Samstag

Heute haben
Wilhelm Hauff * 1802
Carlo Levi * 1902
Gerti Tetzner * 1936
Geburtstag
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Anarchie und wildes Durcheinander im Bilderbuch.
Die Mumins gehen Skifahren, Frank Viva schickt einen Radler auf eine lange Straße und bei uns in der Buchhandlung stand ein Weihnachtsrad.

Mumin

Tove Jansson: „Mumins Winterfreuden“
Aus dem Englischen von Michael Groenewald, Annette von der Weppen und Matthias Wieland
Handlettering von Michael Hau
Reprodukt Verlag € 10,00
Grahic Novel für alle Alter

Der Winterschlaf steht an. Alles geschieht, wie die Vorfahren es schon immer gemacht haben und wie es auch die Mumins jedes Jahr tun. Doch dieses Mal scheint der Wurm drin zu sein. Der Winterschlaf wird hinterfragt und kritisiert. Doch die letzten Vorbereitungen laufen, alle schlüpfen ins Heu und wünschen sich einen guten Winter und bis in drei Monaten. Leider piekst das Heu, Muminpapa ist es langweilig, er steht auf und fragt sich, warum man alles den Ahnen nachmachen muss. Also weckt er seine Familie auf und meint, dass sie dieses Jahr auf den Winterschlaf pfeifen werden, öffnet die Dachluke und ab geht es in den tiefen Schnee. Doch das ist alles nicht so einfach. Das mit dem Skifahren, Schlittschuhlaufen, usw. Es taucht natürlich auch ein neuer Schönling auf: Herr Frisch, der Sportfanatiker, dem Snorkfräulein sofort hinterherläuft (ja hat die denn gar nichts gelernt an der Riviera?). Es beginnt ein heilloses Durcheinander mit Wettspielen, Eifersüchteleien, Schneelawinen und einem Selbstmordversuch. Ein anarchisches Winterfest, das mit dem Hereinbrechen des Frühlings endet.

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Doch nicht genug:
Im Diogenes Verlag ist ein wirklich irres, tolles, freches Bilderbuch erschienen, dem ein 6 Meter langes, gefaltetes Poster begelegt ist.

viva

Frank Viva: „Eine lange Straße lang“
Diogenes Verlag € 24,90

Hier rast ein Radler eine Straße entlang, hoch und runter, durch einen Tunnel und am Meer vorbei. Er fährt über eine lange Brücke („eins, zwei drei“) und schnell am Eiswagen und Franks Kiosk vorbei. Er stolpert fast am Schuhgeschäft, macht einen Halt an der Bibliothek und rast immer weiter, immer schneller, so dass er sich auf einer Doppelseite dehnt. Er wird lang wie ein Kaugummi, macht eine Schleife und ist wieder am Start.
Ein grafisches Kunstwerk, auf dem sich die orangene Straße nicht nur farblich, sondern auch haptisch abhebt.
Dazu noch das Plakat, das für die Zimmerwand gedacht ist.
Wunderbar. Und vielleicht ist das Poster, das keinen Text enthält, nicht nur für’s Kinderzimmer, sondern auch für das nüchterne Büro der Erwachsenen, damit die sich mal richtig wegträumen können und nicht heimlich im Netz surfen müssen.
Hier gibt es die ersten zwei Meter im Miniformt:

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Doch nicht genug mit Radeln.
Gestern stand plötzlich Ole Pedaleur im Laden und hatte „Noelle“ dabei – die neue Kreation aus dem Radladen in der Rabengasse.

Design aus Ulm, gebaut in Deutschland
Klassische Stahlrahmen als Schwan oder Diamantrahmen – je 4 Größen – mehr als 200 Farben zur Auswahl.
7-Gang Shimano Nexus – LED-Beleuchtung mit Nabendynamo – Schwalbe Ballonreifen – Hebie Zweibeinständer und viele Specials mehr …
Das Weihnachtsrad gibt es auch als Herrenmodell „Nic
für € 888,- anstatt Listenpreis € 993,-

Pedaleur-Noelle-Jastram

Pedaleur

Pedaleur – Fachgeschäft für Fahrradkultur
Rabengasse 14 – 89073 Ulm
Tel. 0731/7085226
info@pedaleur-ulm.de
www.pedaleur-ulm.de
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Nach so viel Durcheinander, endet es am kommenden Dienstag bei unserer „Ersten Seite“ besinnlich mit einer besonderen Weihnachtsgeschichte, die Clemens Grote vorliest. Nicht jedoch bevor wir ein paar Buchtipps abgegeben haben.
Dienstag, 2.12.2014 ab 19 Uhr.
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Im Dezember gibt es hier auf dem Blog das Beste aus dem Jahr 2014. Die tollsten Bücher, die gelungensten CDs und DVDs und vieles mehr, die im Archiv des Blogs schlummern und nicht vergessen werden dürfen.

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Freitag

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Heute haben
William Blake * 1757
Alexander Blok * 1880
Stefan Zweig * 1881
Alberto Moravia * 1907
Tomi Ungerer * 1931
Ulrike Schweikert * 1966
Geburtstag.
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Dass die Mumins uns in vielen Dingen voraus sind, ist uns schon lange klar, aber dass sie sich jetzt auch noch an der Riviera tummeln, klingt schon recht frech, wenn ich an den satten Nebel in Ulm, um Ulm und um Ulm herum denke. Gut, bei den Mumins ist es in diesem speziellen Fall auch schon Frühling, auf den wir noch einige Monate warten müssen. Aber allein der Gedanke, am warmen Meer zu liegen, …

Mumin

Tove Jansson: „Mumin an der Riviera“
Aus dem Englischen von Michael Groenewald, Annette von der Weppen und Matthias Wieland
Handlettering von Michael Hau
Reprodukt Verlag € 10,00

Dolce Vita an der französischen Riviera. Was kann es Schöneres geben, wenn im Mumin-Land gerade mal die Schneeglöckchen sprießen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Muminfamilie auf den Weg macht, dorthin zu reisen. Mutter Mumin sieht das doch sehr kritisch und denkt sich, dass nach dieser Reise, sich alle wieder auf ihr richtiges Zuhause freuen. So wird aber schnell gepackt, die kleine Nusschale bestiegen und irgendwie landen sie ratzfatz im sonnigen Süden, in dem zwar die Felsen im Meer scharf und kantig und nicht rund, wie daheim sind, dafür aber Organgen an den Bäumen wachsen. Leider steht überall „privat“und den Mumins wird der Zugriff zu diesen Früchten verweigert. Sie entdecken eine Hotelanlage, wissen nicht, was sich dahinter versteckt, quartieren sich dort ein und genießen den puren Luxus, nichtsahnend, dass sich daraus eine ellenlange Rechung entwickelt. So aber tollen sie im Pool, essen sich durch die Speisekarte, bauen ihre Suite um und fluten gleich das ganze Stockwerk.
So mitten in der Boheme macht sich Snorkfräulein auf die Suche nach einem Millionenarbe, wo doch im gleichen Hotel ein großer Filmstar untergebracht ist. Da sollte doch auch für sie etwas abfallen. Zum gemeinsamen Baden fehlt ihr aber ein Bikini und mit dem wenigen Geld kommt sie in der Edelboutique nicht weit. Im Casino erspielt sie sich jedoch einen Sack voll Geld und dem Fummel steht nichts mehr im Wege. Papa Mumin freundet sich mit einem Künstler an und unterhält sich prächtig mit ihm und alles könnte gut sein, wenn nicht die schon erwähnte Rechnungsrolle auftauchen würde. Da wird den Mumins klar, dass das nicht Gastfreundschaft war, sondern mit viel Geld zu bezahlen ist. Aber woher dies nehmen? Da fällt Snorkfräulein ein, dass sie irgendwo am Strand unter einem Stein die restliche Million aus dem Casino vergraben hat. Die Suche beginnt, sie werden nach Stunden fündig, die Hotelrechung kann bezahlt werden, eine halbe Million Trinkgeld ist auch noch drin und ohne Geld sind sie wieder glücklick unter ihrem Boot am Strand. So machen sie sich wieder auf die Reise in ihre Heimat, nicht ohne an den guten Champagner mit Rosenblätter und den grünen Swimmingpoolzu denken.

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Am kommenden Dienstag gibt es eine Weihnachtsausgabe der „Ersten Seite“.
Wir stellen zwei Bücher vor (Herrndorf und O’Nan), halten im Sekundentakt ideale Weihnachtlektüren hoch und danach wird es mit Clemens Grote weihnachtlich.
Beginn ist wie immer 19 Uhr und der Eintritt frei.
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Donnerstag

Heute hat
Luwig Fels * 1946
Geburtstag.
Aber auch Hilary Hahn und Jimi Hendrix.
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Nach diesem weiss schwarzen Musik(er)kontrast stelle ich Ihnen ein Buch vor, das sehr gekonnt mit dieser Problematik auffährt.

Bula

NoViolet Bulawayo:“Wir brauchen neue Namen“
Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
Suhrkamp Verlag € 21,95

NoViolet Bulawayo ist die erste Schwarzafrikanerin, die auf der Shortlist des bedeutenden Man Booker Prize stand, dem wichtigsten Literaturpreis der angelsächsischen Welt. NoViolet kommt aus Zimbabwe, ist mittlerweile 32 Jahre alt und lebt seit ihrem 18. Lebensjahr in den USA in „Destroyedmichygen“. Solche neue Wortschöpfungen sind keine Seltenheit in diesem flotten Erstlingswerk. Ihre Tante, bei der sie lebt, wenn ihre Mutter unterwegs ist, singt laut Choräle in englischer Sprache, mit Worten, die sie nur vom Hören kennt, da sie nicht lesen kann und schon gar kein Englisch.
Das Buch spielt in der ersten Hälfte in Zimbabwe, wird aber von der Autorin nie erwähnt. Die umliegenden Länder schreibt sie auf, aber nicht ihr Heimatland, das sie „unser Land“ oder auch das „elende Land“, das „gesegnete, elende Land“ nennt. Gemeinsam mit ihren gleichaltrigen Freunden jagt Darling, wie sie genannt wird, durch die Wellblechsiedlungen, um Spiele, wie „Fangt-bin-Laden“ zu spielen, oder Guaven aus den Gärten der Reichen zu klauen. Sie bekommen die Armut der Mitbewohner und die Willkür der Herrschenden mit, die mal eben eine Siedlung plattmachen. Sie schreibt dies wie mit leuchtenden Farben auf, hat immer eine schöne, besondere Beschreibung zur Hand, und wir tauchen sehr schnell in eine, für uns, extrem fremde Welt ein. Nochmals zurück zu ihrem neuen Namen: Violet war der Name ihrer Mutter. „No“ heisst in ihrer Muttersprache Ndebele „mit“ und Bulawayo ist die zweigrößte Stadt in Zim (wie sie Zimbabwe in der Danksagung nennt). Diese neuen Namen ziehen sich durch das ganze Buch. Neue Namen, für Dinge, die die Kinder nicht kennen, oder zum ersten Mal sehen. Namen, die sich beim Spielen geben und die sie sicherlich aus den amerikanischen TV-Serien her kennen. Und natürlich neue Namen, die es braucht, um in ihrem neuen Land, den USA, zurecht zu kommen. Ein Land, das so gar nichts mit dem ihrer Kindheit zu tun hat. Zu groß sind die Unterschiede und so unterschiedlich die Interessen, oder das Nichtinteresse. Einerseits das gelobte Land, andererseits ein Land in Afrika, das mit dem Begriff Afrika abgehakt ist.
Ihre Clique stromert durch die Gegend, bekommen von NGOs Spielzeug geschenkt, das sofort wieder kaputt ist, suchen sich Jobs, um etwas Geld zu bekommen, wissen um dieses fremde Land, in das immer wieder Bekannte verschwinden. Paradise heisst ihre Siedlung, aber ein Paradies ist es wirklich nicht. Höchstens in der bewusst verklärten Sicht der Autorin, die ihre Personen viel in der direkten Rede, mit all den neuen Wortmischungen, reden lässt. Das neue Land ist jedoch auch kein Paradies und sprüht so gar nicht von der Lebensenergie in „Zim“. Hier gibt es zumindest evangelistische Teufelsaustreibungen, während des Gottesdienstes. Ein Paradies ist es auch nicht für ihre elfjährige Freundin Chipo, die von ihrem Grossvater vergewaltigt wurde und nun schwanger ist. Der Versuch, den Fötus mit einem Metallkleiderbügel herauszubekommen, wird von einer Erwachsenen beobachtet und führt zu einer sehr rührenden Szene.
Das knallbunt aufgemachte Buch ist eine großartige Lektüre, die man in einem Rutsch verschlingen kann. NoViolet Bulawayos Art zu erzählen, hilft einem die dunklen Seiten in der Biografie des jungen Mädchens zu ertragen und auch wenn der Vater nach Jahren wieder zuhause auftaucht und an Aids stirbt, beschreibt sie dies so: „Er fühlt sich an wie trockenes Holz, aber da ist ein komisches Licht in seinen eingefallenen Augen, als hätte er die Sonne verschluckt“. Und genau solche Formulierungen durchziehen den Roman und lassen ihn leuchten durch das Novembergrau in Ulm, oder ihrer neuen Heimat in Detroit. Die Autorin hat dies auch begriffen und lebt nun im sonnigen Kalifornien, um dadurch ihrer Heimat klimatisch etwas näher zukommen.

Leseprobe

http://www.suhrkamp.de/mediathek/noviolet_bulawayo_ueber_wir_brauchen_neue_namen_817.html

NoViolet Bulawayo schreibt imTelegraphihren ersten Besuch in ihrer Heimat, und berichtet mit persönlichen Fotos darüber, worauf sie nicht vorbereitet war.
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Die nächste „Erste Seite“ findet am kommenden Dienstag, den 2.12. um 19 Uhr bei uns in der Buchhandlung statt. Es wird, wie jedesJahr etwas weihnachtlich. Lassen Sie sich überraschen.