Dienstag

Heute haben
Guiseppe Ungaretti * 1888
Bertolt Brecht * 1898
Jakov Lind * 1927
Helga Schütz * 1937
Asne Seierstad * 1970
Geburtstag
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Guiseppe Ungaretti
O notte

Dall’ampia ansia dell’alba
Svelata alberatura.

Dolorosi risvegli.

Foglie, sorelle foglie,
Vi ascolto nel lamento.

Autunni,
Moribonde dolcezze.

O gioventù,
Passata è appena l’ora del distacco.

Cieli alti della gioventù,
Libero slancio.

E già sono deserto.

Preso in questa curva malinconia.

Ma la notte sperde le lontananze.

Oceanici silenzi,
Astrali nidi d’illusione,

O notte.
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Teju Cole: „Jeder Tag gehört dem Dieb“
Übersetzt von Christine Richter-Nilsson
Hanser Berlin € 18,90

Der Titel des Buches ist ein Teil eines nigerianischen Sprichwortes und Gauner und Betrüger gibt es in diesem Buch, in diesem Reisebericht zuhauf. Eigentlich ist der Roman schon Jahre vor Coles „Open City“ erschienen, kam aber tatsächlich auch in den USA erst letztes Jahr heraus und jetzt in deutscher Übersetzung. 2007 kehrte Cole nach Nigeria zurück und die Beschreibungen beinhalten noch keinen aktuellen Religionskrieg und die bürgerkriegsänlichen Zustände.
Seine Aufzeichnungen, die mit eigenen Schwarzweiss-Fotos gespickt sind, beginnen in New York. Er braucht ein Visum, einen Pass. Es steht zwar im Internet, dass dies nur eine Woche dauert. Was er allerdings nicht weiss, ist, dass die Woche nur mit Schmiergeld zu bekommen ist. Ohne Extrazahlung wartet man locker drei bis vier Wochen. Barzahlungen gehen auch nicht, was ja eigentlich ein Zeichen gegen Korruption ist. Allerdings gibt es zwei Konten. Ein offizielles und ein nicht so bekanntes.  Dann klappt das. Cole sieht sich im Warteraum des Konsulats um und entdeckt ein Plakat, auf dem auf die Schädlichkeit von Korruption hingewiesen wird und man solle sich bitte direkt an den Konsul wenden, wenn einem etwas auffallen würde. Allerdings findet sich auf dem Plakat keinerlei Adresse, Telefonnummer, Fax, oder Mailadresse. So ginge der Weg nur über den Beamten, der einem gerade das Geld abgeknöpft hat.
Dies als Einstimmung zu seiner Rückkehr in das Land seiner Kindheit, seiner Vorfahren. Was ihn dort erwartet, übertrifft bei weitem das, was er sich an Korruption vorgestellt hat. Alles, aber auch gar alles funktioniert nur mit einer Extrazahlung. Polizei, Gerichte, Geschäfte jeglicher Art bedienen sich dieser Extrazahlungen.
Als er endlich bei seiner Tante und seinem Onkel untergekommen ist, bemerkt er sehr schnell, wie das normale Leben hier funktioniert. Das Benutzen eines normalen Busses ist für die Familie unter ihrer Würde. Es kommt darauf an, seinen Status zu zeigen und sich lieber von einem Freund, einem Verwandten irgendwo hinfahren zu lassen. Cole will dies nicht wahrhaben und begibt sich auf eine Reise mit einem dieser kleinen Gefährte. Und uns hat er im Gepäck.Für ihn ist dieses Land fremd geworden. Fremd in jeder Hinsicht. Er versteht nicht, dass die Menschen sich nicht um ihre Vergangenheit, um ihre Wurzeln kümmern. Das Historische Museum in Lagos ist verstaubt, sieht aus, wie ausgeraubt. Aber fotografieren ist verboten. Die meisten Sklavenschiffe gingen von Lagos aus, aber keinen scheint dies noch zu kümmern. Korruption gibt es überall, aber die Gehälter sind so niedrig, dass niemand ohne diese Sondereinkünfte auskommt. Zwei Polizisten beschimpfen sich, weil der eine zu nahe an das Revier des anderen kommt. Dort wo er steht, kommen nämlich deutlich mehr Fahrzeuge, bei denen er die Hand aufhalten kann. Cole ist einen anderen Standard gewohnt, scheint verweichlicht in den Augen der Tante, die ihm im neuen Alltag immer zur Seite stehen und ihm helfen will. Und manchmal scheint er ihre Unterstützung bitter nötig zu haben. Die Reichen sind superreich, das Land hatte damals viele Einnahmen durch Erdöl. Aber ein funktionierendes Schulsystem scheint es nicht zu geben. Als er endlich einen Plattenladen finden, voll mit toller Musik auf Vinyl und CD, ist er bass erstaunt, als der Verkäufer ihm sagt, dass diese Tonträger nicht zu kaufen sind (ausser für einen horrenden Preis). Aber: für sehr wenig Geld brennen die Verkäufer das Gewünschte. Illegal, versteht sich.
Am Ende des schmalen Bandes liegt Teju Cole vom Fieber geschwächt im Bett. Der Heimflug naht. Ein Schulfreund sagt zu ihm, dass er das Wort „Malarie“ nicht aussprechen dürfe, sonst bekäme er sie auch. Cole glaubt nicht an solchen Aberglaube und versucht etwas in Richtung Stechfliege zu erklären. Sein Freund schaut ihn ungläubig an und Cole wird klar, dass sein Freund mit Aberglaube gesund, er mit seinem westlichen Denken und Handeln fiebrig darniederliegt.
„Jeder Tag gehört dem Dieb“ ist ein interessantes Buch. Mit Abstand betrachtet erscheint es fast etwas skurill, witzig. Wenn es nicht so ernst wäre. Es ist kein politisches Buch, aber Coles private Betrachtungen und Schlussfolgerungen zeigen ein Bild eines Landes, das uns Seite um Seite fremder wird. Und wenn Cole jetzt einen Bericht über Lagos schreiben würde, bekämen wir noch ganz andere Dinge zu lesen.
Chimamanda Ngozi Adichie hat mit „Americanah“ einen dicken Roman über „ihre“ Rückkehr nach Nigeria geschrieben und Coles kleiner Bericht können wir als informative Beigabe dazulegen.

Leseprobe

Die Situation in den USA ist abscheulich
Ein Interview mit Fokke Joel (Die Zeit, 12.Juni 2013)
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Mittlerweile sind die Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 bekannt.
In drei Kategorien werden am 12.März die Gewinner ermittelt.
Vielleicht schaffen wir kurz davor, am Dienstag, den 10.März ein „Shortlistlesen“ und schauen mal, wie weit wir dieses Mal daneben liegen mit unseren Stimmen.

Belletristik

Ursula Ackrill: „Zeiden, im Januar“
Teresa Präauer: „Johnny und Jean“
Norbert Scheuer: „Die Sprache der Vögel“
Jan Wagner: „Regentonnenvariationen“
Michael Wildenhain: „Das Lächeln der Alligatoren“

Sachbuch/Essayistik

Philipp Felsch: „Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960 bis 1990“
Karl-Heinz Göttert: „Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik“
Reiner Stach: „Kafka. Die frühen Jahre“
Philipp Ther: „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa“
Joseph Vogl: „Der Souveränitätseffekt“

Übersetzung

Klaus Binder: übersetzte aus dem Lateinischen: „Lukrez: Über die Natur der Dinge“
Elisabeth Edl: übersetzte aus dem Französischen: „Patrick Modiano: Gräser der Nacht“
Moshe Kahn: übersetzte aus dem Italienischen: „Stefano D’Arrigo: Horcynus Orca“
Mirjam Pressler: übersetzte aus dem Hebräischen: „Amos Oz: Judas“
Thomas Steinfeld: übersetzte aus dem Schwedischen: „Selma Lagerlöf: Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“

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