Mittwoch

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Heute haben
Wilhelm Busch * 1832
Henry James * 1843
Robert Walser * 1878
Erich Arendt * 1903
Tomas Tranströmer * 1931
Boris Strugatzki * 1931
Jeffrey Archer * 1949
Geburtstag

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Robert Walser
Wie immer

Die Lampe ist noch da,
der Tisch ist auch noch da,
und ich bin noch im Zimmer,
und meine Sehnsucht, ah,
seufzt noch wie immer.

Feigheit, bist du noch da?
und, Lüge, auch du?
Ich hör’ ein dunkles Ja:
das Unglück ist noch da,
und ich bin noch im Zimmer
wie immer.

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Heute gibt es keine „Kühe in Halbtrauer“, keinen „Abend mit Goldrand“ (obwohl Arno Schmidt gleich zu Beginn erwähnt wird) sondern „Kühe im Mondschein“. Neben diesem Sammelband, den Best-of-Geschichten, sind noch „Gemensch und Getier“, „Stiefmuttertag“, „Die rote Schachtel plus Schokolegende“ und „Bisbee, Arizona“ im Maro Verlag lieferbar. Wenn Sie nun gar nicht wissen, wer ist eigentlich Michael Schulte (das sollten Sie allerdings schnell ändern) und was soll ich von ihm als Einstieg lesen? (alles, würde ich sagen), dann greifen Sie zu diesem Sammelband, der 2014 erschienen ist.

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Michael Schulte: „Kühe im Mondschein“
Maro Verlag € 16,00
Illustration Rotraut Susanne Berner

Liebe Sarah,
gestern habe ich die Deine Geburtsanzeige erhalten und mich
sehr gefreut. Wie ich sehe, bist Du an einem Freitag dem Drei
-zehnten zur Welt gekommen. Für viele Menschen ist so ein Datum
ein ausgesprochener Glückstag, für andere wiederum ein infamer
Pechtag. Das wirst Du feststellen, wenn Du Deinen Freunden und
Bekannten erzählst, daß Du an einem Freitag dem Dreizehnten
Dich der menschlichen Gesellschaft zugesellt hast.
»Armes Kind«, werden die einen sagen, »an einem Freitag
dem Dreizehnten ist mein Großvater an Lepra gestorben.« Oder:
»Nimm dich nur in acht, an einem Freitag dem Dreizehnten bin
ich aus der Schule geflogen (habe ich meinen Mann kennenge
-lernt; habe ich den Tresor der Deutschen Bank in Frankfurt ge
-knackt und bin erwischt worden; bin ich gleich 2mal von einem
Omnibus überfahren worden.«)
»So ein Glück!«, werden die anderen rufen, »an einem Freitag
dem Dreizehnten habe ich 3 Mark 50 im Lotto gewonnen.« Oder:
»An einem Freitag dem Dreizehnten ist mein erstes Buch bei
MARO erschienen und es enthielt nur 400 Druckfehler.«
Liebe Sarah, leider werden wir nie heiraten können. Denn wenn
Du 16 bist, werde ich 61 sein. Wenn Du mich dann dennoch haben
willst, bist Du entweder pervers oder hinter meinen Piepen her,
die ich bis dahin dank der MARO-Verkaufserfolge meiner Werke
werde angehäuft haben.
Es wird wohl ein Weilchen dauern ehe Du diesen Brief wirst
beantworten können – es sei denn Du machst eine ähnlich er
-staunliche Entwicklung wie Arno Schmidt durch, der schon im
Alter von 3 Wochen das Gesamtwerk von Jules Verne gelesen hatte
Falls Du aber erst ein wenig später lesen und schreiben lernen
solltest, frag Deinen Vater bitte, ob obige Adresse noch stimmt.
Ich hoffe, daß nicht.
Leider haben Deine Eltern versäumt, mir ein Foto von Dir zu
schicken. Zwar sehen die meisten Babys wie Winston Churchill
aus, aber ich habe die Vorstellung, daß Du recht hübsch bist und
eher dem Rauschgoldengelchen auf meinem letzten Weihnachts
-baum gleichst.
Alles Liebe, Dein Michael

So persönlich beginnt das Buch. Mit einem Brief von Michael Schulte an die Tochter des Verlegers. Es folgt ein weiteres Brief an die zweite Tochter und eine Antwort des Verlegers Benno Käsmayr an den Autor. Wir sind somit eingestimmt auf das Verhältnis zwischen Verleger und Schriftsteller und können gleich mit der ersten Geschichte starten, in der wir erfahren, warum Michael Schulte nach Hamburg gezogen ist und warum Charles Bukowski daran schuld ist. Aber eigentlich ist es doch Peggy Parnaß, oder … Ach lesen sie diese verrückte Geschichte doch selbst, bevor wir mit ihm an die Cote d’Azur gehen und in einer Galerie lauter Kühe im Mondschein entdecken dürfen. Wie der Künstler einen Vergleich zieht, zwischen sich und Matisse, Cezanne und van Gogh und warum alle nix verkauft haben, genau wie er und man trotzdem noch zum Millionär wird, lesen Sie hier. Ein weiterer Versuch zu Geld zu kommen, gibt es in „Sonderangebot der Woche“, die wir auch schon an einer „Ersten Seite“ vorgelesen haben. Hier schreibt der Tierarzt sein Angebot „Kater kastrieren“ an die Tafel und kommt mächtig durcheinander und ins Schwitzen, weil der die vielen Tiere nach getaner Arbeit verwechselt, falsch wieder zurückgibt und sich danach neu orientieren muss.

„Glaub‘ mir, das ist ein Traumauto. Vier Jahre alt, aber wie neu. Ölwechsel alle 300 Meilen, jedes Jahr neuer Rostschutz, ständig den Motor gereinigt, kein Kratzer, nichts. …Glaub‘ mir, der Preis ist in Ordnung und der Wagen ist es auch.“
„Ich glaub‘ dir ja, Chuck“, sagte ich. …

„Führerscheinprüfung in New Mexiko“ beginnt mit diesem Dialog und Sie legen sich beim Lesen vor Lachen flach. Michael Schulte lebte längere Zeit und immer wieder in den USA und erzählt uns von dort seine Erlebnisse. Und dieses Prüfungsritual hat es in sich.
Die über 25 Geschichten zeigen, dass Michael Schulte ein großer Meister der kurzen Form ist und wenn sie mit einem Schmunzeln einschlafen wollen, dann greifen Sie zu diesem Buch. Vorsicht: Nicht in öffentlichen Räumen, nicht im Bus, oder Zug lesen. Sie werden das Lachen nicht zurückhalten können und schräg von ihren Nachbarn angeschaut. Aber dann halten Sie einfach dieses Buch hoch und sagen: „Kauf‘ dir doch selber ein Exemplar!“

Besuch bei V.O.Stomps

Im Sommer 1965 fuhr ich von Frankfurt nach Stierstadt im
Taunus, um V.O.Stomps zu besuchen. Ich kannte die genaue
Adresse nicht, mußte also suchen. Nach einem halbstündigen
Gang durch Stierstadt kam ich an ein Haus, vor dessen Tür etwa
vierhundert leere Kornflaschen standen. Ich hatte V.O.Stomps’
Domizil, »Schloß Sanssouris«, gefunden. Doch von Haustür und
Kornflaschen trennte mich eine Gartentür, die mit Ketten und ei
-nem guten halben Dutzend Vorhängeschlösser verrammelt war.
Keine Glocke oder Klingel. Ich klopfte an eine Fensterscheibe.
Schlurfende Schritte, Stomps erschien mit einem riesigen Schlüs
-selbund in der Haustür, ging langsam und gebückt zum Gatter. Ich
stellte mich vor, entschuldigte mich, unangemeldet zu kommen.
„Das macht nichts“, sagte er, „hier meldet sich niemand an.
Aber ich habe noch eine halbe Stunde zu tun. Wenn es Ihnen
nichts ausmacht … da drüben ist ein Gasthaus, vielleicht möchten
Sie etwas trinken. Nur eine halbe Stunde, dann gerne.“
Ich hatte ihn mir anders vorgestellt. Weniger alt, weniger
müde – und weniger höflich.
„Und wie komme ich hier rein?“ fragte ich und zeigte auf das
von Schlössern überquellende Gartentor.
„Sie müssen nur ums Haus gehen, da ist nicht einmal ein Zaun,
und die Haustür sperre ich nie ab.“

Viel Vergnügen bei der Lektüre.
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Nicht vergessen:
Freitag, 17.April um 19 Uhr
Marco Kerler liest bei uns in der Buchhandlung aus seinem „Schreibgekritzel“

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