Donnerstag

Heute haben
Peter Rosegger * 1843
Primo Levi * 1919
Walter Vogt * 1927
Cees Nooteboom * 1933
Martin Mosebach * 1951
J.K.Rowling * 1965
Geburtstag
und es ist der 70.Todestag von Antoine de Saint-Exupéry.
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Gestern trafen endlich die sehnlichst erwarteten Neuerscheinungen aus dem Hanser Verlag ein und somit kann ich Ihnen auch den neuen Seethaler hier vorstellen, nachdem das die Süddeutsche schon letzte Woche und die FAZ gestern gemacht hat.

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Robert Seethaler: „Ein ganzes Leben“
Hanser Berlin Verlag € 17,90
als eBook € 13,99

Robert Seethaler hat uns das bestverkaufte Buch des Jahres beschert. „Der Trafikant“, den es als Taschenbuch für € 9,90 im Verlag „Kein und Aber“ gibt, überholt bei uns alle anderen Bestseller um Längen. Dies kann aber nur so funktionieren, dass die KundInnen, die das Buch gelesen haben so begeistert sind, dass sie es gleich mehrfach für ihre FreundInnen brauchen.
Jetzt hat Seethaler den Verlag gewechselt, lebt in Berlin und nicht mehr in Wien, aber kann vielleicht seinen Erfolg mit diesem neuen Buch wiederholen: Wir werden ihn darin unterstützen.
Seethaler bleibt Österreich treu, zumindest in der literarischen Welt. Es ist nicht mehr der junge Franz, wie im „Trafikant“, der im Mittelpunkt steht, sondern Andreas Egger. Er wird genauso ins Leben geworfen, wie unser Franz, jedoch auf eine deutlich härtere Gangart. Als vierjähriger Waise landet er bei seinem Onkel auf dem Land. Ein schönes Leben hat er dort nicht, da der Onkel ihn oft verprügelt und sogar zum Krüppel prügelt. Andreas erträgt dies alles. Er wird kräftig, arbeitet überall, wo es etwas zu tun gibt, bleibt jedoch wortkarg in sich verschlossen. Er fügt sich seinem Schicksal, kennt sich mittlerweile in der Bergwelt sehr gut aus und sieht eine Zukunft als Bauarbeiter beim Seilbahnbau. Hier kommt der Fortschritt in die Bergwelt und die Struktur der ländlichen Welt ändert sich dadurch. Er erlangt dadurch etwas Freiheit und kann sich eine kleine Hütte hoch über dem Dorf herrichten. Als er noch Marie, die in einem Wirtshaus arbeitet, kennenlernt, scheint doch etwas wie Glück in sein Leben zu kommen. Doch dies dauert nicht allzulange, da eine Schneelawine sowohl seine Frau, als auch seine Hütte wegreisst. Seethaler schafft es in seiner ruhigen Sprache das auszudrücken, wie es Andreas im Inneren geht. Er klagt nicht an, nimmt sein Schicksal so wie es kommt. Er kann sowieso nichts daran ändern. Als er im zweiten Durchgang doch noch zu den Soldaten und gleich nach Russland muss, erträgt er seine jahrelange Gefangenschaft stoisch und mit einer großen Gelassenheit. Zurück im Dorf nimmt er sein altes Leben wieder auf.
Robert Seethaler ist in diesem schmalen Roman die Biografie eines einfaches Mannes gelungen, wie ich sie selten gelesen habe. Einfach in der Sprache, einfühlsam und warmherzig und hart in den Tatsachen, lesen wir wie gebannt bis ans Ende in denen Andreas auf seine letzten Herztöne wartet und als keiner mehr kommt, lässt er los und geht.
Seethaler vergisst aber nicht sein großes Angebot von besonderen Typen, wie wir sie aus all seinen Romanen kennen. Es gibt den Ziegenhirten, der versucht vor dem Tod, der „kalten Frau“ zu fliehen, oder seinen Mitarbeiter, der einen Arm verliert und wie dieser von seinen Kollegen beerdigt wird (also der Arm, nicht der Mann, der lebt ja noch) und viele andere Personen. Genauso wie viele kleinere Episoden aus dem Leben von Andreas, die Seethaler immer wieder einflicht und so dem Roman das Besondere verleiht. Wir können uns die einzige Busfahrt aus dem Dorf so gut vorstellen, die der alte Andreas unternimmt und an der Endhaltestelle wieder umdreht und wieder dort aussteigt, wo er fast sein ganzes Leben gewohnt und gearbeitet hat.
Seethaler hat mit Andreas Egger eine Person geschaffen, die wir nicht mehr schnell vergessen werden und mit ein wenig Glück kassiert Seethaler mit diesem Roman noch ein paar große Preise ab.

Leseprobe

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Mittwoch

Heute haben
Giorgio Vasari * 1511
Emily Bronte * 1818
Dominique Lapierre * 1924
Renate Feyl * 1944
Patrick Modiano * 1945
Geburtstag
und halt auch noch
und Jürgen Klinsmann * 1964
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Der Buchtipp für heute, passt vielleicht auch zum Schulschluss in Baden-Württemberg. Der vorbildliche Mirco Watzke lebt auch auf ein wichtiges Ereignis in der Schule hin, aber der Fall der Mauer macht ihm ein Strich durch die Rechnung.

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Mawil: „Kinderland“
Reprodukt € 29,00

Einfach grossartig was Mawil hier in dieses dicke Buch gepackt hat. Über 290 Seiten, voll mit Comic-Bildchen. Wie er den kleinen, vorbildlichen Schüler Mirco („Mirgo“, wie ihn seine sehr kleine Schwester nennt) darstellt, ist einach toll.

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Wir befinden uns in der DDR des Jahres 1989. Micro lebt einer Familie, die christlich orientiert ist. In der Kirche ministriert er auch ab und an. Gleichzeitig ist er natürlich im ganz normalen DDR-Alltag integriert. FDJler in der Schule prägen den Alltag um ihn herum. Bis eines Tages ein Mitschüler auftaucht, der in die Parallelklasse kommt. Er ist anders. trägt auch keine Uniform bei Festtagen, benimmt sich anders. Obwohl er einen Kopf größer als Mirco ist, hilft er ihm, als Mirco sich mit dem Bus verfahren hat und er zu spät in die Schule kommt. Mawil packt immer wieder witzige Momente, berlinerische Sprüche in seine Bilder. Und gerade der neue Mitschüler hat einen wilden Slang drauf. Zwischen den beiden entwickelt sich eine schöne Freundschaft und als Mirco Probleme mit den älteren Schülern bekommt, steht ihm immer wieder der Neue bei.
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Mawil malt für uns diese Wochen und Monate vor dem Mauerfall wie ein normaler Sommer. Mirco hört zwar immer wieder von „Rübermachen“, Schüler tauchen nicht mehr auf und sogar Lehrer bleiben vom Unterricht fern. Als Mirco seine Russischlehrerin besucht (eine ganz harte in der Schule), sehen wir, wie sie gerade noch rechtzeitig das Westfernsehen ausschaltet und den „Spiegel“ versteckt. Doch all dies bekommt er gar nicht mit. Für ihn entwickelt sichdas Tischtennisspielen zu seinem Lebensmittelpunkt. Hier kann er es den Großen zeigen. Das geht sogar so weit, dass seine Mitschüler ihn dazu auswählen, ein Turnier zu organisieren. Alles gar nicht so einfach, wenn in der Schule nur eine Platte, aber keine Netz vorhanden ist und wenn Bälle Mangelware und „Kellen“ durch Bücher ersetzt werden. Aber es kommt mal wieder anders. Wie so oft im Leben. Die Mauer fällt und Mircos Eltern fahren für einen Tag nach Westberlin. Mirco ist sauer, gekränkt – kann er doch am Turnier nicht teilnehmen. Er findet jedoch in einem Kaufhaus einen Tischtennisschläger und kauft sie seinem Freund.

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Mawil schafft es in seinen vielen Bildern eine warmherzige, freundliche, freche und ehrliche Geschichte zu erzählen, die vor 25 Jahren hier in Deutschland passiert ist. Eine Jungenfreundschaft, eine Entwicklungsgeschichte und eine entscheidende Situation in der deutschen Geschichte, die von den Schülern gar nicht, oder nur am Rande bemerkt worden ist.

Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen.

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Dienstag

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Heute haben
Simon Dach * 1605
August Stramm * 1874
Dag Hammarskjöld * 1905
Chester Himes * 1909
Mikis Theodorakis * 1925
Harry Mulisch * 1927
Sten Nadolny * 1942
Ulrich Tukur * 1957
Geburtstag
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Michel Bergmann: „Alles was war“
Arche Verlag € 14,00

Der Verlag nennt es eine Erzählung, und hat den Text von Michel Bergmann in ein schönes gebundes Buch verpackt und in seiner „kleinen Reihe“ veröffentlicht. Es sieht fast so wie ein Verschenkbuch aus, das neben der Kasse liegt und Sommergedichte beinhaltet. Aber irgendwie liegt der Verlag hier nicht ganz richtig.
Michel Bergmann wurde 1945 als Kind jüdischer Eltern in einem Internierungslager in der Schweiz geboren. Nach einigen Jahren in Paris ziehen die Eltern nach Frankfurt am Main. Wir kennen ihn von seiner Teilacher-Trilogie, die auch zuerst im Arche Verlag und dann als Taschenbuch bei dtv erschienen sind. Sie werden alle drei im Moment verfilmt. Mit diesen humorigen Beschreibungen der deutschen Juden in Frankfurt nach dem Krieg und wie sie trotz ihres Leid, ihrer Traumata wieder ihrer Arbeiten nachgehen, hat ihnen der Autor ein wichtiges Denkmal gesetzt.
Hier nun vermuten wir den gleichen Stil. Es würde so schön passen. Lustige jüdische Geschichten aus dem Nachkriegsdeutschland. Aber genau das will wohl Michel Bergmann nicht. Er erzählt Episoden aus seiner Familie und betrachtet von aussen den kleinen Jungen, wie er aufwächst mit seinen Eltern, seinem Onkel und der anderen Verwandschaft, die alle eine große Last auf dem Rücken haben und ihren Kindern weitergeben. Dieser Junge ist anders und wird immer noch besonders betrachtet. Die Vorurteile gegenüber den Juden scheinen sich wohl auf ewig festgebrannt haben. Sein Vater ist schwer krank und stirbt, als er noch klein ist. Seine Mutter nimmt das Heft in die Hand und bringt den Betrieb mit Weisswäsche wieder in Schwung. Bis sich auch hier die Zeiten ändern. Bergmann schreibt über die Schulzeit, über die Kameraden des Jungen, über Feste mit der Familie und wird immer wieder sehr aktuell und politisch. Fast erschrecken wir, wenn er sich bitter beklagt, dass sich die Vorurteile nicht abbauen, sondern immer mehr festsetzen. Er klagt an und wir merken, wie sehr wir geprägt sind durch Medien und das, was wir täglich hören.
Sie merken schon, der Begriff „Erzählung“ trifft den Kern des Buches nicht. „Alles was war“ heisst der Titel und doch sind es nur Ausschnitte einer Kindheitund Jugend in Frankfurt. Wir begleiten den Jungen bis zum Tod seiner Mutter, bis zur Ausbildung bei der „Frankfurter Rundschau“, genau wie im wahren Leben des Autors. Wir bgeleiten ihn auf eine besondere Weihnachtsfeier und lesen bewegende Zeilen über Fritz Bauer, dem der junge Mann als Zeitungsmensch bei den Auschwitz-Prozessen begegnet und merken daran, wie wichtig diese Texte dem Autor sind, wie er das Leben der Juden in Frankfurt, in Deutschland nicht nur in einem humorigen Licht zeigen will.
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Unser Sommerwettbewerb läuft und hier zeige ich Ihnen ein paar aktuelle Einsendungen.
Mehr finden Sie auf jastrammeinbuch.tumblr.com

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