist, welche Position Maurice Dantec daraufhin eingenommen hat. Die Haltung unserer Regierungen – insbesondere der französischen – war doch, grob gesagt, diese: „Wir werden siegen, denn unsere Werte sind die stärkeren: Die Trennung von Kirche und Staat, die Demokratie, der Liberalismus, die Menschenrechte et cetera.“ Und noch dazu (aber davon sprechen sie nicht) sind wir die besser Bewaffneten.

Es gibt einen kaum bekannten Text von Philippe Muray, der 2002 unter dem Titel „Liebe Djihadisten“ veröffentlicht wurde und von einer sehr dunklen Ironie durchtränkt ist. Lassen Sie mich Ihnen einen Auszug daraus vorlesen: „Liebe Djihadisten! Fürchtet den Zorn des Mannes in Bermudashorts! Fürchtet die Wut des Konsumenten, des Reisenden, des Touristen, des Urlaubers, der aus seinem Wohnwagen steigt! Ihr stellt Euch vor, wie wir uns suhlen in unseren Freuden und Vergnügungen, die uns haben verweichlichen lassen.“ An anderer Stelle mokiert er sich sanft über Salman Rushdie, der über die Islamisten schreibt: „ Sie wollen uns alle guten Dinge des Lebens nehmen: Schinkensandwiches und Miniröcke . . .“ Wieder an anderer Stelle bezeichnet er „Le Monde“ als „quotidien de révérence“, also als Tageszeitung der Verneigung (statt référence, Referenzblatt im eingangs erwähnten Sinne; die Red.), oder als „quotidien de déférence“ (Journal der Ehrerbietung).

Maurice Dantec selbst definiert sich als „gläubigen und zionistischen Kämpfer“. Was er von uns im Westen verlangt, ist, wieder zu denen zu werden, als die uns die Djihaddisten zu Unrecht beschreiben: uns wieder in Gekreuzigte zu verwandeln. Einzig eine spirituelle Macht wie das Christentum oder das Judentum wäre seiner Meinung nach imstande, mit einer anderen spirituellen Macht wie dem Islam zu kämpfen.

Paradoxer Hoffnungsschimmer

An dieser Stelle bin ich versucht, sehr weit auszuholen, weil ich gerade Lamartines „L’histoire des Girondins“ lese, die recht eigentlich eine Geschichte der Französischen Revolution ist. Was einen zuallererst verwundert in diesem Buch, ist der Glaube, der die französischen Revolutionäre beseelt, ein Glaube, der sie unsinnige Akte des Heldentums hat vollführen lassen und der es ihnen erlaubt hat, das verbündete Europa militärisch zu besiegen, und das, während im Land selbst mehrere Bürgerkriege tobten. Haben wir heute, wir anderen liberalen Demokraten zu Beginn des 21. Jahrhunderts, denselben republikanischen Glauben? Die Frage zu stellen heißt, sie schon zu beantworten.

Was allerdings auch erstaunt, ist die monströse Grausamkeit der französischen Revolutionäre. Man kann verstehen, wenn Joseph de Maistre die Französische Revolution als eine vollständig satanische Veranstaltung ansieht. Alle vier oder fünf Seiten bei Lamartine werden auf Lanzen aufgespießte abgeschlagene Köpfe herumgetragen. Und ohne Unterbrechung diese abscheulichen Geschichten. Da gibt es die berühmteste, jene der Prinzessin von Lamballe, deren Vulva an ihrem Leichnam zerschnitten wurde – von einem Aufrührer, der sich einen falschen Bart daraus machte. Da sind die abgeschlagenen Köpfe, die man zum Kegeln benutzte. Die Kinder, die ihren Eltern das Grab schaufeln mussten. Wiederholte Szenen, in denen der Helfer des Henkers einen von der Guillotine herabgefallenen Kopf zurückholt, um ihn unter den Anschuldigungen des Publikums zu ohrfeigen. Neben den französischen Revolutionären erscheinen die Menschen des „Islamischen Staates“ beinahe zivilisiert.

An diesem Punkt gibt es einen Zweifel, den ich mit Ihnen teilen möchte: einen pascalschen sinistren Zweifel, der aber paradoxerweise einen Hoffnungsschimmer bergen kann. Die herkömmliche Idee ist, dass das menschliche Wesen zum Heldentum wie zur Grausamkeit fähig wird, weil es durch einen Glauben beseelt ist; meistens religiös, mitunter revolutionär. Der pascalsche Zweifel meint, dass der Mensch mitunter von einer Trunkenheit der Gewalt, der Grausamkeit, des Gemetzels ergriffen wird und dass er dann als Vorwand irgendeinen beliebigen Glauben verwendet, am häufigsten einen religiösen, um seine Taten zu rechtfertigen.

Das Schicksal der anderen

Also, die Grausamkeit und das Gemetzel breiteten sich aus und verzehrten das Land. Und dann, mit einem Schlag, hört das auf. Warum hat die Französische Revolution ein Ende genommen? Warum wurden die Menschen mit einem Schlag dieser Blutorgie überdrüssig? Darüber wissen wir nichts. Mit einem Mal, ohne ersichtlichen Grund, ließen die Menschen nach, und die Gier nach Blut verschwand. Und vielleicht wird einfach so, ohne wirklichen Grund, auf konfuse Weise und wenig spektakulär auch der „Islamische Staat“ enden.

Von dieser grausamen, gewalttätigen männlichen Welt spricht Philippe Muray sehr wenig. Wovon er uns vor allem berichtet, ist eine ermüdete westliche Welt, wehleidig und ängstlich, und auch da haben sich seine Vorhersagen verblüffend genau erfüllt.

Aber bevor ich weiter über Philippe Muray spreche, möchte ich Ihnen eine berühmte Stelle von Tocqueville vorlesen, denn es ist immer ein Vergnügen, so viel Intelligenz gepaart zu sehen mit einer solchen stilistischen Eleganz. „Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller andern fremd gegenüber: Seine Kinder und seine persönlichen Freunde verkörpern für ihn das ganze Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, dass er kein Vaterland mehr hat. Über diesen erhebt sich eine gewaltige bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmäßig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; statt dessen aber sucht sie bloß, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen. Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Betreuer und einziger Richter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, ermisst und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?“

Prostitution als Korrektiv der Ehe

Das wurde 1840 veröffentlicht, im zweiten Teil von Tocquevilles Meisterwerk „Über die Demokratie in Amerika“. Das ist schwindelerregend. Was die Ideen betrifft, so enthält diese Passage praktisch mein gesamtes geschriebenes Werk. Ich habe dem nur eines hinzuzufügen gehabt: dass das Individuum, welches bei Tocqueville noch Freunde und eine Familie hat, sie bei mir nicht mehr hat. Der Prozess der Vereinzelung ist abgeschlossen.

Was die Ideen betrifft, enthält diese Stelle auch praktisch die gesamten Schriften von Philippe Muray. Philippe hat ihm nichts als eine Präzisierung hinzugefügt, und zwar, dass jene Macht keine väterliche Macht ist, sondern in Wirklichkeit nichts anderes als die mütterliche Macht. Mit den von Philipp Muray angekündigten neuen Zeiten ist ganz einfach die Rückkehr des Matriarchats in neuer Form gemeint, in Staatsform. Die Bürger werden in einem Zustand fortgesetzter Kindheit gehalten, und der erste Feind, den unsere westliche Gesellschaft versucht auszurotten, ist das männliche Zeitalter, ist die Männlichkeit selbst.

In diesem Sinn hat die Entwicklung der französischen Gesellschaft seit Philippe Murays Tod und insbesondere seit der Rückkehr der Sozialisten an die Macht seine Prophetien in atemberaubendem Ausmaß bestätigt – mit einer Rasanz, die ihn selbst, glaube ich, erstaunt hätte. Die Tatsache, dass Frankreich nach Schweden das zweite Land der Welt sein könnte, dass die Kunden von Prostituierten bestraft, das, so glaube ich, wäre selbst Philippe Muray schwergefallen zu glauben, er wäre entsetzt zurückgeschreckt vor der Perspektive. Nicht so früh. Nicht so schnell. Nicht in Frankreich. Die Prostitution abschaffen heißt, eine der Säulen der sozialen Ordnung abzuschaffen. Das heißt, die Ehe unmöglich zu machen. Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft. Die Prostitution abzuschaffen, das ist für die europäischen Gesellschaften einfach ein Selbstmord.Also ja: Man kann dieser ältesten, aus dem späten Mittelalter wieder aufgetauchten Formel, dem salafistischen Islam, eine große Zukunft voraussagen. Und also ja: Ich bleibe bei meiner Prophetie, auch wenn die Ereignisse mir im Moment unrecht geben. Der Djihadismus wird ein Ende finden, denn die menschlichen Wesen werden des Gemetzels und des Opfers müde werden. Aber das Vordringen des Islams beginnt gerade erst, denn die Demographie ist auf seiner Seite und Europa hat sich, indem es aufhört, Kinder zu bekommen, in einen Prozess des Selbstmords begeben. Und das ist nicht wirklich ein langsamer Selbstmord. Wenn man erst einmal bei einer Geburtenrate von 1,3 oder 1,4 angekommen ist, dann geht die Sache in Wirklichkeit sehr schnell.

Muray und Dantec

Unter diesen Umständen sind die unterschiedlichen Debatten, die von den französischen Intellektuellen geführt werden, über die Trennung von Kirche und Staat, den Islam et cetera, von gar keinem Interesse, weil sie den einzigen relevanten Faktor, den Zustand des Paars, der Familie, gar nicht einbeziehen. Also kann es auch nicht überraschen, dass im Verlauf der letzten zwanzig Jahre die einzigen Personen, die einen interessanten und bedeutsamen Diskurs über den Zustand der Gesellschaft geführt haben, nicht die Berufs-Intellektuellen waren, sondern Leute, die sich für das wirkliche Leben von Menschen interessieren. Das heißt: die Schriftsteller.

Ich hatte das große Glück, Philippe Muray und Maurice Dantec persönlich zu kennen und so unmittelbaren Zugang zu ihrem Denken zu haben in dem Moment, in dem es sich vollzog. Heute sind sie tot, und ich habe nichts mehr zu sagen.

Das heißt nicht, dass ich am Ende bin. In einem Roman sind Ideen nicht essentiell, noch weniger in einem Gedicht. Und um den Fall eines genialen Romanciers zu nehmen, bei dem die Ideen eine Hauptrolle spielen, so kann man doch nicht sagen, dass die „Brüder Karamasow“ im Vergleich zu den „Dämonen“ mehr Ideen lieferten. Man kann sogar, mit ein wenig Übertreibung, sagen, dass alle Ideen von Dostojewski bereits in „Verbrechen und Strafe“ enthalten waren. Dennoch ist sich der Großteil der Kritiker einig, dass der Roman „Die Brüder Karamasow“ den Höhepunkt des Dostojewskischen Werkes darstellt. Persönlich muss ich gestehen, dass ich mir eine kleine Schwäche für die „Dämonen“ bewahre, aber vielleicht habe ich unrecht, und das ist auch eine andere Debatte.

Man kann auf jeden Fall behaupten, dass es angesichts meines Alters wenig wahrscheinlich ist, dass ich in meinen zukünftigen Werken noch einmal fundamental neuen Ideen Ausdruck verleihen werde. Ich befinde mich also hier vor Ihnen in einer seltsamen Lage, da meine einzigen wahrhaftigen Gesprächspartner gestorben sind. Es gibt in Frankreich noch begabte Schriftsteller, es gibt in Frankreich noch schätzenswerte Intellektuelle, aber mit ihnen ist es nicht das Gleiche wie mit Muray oder Dantec. Heute interessiert es mich zwar, was die anderen schreiben, aber es fasziniert mich nicht wirklich. Es passiert mir, dass ich mich frage, warum ich noch am Leben bin.

Befreiung des Denkens

Ist das eine Frage der literarischen Begabung? Ja, sicher, das spielt mit, aber im Grunde ist es nicht wesentlich. Muray und Dantec besaßen große literarische Begabung, ein seltenes Talent, aber was noch seltener ist: Sie schrieben, ohne jemals an Anstandsregeln oder Konsequenzen zu denken. Sie scherten sich nicht darum, ob sich diese oder jene Zeitung von ihnen abwandte, sie akzeptierten es gegebenenfalls, vollkommen allein dazustehen. Sie schrieben einfach, und einzig und allein für ihre Leser, ohne jemals an die Begrenzungen und Befürchtungen zu denken, die die Zugehörigkeit zu einem Milieu einschließt. Mit anderen Worten: Sie waren freie Männer.

Und ihre Freiheit war befreiend. Dank ihnen sind die französischen Intellektuellen heute in einer neuen Lage, so neu, dass sie sie noch gar nicht ganz ermessen haben: Sie sind frei. Sie sind frei, denn sie sind befreit aus der Zwangsjacke der Linken. Und sie sind auch deshalb frei, weil sie nicht mehr leiden (oder jedenfalls weniger leiden) unter der Art von Faszination, von heiligem Zauber, der auf ihre Vorgänger ausgeübt wurde durch die vorgeblich großen Denker des voraufgegangenen Jahrhunderts. Mit anderen Worten: Die heiligen Kühe sind tot. Der Erste, der von diesem scheinbar unhintergehbaren Horizont des Denkens verschwand, war Marx. Eine ganze Weile später ist Freud ihm ins Grab gefolgt. Das ist noch ganz und gar nicht der Fall bei Nietzsche, aber ich bin guter Dinge, dass auch dies in nicht allzu langer Zeit geschehen wird.

Man kann nicht sagen – darauf bestehe ich -, dass die französischen Intellektuellen „sich befreit hätten“. Die Wahrheit ist: Wir waren es, die sie befreit haben, wir haben mit dem gebrochen, was sie hemmte, und ich bin einigermaßen stolz, an der Seite von Philippe Muray und Maurice Dantec mein Teil dazu beigetragen zu haben. Keiner von uns dreien ist meiner Meinung nach das gewesen, was man einen großen Denker nennen könnte, dazu waren wir wahrscheinlich zu sehr Künstler, aber wir haben das Denken befreit. Jetzt ist es an den Intellektuellen, sich ans Denken zu machen. Und wenn sie ein neues Denken hervorbringen können, das dann auch zu tun.

 Aus dem Französischen von Wiebke Hüster.