Montag

Nach einem langen Wochenende geht es heute wieder seinen geregelten Gang.

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Nachdem am Samstag Hermann Broch, Ilse Aichinger, Günter de Bruyn Geburtstag hatten.
Am Sonntag Leo Perutz und Odysseas Elytis, sind die heutigen Geburtstagkinder:
André Malraux * 1901
Dieter Wellershoff * 1925
F.K.Waechter * 1937
Jan Faktor * 1951
Heute vor 100 Jahren starb Georg Trakl.

Und damit beginnt sich das schon oft erwähnte literarische Netz zusammenzuziehen.
Wir reden gerade alle über Lutz Seiler und seinen Roman „Kruso“, der ja bekanntlich den Deutschen Buchpreis bekommen hat. Über Lutz Seilers Protagonisten Ed erfahren ab Seite 13/14, dass er eine Abschlussarbeit über Georg Trakl schreiben soll. Er sucht in der Bibliothek und findet in einem Durchgangszimmer endlich die gewünschten Bände. Er liest sich wie im Rausch durch die Bücher, die Gedichte und informiert sich über den früh verstorbenen Dichter, Heeresapotheker, Morphinisten. Trakl zieht sich dann auch durch den ganzen „Kruso“-Roman.
Am Freitag (in der verfrühten Wochenendausgabe) veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Gastbeitrag von Lutz Seiler.
Der Herbst des Einsamen
Vor 100 Jahren, am 3. November 1914, starb der Dichter Georg Trakl. Als Buchpreisträger Lutz Seiler dessen Verse als Student in der DDR zum ersten Mal las, veränderten sie sein Leben.
Darin schreibt er seine persönliche erste Begegnung mit Trakl und wir merken, wie nahe dies am Roman ist. Eigentlich sollte ich dies anders schreiben: Der Roman ist extrem nahe an Lutz Seilers Wirklichkeit, an seinem Leben. Lutz Seiler lässt uns in diesem Artikel teilhaben an seinen Entdeckungen rund um Trakl. Er schreibt über seine Erschütterung, als er sein erstes Gedicht von Trakl las: „Der Herbst der Einsamen“.

Der Herbst des Einsamen

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Geberde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

Lutz schreibt endet seinen Bericht über seine Begegnungen mit Georg Trakl damit, dass er im Februar 2008 in Insbruck eine Veranstaltung hatte und beim Vortragen merkte, dass er im Gebäude des Trakl-Archivs ist. Er fragt genauer nach und hält kurze Zeit später die letzten Gedichte („Gródek“ und den „Herbst“) und letzten Briefe im Original in Händen.
Trakl war 27 Jahre alt, als er im Herbst 1914 als Mitarbeiter des Heerslazaretts mit neunzig Schwerstverwundeten in einer Scheune eingesperrt war. Verletzte, die darum baten erschossen zu werden, da ihre Schmerzen unerträglich waren. Trakl war mit diesen Soldaten alleine, ohne Ärzte, ohne Medikamente. Danach wurde er selbst zur „Kur“ nach Krakau gebracht. Er nahm kurz darauf eine Überdosis Morphium und starb am 3.11.1914.
Damit noch nicht genug des literarischen Spinnennetzes. Ich lese gerade täglich ein Gedicht aus der „Frankfurter Anthologie“, die ja nicht an ein bestimmtes Datum gebunden ist und gerade vor ein paar Tagen tauchte auch dort ein Trakl-Gedicht auf, das dann von Mathias Mayer interpretiert wurde.

Die Sonnenblumen

Ihr goldenen Sonnenblumen,
Innig zum Sterben geneigt,
Ihr demutsvollen Schwestern
In solcher Stille Endet
Helians Jahr
Gebirgiger Kühle.

Da erbleicht von Küssen
Die trunkne Stirn ihm
Inmitten jener goldenen
Blumen der Schwermut
Bestimmt den Geist
Die schweigende Finsternis.

Soviel also zu Trakl, Lutz Seiler, seinem sehr guten Roman „Kruso“ und das literarische Netz. Als nächstes Gedicht in der Anthologie war dann noch dieses aus dem Jahr 1913 abgedruckt:

Alfred Lichtenstein
Prophezeiung

Einmal kommt – ich habe Zeichen –
Sterbesturm aus fernem Norden.
überall stinkt es nach Leichen.
Es beginnt das große Morden.

Finster wird der Himmelsklumpen,
Sturmtod hebt die Klauentatzen.
Nieder stürzen alle Lumpen.
Mimen bersten. Mädchen platzen.

Polternd fallen Pferdeställe.
Keine Fliege kann sich retten.
Schöne homosexuelle
Männer kulllern aus den Betten.

Rissig werden Häuserwände.
Fische faulen in dem Flusse.
Alles nimmt ein ekles Ende.
Krächzend kippen Omnibusse.
____________________________

Noch nicht genug der Gedichte.
Es kommen noch Werner Färbers Ungereimheiten der Woche.

UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (aus der Reihe … von fies bis böse):

YACHT BEI NACHT

Im Mondenschein zieht eine Yacht
beinahe lautlos durch die Nacht.

Plötzlich hört mit einem Klatschen
den Eigner man aufs Wasser platschen.
Die fünfzig Jahre jüng’re Gattin,
die ihm hinterherschaut, hat ihn
– wie schon lang geplant – ermordet
und im Anschluss überbordet.

Im Mondenschein zieht jene Yacht
bald wieder lautlos durch die Nacht.

 

UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (UNGEREIMTHEITEN AUS DER TIERWELT):

FREIHEIT FÜR DEN PAPAGEI (CCLCXVI)
 
Im Zoogeschäft der Papagei
wäre im Grunde lieber frei.
So fängt der Vogel, welcher schlau,
zu flirten an mit einer Frau
und klaut dieser ohne Eile
aus der Tasch‘ die Feile.
 
Als er sie hat, kehrt er im Nu
der armen Frau den Rücken zu.
Nach Ladenschluss fängt er sodann
am Gitterstab zu feilen an,
um ihn des Morgens aufzubiegen
und ganz schnell davonzufliegen.

_____________________

Nicht vergessen:
Morgen, Dienstag, 4.11. stellen wir ab 19 Uhr wieder vier Bücher vor.
Mit im Boot: Clemens Grote.

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