Donnerstag

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Heute haben
Anatol France * 1844
Peter Ustinov * 1921
Sarah Kirsch * 1935
Rolf Dieter Brinkmann * 1940
Sibylle Lewitscharoff * 1954
Geburtstag.

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Ein später Wochengruß von Werner Färber, der am Mittwoch, 1.Juli abends bei uns in der Buchhandlung sein wird.

Wilhelm Busch gewidmet:
 
WALDSPAZIERGANG
 
Es ging ein frisch verliebtes Paar
lustwandelnd auf des Waldes Wegen.
Die zwei war’n blind für die Gefahr:
Es kam ihnen ein Bär entgegen.
 
Der Bär tat das, was Bären tun,
wenn zwei so selbstvergessen.
Zufrieden brummte er: „Tja nun“,
und hat das Paar gefressen.

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Vor Wochen habe ich den neuen Roman von T.C.Boyle („Hart auf hart“) hier vorgestellt und gleichzeitig darauf hingewiesen, dass demnächst ein anderer amerikanischer Roman erscheint, der sich auch sehr kritisch mit den dortigen Verhältnissen auseinandersetzt. Jetzt ist es soweit.

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Russell Banks: „Verstoßen“
Aus dem Englischen von Barbara Christ
Schöffling Verlag € 24,95

In seiner Umgebung kriegt keiner mit, ob The Kid gute oder schlechte Sachen macht, und wenn die Leute seinen richtigen Namen wüssten, würden sie ihn auch nicht anders behandeln, es sei denn, sie wüssten den Namen aus dem Internet, worauf Kid es wirklich nicht anlegt. Wie den meisten Männern, die unter der Causeway-Brücke wohnen, ist ihm gerichtlich untersagt, ins Internet zu gehen, doch als er eines Nachmittags von der Arbeit im Mirador zurückradelt, spaziert er einfach in die Stadtteilbibliothek an der Regis Road, als hätte er jedes Recht, sich dort aufzuhalten.

Ein harter Einstieg, der mir als Leser keine Chance gibt, mich in diese neue Situation anzunähern. Wir sind sofort mittendrin und erfahren dann auch gleich, was er in der Bibliothek will. Die Bibliothekarin ist ihm am PC behilflich, macht ihm die gesuchte Seite, den Plan ihrer Stadt, auf, sucht die gewünschte Straße und öffnet ein Zusatzprogramm, in dem sichtbar wird, wo welche Sexualstraftäter wohnen. Denen ist es nämlich verboten sich näher 500 Meter einer Institution mit Kindern zu nähern, oder dort zu wohnen. Jegliche Schule, Kindergarten, Kinderspielplätze und Schwimmbäder sind damit gemeint und es ist diesen Menschen kaum möglich einen Ort zum Wohnen zu finden, der diesem Gesetz entspricht. Die Bibliothekarin findet die Straße, klickt und es ploppen diverse rote Fähnchen auf, die den kompletten Namen, Adresse, Bild und Straftat sichtbar machen. Auch ihn. Voller Panik verlässt er den Ort, den er gar nicht für diesen Zweck besuchen hätte dürfen.
Er, genannt The Kid, kommt wegen einer Dummheit ins Gefängis, bleibt dort nicht lange und muss danach zehn Jahre lang, rund um die Uhr eine elektronische Fussfessel tragen. Dadurch ist er immer lokalisierbar. Für die Energieversorgung ist erst selbst zuständig und wenn er den einen Dollar für’s Aufladen nicht hat, bedeutet das, dass er für sehr lange Zeit einsitzen werden muss. Diese Fussfessel bedeutet auch, dass sie im sehr heissen Florida (dort spielt der Roman, der Ort und Land nicht nennt) leicht zu erkennen ist. The Kid war als Jugendlicher wohl pornosüchtig, flog nach kurzer Zeit aus der Armee, weil er Porno-DVDs in Umlauf brachte und tappte etwas später in eine wirkliche dumme Falle. Passiert ist damals wirklich rein gar nichts. Doch das Gesetz hat ihn zum Sexualstraftäter gestempelt und die Gesellschaft stösst ihn aus. Ihm bleiben nur drei Orte in seiner Stadt (wahrscheinlich Miami). Zwei Geländeabschnitte am Meer, irgendwo abgeschieden von der nächsten Bebauung. Oder ein Platz unter einer Autobahnbrücke, dort wo schon mehrere Männer sich einen Platz mit Zelten und selbstgezimmerten Behausungen geschaffen haben. Dieser Flecken ist den Bürgern der Stadt natürlich ein Dorn im Auge und es kommt immer vor, dass die Polizei mit aller Gewalt diese Ausgestossenen vertreibt und ihre „Stadt“ zerstört. Wer sich wehrt, wer irgendwo einen nicht erlaubten Unterschlupf findet, fährt sofort wieder ein. Zehn Jahre muss The Kid diese Fessel tragen und wir können uns vorstellen, dass er danach ein gebrochener Mann ist, wenn er es überhaupt so lange „in Freiheit“ aushält. Jobs zu finden ist natürlich auch nicht leicht. Wenn man keinen Wohnort vorweisen kann, wenn man sich nicht in der Nähe von Kindern aufhalten darf, dann bleibt nicht viel übrig. Und diese Jobs sind dann auch miserabel bezahlt und wahrscheinlich vergleichbar mit Sklavenarbeit.
Russell Banks hat hier einen Roman vorgelegt, der sich sehr kritisch mit der amerikanischen Justiz auseinandersetzt. Genauso wie bei T.C.Boyle kennt diese Gesellschaft keine Gnade und auch kein Vergessen. Die elektronische Überwachung ist allmächtig und es ist gar nicht daran gedacht, Straftäter wieder zu resozialisieren. Abschieden ist der Alltag. Diese Menschen sollen aus dem Alltag verschwinden, nicht mehr zu sehen sein und den Traum vom schönen Leben nicht stören. Dass es allerdings auch Menschen mit viel Geld und besten Beziehungen treffen kann, schildert Russell Banks anhand eines Politikers, der kurzfristig unter der Brücke Schutz sucht.
„Verstossen“ ist ein Roman mit großer Aktualität, geschrieben wie ein Thriller und dennoch ein Entwicklungsroman, dessen Ende vollkommen offen bleibt.
Mehr blieb wirklich die Spucke weg.

„Was denn, sind manche von uns schlimmer als andere? Ach komm. Das kaufe ich dir nicht ab.“
„Wär aber besser, Mann. Wer wegen Vergewaltigung hier ist oder wegen sogenannter sexueller Kontakte mit Teen-agern, der steht ganz oben. Wie der alte Paco da. Er behaup-tet, er ist ein Vergewaltiger. Stimmt vielleicht, vielleicht auch nicht. Dann kommen die, die wegen sexueller Kontakte mit kleinen Jungs verurteilt sind. Und darunter stehen die, die wegen sexueller Kontakte mit kleinen Mädchen gesessen haben. Und ganz, ganz unten stehen die Babyficker. Es gibt auch noch andere Kategorien. Schwul und hetero zum Bei-spiel. Heteros stehen auf einer höheren Stufe als Schwule.“
„Also, ich bin auf jeden Fall hetero. Und ich bin kein Babyficker. Gott! Ist ja ekelhaft.“
„Ekelhaft, ja? Ich sag doch, es gibt eine Art Einstufung.“
„Was ist mit dir, Kid? Wo stehst du in der Rangordnung?“
Kid wendet sich ab und steckt den Kopf in sein Zelt.
„Finden Sie’s selbst raus, Mann. Ich muss meinen Pitbull füttern.“

Leseprobe
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Marco Kerler liest morgen abend bei uns in der Buchhandlung.
In der Südwestpresse kam ein toller Bericht über ihn.
„Marco Kerler am lyrischen Puls der Zeit“
Freitag, 17.April ab 19 Uhr.
Eintritt frei.

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