Dienstag

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Heute haben
William Wordsworth * 1770
Victoria Ocampo * 1890
Johannes Mario Simmel * 1924
Cora Stephan / Anne Chaplet * 1951
Geburtstag

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Eigentlich wollte ich in das Buch nur kurz reinschnuppern, um zu wissen, wie es geschrieben ist und um was es sich handelt. Dabei ist es leider nicht geblieben und es wurde mein Osterbuch.

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Gila Lustiger: „Die Schuld der Anderen“
Berlin Verlag € 22,99
auch als E-Book erhältlich

Wir verkaufen das Buch im Laden sehr gut, obwohl wir es noch nicht gelesen haben. Es wandert wie selbstverständlich an die Kasse und dann in diverse Taschen. Das ist mir aufgefallen und deshalb wollte ich mir einen kleinen Einblick verschaffen. Kurz nach Beginn der Lektüre wurde mir klar, dass wir den Roman gut zu den Thrillern, Krimis stellen können. Und als ich etwas später im Netz recherchierte, tauchte sehr bald ein langes Videointerview von Denis Scheck und der Autorin in Paris auf. Ah ha, daher weht der Wind. Die Sendung „druckfrisch“ hat also die Finger im Spiel.
Denis Scheck hat recht: Es ist ein wirklich tolles Buch. Ein brisantes Buch, ein spannendes Buch, in das Gila Lustiger viel verpackt und dennoch alles schlüssig miteinander verknüpft hat.
Um was geht es denn nun?
Es ist Sommer in Paris. Eine große Lethargie liegt über der Hauptstadt, nur Marc Rappaport hält es nicht auf seinem Büro. Er arbeitet als Gerichtsreporter für eine engagierte, überregionale Zeitung. Nach 30 Jahren scheint ein Mord an einer jungen Prostituierten dank einer DNA-Analyse aufgeklärt werden können. Der mutmaßliche Mörder ist gefasst und sitzt in Haft. Marc Rappaport gibt sich damit aber nicht zufrieden und forscht weiter. Sehr schnell findet er eine heiße Spur in einer Kleinstadt in Frankreich, irgendwo im Nirgendwo. Dort arbeitet ein Futtermittel-Konzern mit einem synthetisch hergestellten Vitamin A, in der landlosen Massentierhaltung billig, lukrativ und ein Zwischenstoff, der fatale Tücken hat. Er ist krebserregend. Marc Rappaport bohrt weiter, recherchiert auf eigene Faust, besucht die Frau des Inhaftierten, dringt in die Firma ein, besucht den ehemaligen Betriebsarzt und bleibt nicht immer auf dem ganz legalen Pfad. Aber er hat sich festgebissen und möchte wissen, wer dahintersteckt. Er glaubt nicht an einen einfachen Prostituiertenmord. Umso mehr er bohrt und aufdeckt, desto mehr taucht er ein in die Geschichte der 80er Jahre in Frankreich und in die Machenschaften der Chemieindustrie. Er beginnt ihre Macht zu spüren und erkennt immer mehr die Ohnmacht der Arbeiter und Angestellten. Unter Mitterrand wurden die Chemiekonzerne verstaatlicht. Es sollte nicht mehr auf Gewinnmaximierung, sondern auf Konsolidierung geachtet werden. Das Programm scheitert und das Rad wird wieder zurückgedreht. Mit noch größer Macht stehen nun diese Konzerne da und agieren mittlerweile weltweit. Gila Lustiger schreibt in dem Buch über französische Verhältnisse. Das gleiche ist jedoch auch unter der rot-grünen Regierung in Deutschland passiert. Die Autorin lebt seit 30 Jahren in Paris und hat zwei Jahre für dieses Buch recherchiert. Sie machte ein Praktikum bei der Polizei, um besser über deren Abläufe schreiben zu können. Korruption, Bestechung, Antisemitismus sind genauso Thema in diesem Roman, wie das Abtriften von Menschen aus Randgruppen in radikale Gruppierungen. Und nach den Anschlägen auf das Satiremagazin zeigt sich die große Aktualität dieser Arbeit, die sehr gut auch auf Deutschland übertragbar ist.
Marc Rappaport dringt immer tiefer in diesen unüberschaubaren Dschungel ein, ist wie vernagelt für andere Dinge und besessen, diesen Fall zu lösen. Dass dies natürlich zu Spannungen mit seiner Freundin führt ist klar. Auch mit seinem besten Freund und Chef in der Zeitung kommt es immer wieder zu großen Spannungen. Aber für Rappaport gibt es kein Zurück mehr. Er sucht und findet seine Täter in dan allerhöchsten Positionen in der Industrie und in der Regierung. Gleichzeitung kommt er auch aus großem Hause und sein Großvater war ein mächtiges Tier und hatte die Hebel in der Hand. Davon kann sich der Journalist nicht lösen. Immer wieder tauchen Gespräche mit dem Großvater und ihm als Junge auf. Er, der alte, weise Mensch, zeigt dem jungen Enkel, wie Politik fuktioniert und man mit Macht umgehen kann.
Gila Lustiger hat hier einen Krimi geschrieben, der weit mehr ist als das. Es ist die Geschichte der französischen Wirtschaftsgeschichte der letzten 30 Jahre. Spannend und packend geschrieben, dass ich nicht mehr weggekommen bin und das Buch auf zwei Sitzungen verschlungen habe. Das Buch hat mich immer wieder an die Romane von Schorlau und Manotti erinnert. Auch hier bleibt die Hauptperson, trotz aller Abwege, immer sympatisch und aus dem Buch tropft nicht literweise Blut, sondern fasziniert durch seine große Kenntnis und dadurch, dass die Autorin immer den Überblick behält, trotz aller radikaler Wendungen, die die Geschichte nimmt. Bis zum Schluß.

Interview mit Gila Lustiger im Deutschlandfunk

„druckfrisch“ mit Denis Scheck und Gila Lustiger
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Heute abend um 19 Uhr „Die erste Seite“.
Diesmal liest Clemens Grote aus:
„Butscher’s Crossing“ von John Williams
“Young Blood” von Sifiso Mzobe
“Tamangur” von Leta Semadeni
Als Gast haben wir Christine Langer, die aus ihrem neuen Gedichtband
“Jazz in den Wolken” lesen wird.

Ein Gedanke zu „Dienstag

  1. Mir hat Lustigers Roman – auch ohne Dennis Scheck, aber ich werde mir das Interveiw dank Deines Hinweiess bestimmt noch anschauen – auch sehr gut gefallen. Und mir gefällt, neben der Wirtschaftsgeschichte und den anderen Aspekten, die Du beschrieben hast, vor allem auch das „Erkennen“ Marcs, das er zwar lange umgehen wollte und in das er sich doch hat immer mehr hinein ziehen lassen.
    Viele Grüße, Claudia

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