Montag

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Heute haben
Rudolf Leonard * 1889
Dylan Thomas * 1914
Sylvia Plath * 1932
Gert Brantenberg * 1941
Zadie Smith * 1975
Geburtstag
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Dylan Thomas
Do Not Go Gentle Into That Good Night

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.   …..
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machandel

Regina Scheer: „Machandel“
Knaus Verlag € 22,99
E-Book € 18,90

Clara steht im Mittelpunkt dieses Erstlingswerkes der 64jährigen Autorin. Sie bezieht Mitte der 80er Jahren einen Katen des Gehöfts in Machandel, mit Familie und Bruder. Es ist die Zeit der langsamen, großen Umbrüche und für Clara eine Zeit der großen Entdeckungen. Aus Claras Sicht sind 13 der insgesamt 25 Kapitel erzählt. Zusammen ergeben sie ein komplex konstruiertes multiperspektivisches Zeitmosaik, das von den 30er- bis in die 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts reicht. Und in Clara können wir vielleicht etwas von der Autorin selbst erkennen. Weitere Personen wechseln sich mit ihr ab. Ihr Vater, eine russische Zwangsarbeiterin, und noch zwei weitere Menschen in verschiedenen Zeitaltern.

„Das Haus schien lange schon unbewohnt, die Fenster waren ohne Glas, eine Tür knarrte bei jedem Luftzug, sie war nur mit einem Draht verschlossen wie ein altes Stalltor. Zwischen den Dielen einer Stube wuchs eine kleine Birke. Wilde Rosenbüsche drängten sich an die Hauswand, später erfuhr ich, wie Emma sie nannte: Kartoffelrosen. Schwere, duftende Zweige hingen durch die Fenster ins Haus. Wir gingen durch die verlassenen Zimmer wie verzaubert, sprangen durch die Fenster in den verwilderten Garten. Und schon in diesen ersten Stunden in Machandel beschlossen wir, alles zu tun, damit das halb zerfallene Haus unseres würde.“

In ihrer unaufgeregten Sprache erzählt sie uns eine deutsch-deutsche Geschichte vor dem Zweiten Weltkrieg, während und bis in die Gegenwart reichend. Sie lässt alle Personen auf gleicher Höhe erzählen, überlässt uns Bewertungen. Diese Stärke zieht sich durch das ganze Buch und lässt die latente Gewalt, die diesen Menschen entgegenkommt, nicht in den Vordergrund treten. Scheer beschreibt fast nüchtern, doch mit großer Empathie, lässt Clara immer wieder Mythologsches einflechten.

„In diesem ersten Sommer in Machandel verlor ich das Gefühl für die Uhrzeit und auf unseren Streifzügen verschwammen manchmal auch die Jahrhunderte. Eichen wuchsen aus den Stümpfen noch mächtigerer Eichen. Machandelbäume standen in gerader Reihe auf Wegscheiden, die keine mehr waren. An anderen Stellen bildeten Machandelbüsche und Schlehen ein undurchdringliches Gebüsch. Manchmal fand Julia kleine versteinerte Seetiere, Muscheln, Hühnergötter wie am Meer. Und stopfte sie in die Taschen ihrer speckigen Lederhose. Noch vor den Obodriten, noch vor der Bronzezeit, als es hier noch keine Menschen gab, waren gewaltige Eismassen vom Norden her gekommen und hatten sich über diese Landschaft gewälzt, sie für immer geprägt. „Wissen die Bäume, dass hier einmal ein Meer war?“, fragte Julia. „Und das Gras? Und die Blumen? Können sie sich erinnern?“

Dieser Katen ist der Mittelpunkt des Romanes. Hier lebten und leben die verschiedensten Menschen und deren Biografien verknüpfen sich auf den paar wenigen Quadratmetern des einfachen Hauses. Wie Sateliten kreisen sie um das Gebäude und erzählen uns ihre Biografien. Schreckliche Erinnerungen sind es von Hungermärschen und KZ, von Zwangsarbeit und später auch von Bespitzelung zu DDR-Zeiten. Menschen, die den Krieg überlebt haben, werden Jahre danach nach Aufständen in Prag z.B. hingerichtet. Gerechtigkeit scheint es nirgends zu geben.

„1939 war ich 14 und mein Vater und meine Mutter wurden geholt, morgens um drei, sie seien Sowjetfeinde, hieß es. Ich stand im Nachthemd auf dem Korridor, als die Männer meine Eltern wegführten. Was der Vater gesagt hat, wie er aussah, habe ich vergessen. Mama hat mich traurig angeschaut mit ihren schönen Augen, ihr Haar, das sie sonst hochgesteckt trug, hing herunter wie bei einem Mädchen. „Budj silnoi“, hat sie gesagt. Nur diese beiden Worte. Ich habe sie mir immer wieder gesagt, mein ganzes Leben lang. Wenn es schwer war, habe ich die Augen geschlossen und Mamas Gesicht gesehen: Sei stark.“

Und das ist auch wiederum die Stärke der Autorin, die der alles beherrschenden Gewalt und dem Tod Menschenliebe und fraglose Hilfsbereitschaft entgegensetzt.
Ein Roman, den ich gar nicht richtig zusammenfassen kann, da er so viel historisches Material enthält und dies so gekonnt miteinanderverbindet. Märchenhaftes wechselt sich mit der Gegenwart ab und lässt uns Seite für Seite mehr in das Innere der Menschen blicken, die Reisen um die ganze Welt unternehmen um ihre Liebsten wiederzufinden.
Aber die Welt dreht sich weiter. Das Gehöft ist nun eine Hotelanlage, die (natürlich) von Schwaben betrieben wird. Clara kommt immer weniger dorthin, aber der Katen wird wieder neu bewohnt. Und obwohl Clara lukrative Angebote von Immobilienmakler bekommt, lässt sie sich nicht darauf ein und behält unter den neuen „Mietern“ zwei Zimmerchen für sich.
Mit dieser kurzen Besprechung werde ich diesem grossartigen und interessanten Buch nicht gerecht und hoffe, dass es noch viele Besprechungen geben wird.

Leseprobe

Regina Scheer, 1950 in Berlin geboren, studierte Theater- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität. Von 1972–1976 arbeitete sie bei der Wochenzeitschrift „Forum“, deren Redaktion wegen „konterrevolutionärer Tendenzen“ aufgelöst wurde. Danach war sie freie Autorin von Reportagen, Essays und Liedtexten und Mitarbeiterin der Literaturzeitschrift „Temperamente“. Nach 1990 arbeitete sie an Ausstellungen, Filmen und Anthologien mit und veröffentlichte mehrere Bücher zu deutsch-jüdischer Geschichte. „Machandel“ ist ihr erster Roman.

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