Mittwoch

Abhängen mit Büchern

Abhängen mit Büchern

Heute haben
John Dos Passos * 1896
und Andreas Steinhöfel * 1962
Geburtstag.
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Offill

Jenny Offill: „Amt für Mutmaßungen“
Deutsch von Melanie Walz
Das Original. „The Department of Speculation“ kommt als Taschenbuch im März 2015 bei uns heraus. € 11,99

Es ist doch immer gut,Tipps von KundInnen zu bekommen. Aber dass diese Buchempfehlung so stark ist, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte das Buch beim Vertreter nicht bestellt, kannte auch die Autorin nicht. Mitte November lag es dann auf dem Büchertisch im Laden, aber es hat nie den Weg zu mir nach Hause gemacht. Knapp 170 Seiten, in vielen kleinen Abschnitten geschrieben und mit einem auffallenden Umschlag hat es mich seither angelacht. Nun endlich war es soweit. Und: Es ist grossartig.
Gestern die Erzählungen von Frau Nors und heute eigentlich noch eine kürzere Form, obwohl es ein Roman ist. Die Textbausteine sind oft nur fünf Zeilen lang und wirken irritierend. Aber einmal angefangen, merken wir, wie sie uns einsaugen. Sehr gekonnt verflechtet Jenny Offill die Gedanken ihrer Hauptperson mit Zitaten aus der Welt der Literatur und Philosphie. Und wie gestern sind ihre Beobachtungen messerscharf, haargenau getroffen und voller Witz. Eigentlich sollte ich das Büchle nochmals zur Hand nehmen und jetzt mit Stift und Papier all die gelungenen Textpassagen herausschreiben. Es würde eine ganze Liste ergeben.
„Amt für Mutmaßungen“, so haben sich die beiden Jungverliebten unten auf ihre Briefe geschrieben und dieses „Department of Speculation“ bleibt es auch das ganze Buch durch. Hier wird viel über andere nachgedacht, über sich selbst, über das, was hätte werden können, und wie es wohl weitergeht.
Wer Mutmaßungen über den Kosmos anstellt …, ist nichts anderes als oin Verrückter.“
Sokrates
Dies hat die Autorin als Motto vorausgestellt und sie beginnt den Roman mit einem Textfitzelchen, in dem sie beschreibt, dass Antilopen zehnmal besser als Menschen sehen können und somit in einer sternklaren Nacht die Ringe des Saturns sehen können. Eingeflochten hat sie in diese drei Zeilen, dass er dies ganz zu Anfang zu ihr gesagt hat. Oder beinahe.
Ganz am Anfang gab es ein jungverliebtes Paar. Sie schreibt, er macht Musik und komponiert. Newy York, Brooklyn, alles ist gut. Es ist die Szene, das Leben mit Bekannten und kein Denken an ein morgen. Ein Grosstadtleben, wie sie es sich vorgestellt haben. Aber aus dem Verliebtsein wird eine „normale“ Ehe mit viel Hochachtung für den Partner (auch dafür hat sie hervorragende Vergleiche). Ein Kind kommt, ein Schreibaby, eine Tochter, die den Alltag prägend verändert. Dies wird bis zur Hälfte des Buches aus der Sicht der Frau geschrieben, bis es danach zu einer tiefschneidenden Veränderung kommt, die eigentlich sehr einfach gelöst werden könnte, aber eine Lawine von Mutmaßungen auslöst. Ab diesem Moment gibt es kein ich, sondern nur noch ein sie und er.
Mehr möchte ich ihnen nicht erzählen. Genießen Sie lieber den kompletten Roman, den Sie sehr schnell (das erste Mal) durchgelesen haben.
Melanie Walz, die wir als Übersetzerin von Lily Brett, Antonia S.Byatt, Patricia Higsmith und u.a. auch Annie Proulx kennen, konnte hier aus dem Vollen schöpfen und hatte sicherlich eine große Freude und viel Arbeit beim Formulieren. Bei uns Lesern bleibt das Vergnügen an diesem frechen, witzigen, genaubeochteten, glasklaren Roman über eine Ehe.
Der Roman wurde von der New York Times unter die zehn besten Bücher des Jahres 2014 gewählt.

Leseprobe

„Jenny Offills Roman ‚Amt für Mutmaßungen‘ hat mir wahnsinnig gut gefallen; richtig klasse!“
Doris Dörrie

Was ich auch noch erfahren habe, ist, dass Jenny Offill Kinderbücher geschrieben hat.
Gefunden habe ich diesen sehr witzigen Trailer:


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Es war Sommer, das weiß ich noch, denn ich trug eine kurze Hose und Sandalen. Heute sind Sandalen der Tod, damals war es mir egal. Ich weiß nicht mehr, warum Ma auf die Idee kam und wie genau sie Allan dazu gebracht hat. Aber wir machten allen Ernstes einen AUSFLUG. Ich glaube, ich weiß es doch noch, es war wegen der Abtreibung, sonst hätte Allan bestimmt nein zum Ausflug gesagt. Das war Allans Lieblingsbeschäftigung: zu allem nein sagen. Vor allem, wenn Ma oder ich ihn um was gebeten haben. Als ich größer wurde, hab ich ihm vorgeschlagen, sich das Wort auf die Stirn tätowieren zu lassen. „Allan“, hab ich gesagt, „das würde ne Menge Zeit sparen, du müsstest einfach nur mit dem Finger drauf zeigen!“ Da hat er mir das letzte Mal eine verpasst. Denn danach kam punktgenau ein Wachstumsschub, sodass ich plötzlich zwei Köpfe größer war als er, und da hat er sich nicht mehr getraut. Wir machten jedenfalls allen Ernstes diesen Ausflug und fuhren mit Allans Auto, in dem ich normalerweise nie mitfahren durfte, nur Ma, und die auch nicht immer, je nachdem ob sie ihre Tage hatte oder nicht, das heißt, wenn Sex ausfiel, zog das ein Mitfahrverbot nach sich, zumindest hab ich mir das immer so zusammengereimt. Ma war das egal: „Busfahren ist doch schön, Luis!“, sagte sie, nahm meine Hand und zog mich Richtung Bushaltestelle, wenn Allan uns mal wieder vor unserem Block stehen gelassen hatte und mit seinem blankpolierten Audi davongerauscht war. Aber dieses Mal durften wir beide mitfahren. Ma wollte zum Nebelhorn und Allan, die alte Hohlbirne, hat die Nase gerümpft, weil er nicht verstehen wollte, warum man einen Ausflug macht an einen Ort, wo’s neblig ist und er schrie „Benzinverschwendung!“, aber dann stiegen wir doch alle in den Audi ein und fuhren zum Nebelhorn.

Verena Güntner kommt am Freitag ab 19 Uhr zu uns und liest aus ihrem Debüt: „Es bringen“.
Bitte reservieren Sie sich Plätze.

2 Gedanken zu „Mittwoch

    • Ja, die Begeisterung kam beim Schreiben. Und natürlich vorher schon bei Lesen.
      Magst Du mir bitte nochmals Deine Adresse schicken. Die Jastram Jahresgabe an dich kam wieder zurück.

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