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Rolf Hochhuth * 1931
Geburtstag
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Die Tage könnten nicht schöner sein. Die Natur ist ihrer Sache um 3 Wochen voraus. Die Kaffeehäuser und Biergärten sind voll. Es wäre also ein Leichtes Frühlingsgedichte zu posten und dem gestrigen 100. Todestage von Christian Morgenstern zu gedenken.
Von wegen. Ich stelle Ihnen den Roman „Morphin“ von Szczepan Twardoch vor, den ich gestern schon erwähnt habe.

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Rowohlt Verlag € 22,95

als eBook € 19,99
Aus dem Polnischen von Olaf Kühn

Warschau Ende der 30er Jahre: Leutnant Konstanty Willemann wacht nach einer Wodkanacht auf. Der Kater ist mächtig. Im Magen rumort es und der Schädel scheint zu zerspringen.

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Vor dem Krieg war er ein Lebemensch und Dandy; jetzt tigert er durch die zerbombte Stadt und ist ständig auf der Flucht vor den deutschen Soldaten. Väterlicherseits ist er selbst Deutscher. Dadurch dass er die deutsche Sprache perfekt spricht, kommt er auch sehr gut durch seinen Alltag. Konstanty ist innerlich und zerissen, was sich auch daran zeigt, dass er ständig in Sorge um seine Frau und seinen kleinen, heiss geliebten Sohn lebt, aber wilde Nächte mit der Prostituierten Salomé verbingt. Sie beorgt im sein Morphium, seinen Alkohol. Die beiden lieben sich, er erniedrigt sie jedoch auch ständig. Er lebt seit ein paar Wochen ohne Morphin, braucht aber dringend dieses Betäubungsmittel, das ihm, nach langem Zögern, sein Freund gibt, der in einer Klinik arbeitet. Auch dabei ist er zerissen.

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Er weiss sehr genau, dass die Verletzten in der Klinik dringend Morphium brauchen und er weiss, dass er durch seine Sucht, ihnen dieses Schmerzmittel stiehlt. Diese Tage und Nächte sind so intensiv geschrieben, dass mir fast die Luft weggeblieben ist. Konstantys Leben ist ein einziges auf und ab. Er betrügt, er prügelt, er liebt und er wird geliebt. Er lügt seine Familie und seine Freunde an, benutzt seinen Schlagring, um sich gegen Freier von Salomé zur Wehr zu setzen. Irgendwie taumelt er durch diese Zeit und sympatisch ist mir nun wirklich nicht. Auf diesen fast 600 Seiten, die nur ein paar Tage beschreiben, nimmt uns der Autor mit auf die Reise, die nun Konstanty unternimmt. In der feinen Uniform seines Vaters und der undurchsichtigen Dzidzia unternimmt er eine konspirative Reise nach Budapest. Dabei kommen sie durch verwüstete Landschaften, sehen überall den Krieg und landen im noch heilen Budapest. Es ist wie ein Aufatmen. Er hat einen Auftrag zu erfüllen und steht dabei auch wieder an einer Wegkreuzung seines Lebens.

„Wir schwimmen durch die Stadt, flattern auf Adlerflügeln zwischen Mietshäusern, die ich nicht kenne, zwischen phantastischen Häusern, die den Gesetzen der Physik hohnsprechen, indem sie sich über die Erde erheben, wir fahren durch Pfützen von Blut, die weißen Reifen des Adler lassen das Blut gegen die Autoscheiben spritzen, ich betrachte Warschau durch diese blutigen Tropfen, und Warschau ist schön, mit Zinnober und Rötel gemalt.“

Szczepan Twardoch hat einen intensiven, radikalen, aber auch erotischen Roman geschrieben, der nichts auslässt und gut von Tarantino verfilmt werden könnte. Er versteht es jedoch auch sehr zarte Szenen und Momente zu schreiben, die eine wahre Wohltat sind. Unser Held ist mir nicht sympatisch, aber ich kann ihn verstehen. Wenn auch vielleicht nur als Symbol vieler anderer Menschen in der Vorhölle der Zweiten Weltkrieges, in dem sich zu Beginn die deutschen Soldaten in Polen ausgetobt haben. Irmagrd Keun beschreibt ein ähnliches Bild der ohnmächtigen Menschen im Nazideutschland der gleichen Zeit. Das was bei ihr locker, frech beschrieben wird, ist hier laut, derb und brutal.
Konstanty Willemann ist eigentlich auf der Suche nach der vergangenen Zeit. Nach seiner unzerstörten Heimat. Das scheinen wohl auch die polnischen LeserInnen gemerkt zu haben und machten diesen Roman zu einem Bestseller. Das wird er wohl in Deutschland nicht schaffen. Eine Lektüre dieses gekonnten, atemlosen und gewaltigen (in mehreren Deutungen) Roman lohnt sich auf jeden Fall.

„Ich schweige. Ich atme noch. Es gibt kein Warum. Nichts ist für etwas, alles ist nur. Ist nur dunkle, schwarze, pulsierende Substanz unter der dünnen Haut dieser Welt und sucht dort draußen, an der Oberfläche, eine Antwort auf die Frage – warum?“

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Leseprobe

Szczepan Twardoch, geboren 1979, gilt als die herausragende neue Stimme der polnischen Literatur. Mit der Veröffentlichung von «Morphin» (2012) gelang ihm der Durchbruch, der Roman war in Polen ein Bestseller und wurde u. a. mit dem renommierten Polityka-Passport-Preis ausgezeichnet. Szczepan Twardoch lebt in Pilchowice/Schlesien.

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