Mittwoch

Heute haben
Simon Dach * 1605
August Stramm * 1874
Chester Himes * 1909
Harry Mulisch * 1927
Wolfgang Bittner * 1941
Sten Nadolny * 1942
Geburtstag

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Das trifft sich gut.

Heute hat August Stramm Geburtstag und ich stelle zwei Gedichtbände aus dem Reclam Verlag vor. Im Expressionismus-Bändchen taucht dann auch unser Geburtstagskind auf.

August Stramm
Begegnung

Dein Gehen lächelt in mich über
Und
Reißt das Herz.
Das Nicken hakt und spannt.
Im Schatten deines Rocks
Verhaspelt
Schlingern
Schleudert
Klatscht!
Du wiegst und wiegst.
Mein Greifen haschet blind.
Die Sonne lacht!
Und
Blödes Zagen lahmet fort
Beraubt beraubt!

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„Der Sturm ist da“
Gedichte des Expressionismus

Hrsg.: Bode, Dietrich
Reclam RUB € 2,80

„Es schlug mein Herz“
Deutsche Liebeslyrik

Hrsg.: Wagener, Hans
Reclam Verlag € 34,95
Reclam RUB € 9,80

Das Bändchen mit den Gedichten des Expressionismus ist eine Neuausgabe, die deutsche Liebeslyrik gibt es sowohl als gelbes Reclam-Heftchen von 2006, als auch jetzt ganz aktuell in der schönen gebundenen Reclam-Reihe.
„Der Sturm ist da“ stellt 50 Gedichte von 28 Autoren vor, die einen Querschnitt von Gedichten zeigen, die zwischen 1910 und 1920 entstanden sind und die Zerrissenheit, die Aufbruchstimmung, die gesellschaftlichen Veränderungen, wie auch die Brutalität des Großen Krieges zeigen. Von politischen Gedichten, wie das „Weltende“, bis hin zu Liebesgedichten in einer noch nie dagewesenen Form.

Paul Boldt
Junge Pferde

Wer die blühenden Wiesen kennt
Und die hingetragene Herde,
Die, das Maul am Winde, rennt:
Junge Pferde! Junge Pferde!

Über Gräben, Gräserstoppel
Und entlang den Rotdornhecken
Weht der Trab der scheuen Koppel,
Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!

Junge Sommermorgen zogen
Weiß davon, sie wieherten.
Wolke warf den Blitz, sie flogen
Voll von Angst hin, galoppierten.

Selten graue Nüstern wittern,
Und dann nähern sie und nicken,
Ihre Augensterne zittern
In den engen Menschenblicken.

Henriette Hardenberg
Wir werden

Wir werden herrlich aus Wunsch nach Freiheit.
Der Körper dehnt sich,
Dieses Zerrende nach geahnten Formen
Gibt ihm Überspannung.
Schwere Hüften schauern sich zu langem Wuchse.
Im Straffen beben wir vor innerem Gefühl —
Wir sind so schön im Sehnen, daß wir sterben könnten

Jakob van Hoddis
Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Else Lasker-Schüler

Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen…
Das Leben liegt in aller Herzen
wie in Särgen.

Du! Wir wollen uns tief küssen –
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

In der Sammlung von Liebeslyrik „Es schlug mein Herz“, geht es vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Was gibt es Schöneres, als verliebt zu sein und wie schlimm ist es, wenn einem das Herz gebrochen wurde. Hier finden Sie für jeden Herzenszustand das Richtige. 150 Gedichte von Walther von der Vogelweide über Goethe bis zu Jan Wagner, Ludwig Steinherr und Friederike Mayröcker.
Ein paar ältere (rechtefreie) Gedichte haben ich angefügt, plus eines, das in allen Bänden vor kommt.

Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das slüzzelîn:
dû muost ouch immer drinne sîn.

Johann Georg Jacobi
Der erste Kuß

Leiser nannt‘ ich deinen Namen
Und mein Auge warb um dich:
Liebe Chloe! näher kamen
Unser beider Herzen sich.

Und du nanntest meinen Namen;
Hoffen ließ dein Auge mich:
Liebe Chloe! näher kamen
Unser beider Lippen sich.

O! es war ein süßes Neigen;
Bis wir endlich, Mund an Mund,
Fest uns hielten, ohne Zeugen:
Und geschlossen war der Bund.

Johann Wolfgang Goethe
Ob ich dich liebe, weiß ich nicht

Ob ich dich liebe, weiß ich nicht.
Seh ich nur einmal dein Gesicht,
Seh dir ins Auge nur einmal,
Frei wird mein Herz von aller Qual.
Gott weiß, wie mir so wohl geschicht!
Ob ich dich liebe, weiß ich nicht.

Detlev von Liliencron
Glückes genug

Wenn sanft du mir im Arme schliefst,
Ich deinen Atem hören konnte,
Im Traum du meinen Namen riefst,
Um deinen Mund ein Lächeln sonnte –
Glückes genug.

Und wenn nach heißem, ernstem Tag
Du mir verscheuchtest schwere Sorgen,
Wenn ich an deinem Herzen lag
Und nicht mehr dachte an ein Morgen –
Glückes genug.

Und dann noch „Anna Blume“, das wunderbare expressionistische Liebesgedicht:

Kurt Schitters
An Anna Blume

Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!
Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände,
Auf den Händen wanderst Du.
Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —– wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage:
1. Anna Blume hat ein Vogel,
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir!
Das gehört beiläufig in die —- Glutenkiste.
Anna Blume, Anna, A—-N—-N—-A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten, wie von vorne:
A——N——N——A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich——-liebe——-Dir!

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Ein Gedanke zu „Mittwoch

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