Donnerstag

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Heute haben
Victor Hugo * 1802
Hermann Lenz * 1913
Elizabeth George * 1949
Michel Houellebecq * 1958
Atiq Rahimi * 1962
Geburtstag
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Und bei Victor Hugo sind wir schon beim Thema.
Gestern war Dr.Horst Lauinger bei uns im Laden und stellte den Manesse Verlag vor, den er seit 15 Jahren leitet.
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Gleich zu Beginn stellte er klar , dass dies keine Verkaufsveranstaltung für Heizdecken sei, dass das Leben ohne ein (Manesse)-Buch jedoch sinnlos sei. So, oder so ähnlich. Bei meiner Begrüßung erzählte ich kurz, wie ich ihn getroffen hatte. Vor eineinhalb Jahren stand ein größerer Herr am Klassikerregal und als ich fragte, ob er Hilfe bauche, meinte er, dass wir hier ordentlich viel Manesse-Bücher haben. Ich brummelte etwas von naja und ich weiss nicht. Doch, doch, hier und hier und hier stehen sie doch. Und er stellte sich mir als der Verlagsleiter des Verlages vor, der gerade auf dem Weg nach Biberach sei. Dort wurde Eike Schönfeldt der Wieland-Preis für seine Übersetzung von „Winesburg, Ohio“ überreicht, das im Manesse Verlag erschienen ist.
Darauf meinte gestern abend Herr Lauinger, dass der zum einen feststellen will, dass er bei mir tatsächlich noch ein Kinderbuch gekauft habe und bei den anderen Ulmer Buchhandlungen keines seiner Bücher gefunden hatte und sich auch nicht geoutet hätte. So war dies also auch geklärt und er konnte beginnen. Er überreichte mir eine kleine Stofftasche und ein Parfumtuch – beides Werbeartikel aus längst vergangenen Tagen, die er in irgendwelchen Verlagsschubladen gefunden hat. So versprach ich, das feine Tüchlein am nächsten Samstag als Einstecktuch im Jackett zutragen.

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Gegründet wurde der Verlag und seine Reihe: „Bibliothek der Weltliteratur“ im Jahre 1944 (!) in der Schweiz. Die Idee stand schon 1942 fest. Die Vorstellung, zu dieser Zeit, als noch niemand wusste, wie es in Europa weitergeht, einen Verlag mit den besten literarischen Werken aus der ganzen Welt auf die Beine zu stellen, klingt  verwunderlich und zeigt schon die Richtung, an der der Verlag immer noch festhält. Nicht nur an die Autoren des eigenen Landes zu denken und deren Klassiker auf hohe Sockel zustellen, war die Idee, sondern uns Leser auf eine Reise um die Welt mitzunehmen. Die Rechung ging auf, wenn auch langsam, und in den 50er- und 60er-Jahren hatte der Verlag die höchsten Auflagen, da das Bildungsbürgertum ausgehungert war, die Bibliothek zerstört, das Fernsehen noch nicht das Ablenkungsmedium Nummer eins war.
Das Format war eine Kopie einer Klassikerreihe des englischen Oxford Verlages und die hochwertige Qualität sollte mit der Weltliteratur im Inhalt korrespondieren. Endlich gab es Bücher aus Japan, aus dem vorderen Orient, aber auch Entdeckungen aus den USA und Europa. Ein einziges Mal gelang es dem Verlag mit einem Buch auf Platz eins der Spiegel Bestsellerliste zukommen. Es war das Buch mit Robert Redford, erzählte Horst Lauinger lachend und meinte natürlich Tanja Blixens Roman: „Jenseits von Afrika“, dessen Verfilmung gerade mit Reford in der Hauptrolle im Kino lief.
Horst Lauinger berichtete über die Wertigkeit seiner Bücher, über die Art der Herstellung, warum es keine Lederausgaben mehr gibt, wie sich das Leseverhalten geändert hat und wie Manesse versucht, darauf zu reagieren, um weiterhin Klassiker produzieren zu können. Ein Punkt ist, dass das kleine Format sich aufgelöst hat und dass es seit einigen Jahren auch Romane im „normalen“ Format und in Übergrößen gibt. Zum Beispiel das Buch „Wildfrüchte“ von Henry David Thoreau, das in rotem Leinen und Schuber aufgelegt wurde. Der Text wurde neuübersetzt und zeigt Thoreaus Tagebuch während seiner Zeit im Wald. Ihn hat damal schon genervt, warum seine Mitbürger asiatische Pflanzen im Garten haben, wo doch die einheimische Natur so reichhaltig ist. Manesse fand eine Illustratorin, die gleichzeitig auch noch Botaniker ist und so auch wusste wie und was sie zeichnen sollte. Ein Glückstreffer für den Verlag und für uns Leser. Der dicke Schuber mit den zwei Bänden mit den „Geschichten des Prinzen Genji“ hat auch eine schöne Anektode auf dem Buckel. Längst war es im Verlag vergriffen und eine neue Auflage lohnte sich nicht. Da fand sich ein Schweizer Ehepaar, die sich dieses Buch täglich und in Endlosschlaufe gegenseitig vorlas. Die wollten das Werk wieder lieferbar wissen und traten als Sponsoren auf den Plan. Bedingungen: Keine Neuübersetzung, keine Fehlerkorrektur und im kleinen Manesse-Format. Auf die ersten beiden Punkten ging der Verlag ein, das Format wurde tatsächlich auch wegen einer besseren Lesbarkeit verändert. Und wie! Die Bände schimmern in einem Stoff, dass an einen Kimono erinnert, stecken in einem herrlichen Schuber und präsentieren diesen ersten Roman der Weltliteratur, der von einer Frau geschrieben worden ist.

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Horst Lauinger erzählte von Henry James und dass der Farbschnitt von hand aufgetragen wird,  von Ernest Hemingway, von Problemen der Übersetzungen und las dann auch Teile aus Briefen vor, die den Verlag diesbezüglich erreichten. Und somit sind wir endlich bei Victor Hugo, wie oben schon erwähnt. Der Verlag hatte schon lange eine Übersetzungen der „Elenden“ im Programm, und entdeckte, dass daran etwas nicht stimmen könne und dass große Teile des Originales fehlen würden. Der Übersetzer rechtfertigte sich in einem Brief, warum er Passagen ausgelassen habe. Die Franzosen kennen wohl alle dieses dicke Werk, aber die Wenigsten haben es wohl zur Gänze gelesen. Viele Passagen seine für deutsche Leser nicht wichtig und belanglos. Aber gleichzeitig sei seine Übersetzung angemessen und modern. Und so ging es weiter und wir Zuhörer hatten ordentlich zu schmunzeln. Auch eine Kritik von Dennis Scheck an einer Jane Austen-Übersetzung (war es das, ich hab’s vergessen), trug Herr Lauinger vor und es war zum Brüllen komisch, wie Scheck seinen Text immer wieder mit Original-Zitaten aus dem Buch schmückte. Herrlich. Sie sehen, meinte der Verlagsleiter, auch solche Dinge passieren.
Dies als kleine Zusammenfassung eines schönen Abends. Sicherlich habe ich viele wichtigen Dinge vergessen. Über allem stand jedoch, wie wichtig Bücher für uns Menschen sind. Wie wichtig es ist, dass wir das Lesen nicht verlernen  und dass es eine große, schwierige Aufgabe in den Schulen ist, den Schülern die Angst vor den Werken der großen Toten zu nehmen.
Vielen Dank, Herr Lauinger für den schönen Abend, und dass Sie trotz Nockerberg und Champions League zu uns gekommen sind. Sie werden bei uns auch weiterhin Manesse-Bücher im Regal finden.
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Und mit einem satten Mond un einem von innen beleuchteten Münster ging es dann wieder auf die Alb.

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4 Gedanken zu „Donnerstag

  1. Wenn ich solche Beiträge lese, bin ich äußerst betrübt darüber, daß ich kein Buchhändler wurde. Das Einstecktuch hätte ich mir auch eingesteckt, sehr vornehm! Und die ganze Geschichte, der Verlagsleiter, der incognito in der Buchhandlung steht, ist einfach herrlich zu lesen. Manesse ist ein Verlag, der mich schon seit Jahrzehnten begleitet. So kommt ein wenig Neid auf diese Begegnung auf.

  2. Lieber Samy, das habe ich heute besonders gern gelesen. Weil Du so schön geschrieben hast und weil ich den Kollegen Horst Lauinger schon sehr lange kenne und schätze – wie auch seine Arbeit. Wie schön, dass wir solche Buch-Liebhaber haben!

  3. Lieber Samy, vielen Dank für den ausführlichen Bericht! Jetzt wünsche ich noch viel mehr, ich hätte dabei sein können. Aber Du hast uns ja teilhaben lassen, und ich bin sicher, es war ein schöner Abend!
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

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