Donnerstag

Heute haben
Wilkie Collins * 1824
Paul Scheerbart * 1863
Leonardo Sciascia * 1921
Juan Marsé * 1933
Stephen W.Hawking * 1942
Gudrun Mebs * 1944
Geburtstag.
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Etwas verfrüht, aber da Peter Altenberg heute seinen Todestag hat un der Schne am Schmelzen ist, passt es vielleicht doch:

Vor-Vorfrühling
(in „Semmering 1912“, Berlin 1913)

11. Februar. Semmering. Ich versuchte es, nach drei Wochen Krankheit auszugehen. Alles schwamm in Nebel und Nässe. Die Rodelwege waren nicht mehr vorhanden, ein grauer Schlamm mit ein wenig Glatteis waren an ihrer Stelle. Alles war schmutzig, ungepflegt, bereitete sich vor für sonnige Frühlingstage, die trocknen, fegen und beleben sollten, vor allem aber mit der Winterwirtschaft ein Ende machen. Denn weshalb noch hinziehen, was ohnedies vergehen soll?! Um jedes Gebüsch herum waren tiefe Schneelöcher, die Dächer trieften vor glänzender Nässe, ebenso die eisernen Straßengeländer. Schneerosenknospen wuchsen überall, man stellte sie in Gefäße, aber sie erblühten nicht, aus irgendeinem versteckten Grund. Man bedauerte die Vögel nicht mehr, Krähen und Gimpel, obzwar sie jetzt ebensowenig zu fressen hatten wie im starren Winter. Die, die das überstehen hatten können, würden auch das noch überstehen. »Ein miserables Wetter«, sagen alle, obzwar es in seiner Miserabilität gerade rührend schön ist. Die Menschen ziehen sich zurück, wie vor einem Menschen, der nicht mehr »sein Bestes« leistet. Es ist nicht Fisch, nicht Fleisch, sagen sie einfach. Nein, aber es ist rührendes Patschwetter. Ich finde es nicht, daß es weniger anziehend ist als der starre Winter und der helle, klingende Frühling. Der zerrinnende Schnee ergreift mich. Er war einst so herrschsüchtig, so unerbittlich, so zäh-fest. Die »Champions« liebten ihn, nun sind sie von ihm abgefallen. Sie können ihre überschüssigen Lebenskräfte nicht mehr an ihm erproben, schwächlich geworden, sucht er, gleichsam verlegen, in Bächlein abzurinnen, zu verschwinden. Und man hatte ihn doch so sehr geliebt, direkt verhätschelt, als er noch brauchbar war. Jetzt könnte man singen:

»Schnee, du wirst grau und schmutzig – – –
was ist mit dir?!
Zu nichts mehr bist du nütze – – –.
Willst du vielleicht sogar meinem geliebten Kinde einen Schnupfen bringen?!?
Du Schnee, dann, dann mag ich dich auch nicht mehr, verschwinde!«
Und im Gelände werden bald Primeln und Veilchen stehn,
und ich werde sie pflücken und sie dir nicht geben, das heißt äußerlich, vor den Menschen. Aber vor Gott!
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Der Tipp desTages:

1

Michael Maar: „Tamburinis Buckel“
Meister von heute
Reden und Rezensionen
C.H.Beck Verlag € 19,95
als eBook € 15,99

Michael Maar ist ein Meister der kleinen Töne. Nicht nur in seinem Schreiben, sondern auch im Entdecken von Feinheiten. Im Gegensatz zu vielen Kritikern, die die große Bühne brauchen und wegen eines Buches um die halbe Welt reisen, forscht Maar lieber im „Sand“ von Wolfgang Herrndorf und entdröselt die vertrackte Geschichte, ohne den großen Plot zu verraten. Tamburini taucht in Heinrich Manns Erstling auf und sein Buckel und der kleine Herr Friedemann im Werk seines Bruders Thomas, sind der Grundstock einer genialen Doppelbiografie der ungleichen Brüder. Mit seinen Essays zu Marcel Proust war er vor Jahren bei uns in der Buchhandlung und auch hier finden wir einen Text zum französischen Großmeister (gemeinsam mit Richard Wagner und Thomas Mann).
Der Band versammelt Reden und Buchbesprechungen, die es zum Teil hier zum ersten Mal in gedruckter Form gibt. Es sind frühe Werke aus der Studentenzeit bis hin zu seiner Dankesrede zum Heinrich-Mann-Preis im Jahre 2010. So ganz aktuell ist nichts dabei und auch kein eigens für das Buch geschriebener Text. Dies soll keine Kritik an dieser Sammlung sein, denn es sind genau diese Texte, die wir brauchen, um auf ein bestimmtes Werk, auf einen bestimmten Autoren, eine noch nicht gelesene Autorin aufmerksam zu werden. Nicht nur aufmerksam, denn Maar schreibt so voller Inbrunst, dass wir am liebsten sofort mit der Lektüre des besprochenen Werkes anfangen wollen.
So geht es mir im Moment mit Richard Yates‘: „Revolutionary Road“. Ich kenne den Autoren, haben schon ein paar Romane von ihm gelesen, aber halt das noch nicht. Jetzt steht das Werk auf meiner Vormerkliste.

Inhalt:

Tamburinis Buckel
Dankrede zum Heinrich-Mann-Preis

Proust, Wagner, Mann
Rede vor der Thomas-Mann-Gesellschaft in Zürich

Ein Denkmal der Pedanterie
Rede auf Julian Barnes

Die Mutprobe
Martin Mosebach, revisited

Robert Gernhardt als Rigorist
Rede zum Heine-Preis

Glück ist ein Sekundenschlaf
Harald Hartungs Gesammelte Gedichte

Kalfatert mit Kunst
Michael Köhlmeiers «Idylle mit ertrinkendem Hund»

Abschied von Kristo
Sibylle Lewitscharoffs «Apostoloff »

Folter und Kamasutra
Burkhard Müllers Geschichtsessays

Dämonen unter sich
Goethe und Napoleon bei Gustav Seibt

Kettenbriefe, Kreuzottern
Walter Kappachers Hofmannsthal

Der Goldtstandard
Die Kunst der Bildlegende: «Gattin aus Holzabfällen»

Das Streichholz im Weinglas
Daniel Kehlmanns Lobreden

Feuersäulen und Sturzfluten
Brigitte Kronauers Essays

«Er hat’s mir gestanden»
Wolfgang Herrndorfs schwarzer Monolith «Sand»

Der amerikanische Flaubert
Aus dem Leben Richard Yates’

Die glitzernden Augen im Dschungel
Julian Barnes’ Buch über den Tod

Kobold mit Schwimmhäuten
John Banvilles «The Sea»

Leseprobe

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