Samstag

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Heute haben
Han Suyin * 1917
Stanislaw Lem * 1921
Michael Ondaatje * 1943
Geburtstag und
auch Mark Rothko 1903
Dmitri Schostakowitsch * 1906
Barry White * 1944.
Es ist der Todestag von David Foster Wallace.

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In dieser Woche haben wir Bücher zum Thema: „Flüchtlinge“ vorgestellt. In dieser kleinen, persönlichen Auswahl darf der neue Roman von Jenny Erpenbeck nicht fehlen.

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Jenny Erpenbeck: „Gehen, ging, gegangen“
Knaus Verlag € 19,99
als E-Book € 15,99

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Aktueller kann ein Roman kaum sein. Jenny Erpenbeck schreibt zwar über die Tage und Wochen, als auf dem Berliner Oranienplatz Flüchtlinge im Freien übernachteten und mit Schilder, auf denen “ We become visible“ stand, auf sich aufmerksam machten. Doch die vielen Menschen, die nach Europa, nach Deutschland strömen, sind im Moment das Thema Nummer eins in allen Medien und in vielen Gesprächen. Es gibt eine große Anzahl von Menschen, die helfen und unterstützen und trotzdem bleibt eine Unsicherheit, wie wir mit dieser neuen Situation umgehen werden. Solidarität mit diesen Menschen prägt auch das neue, siebte Buch, von Jenny Erpenbeck. Schon in den Büchern zuvor ging sie engagiert zu Werke, beleuchtete deutsche Geschichte an Hand eines Hauses, oder ging sehr unorthodox an die Biografie einer Frau heran. Das Thema dieses Buch muss sie stark geprägt haben, was man daran erkennen kann, wie sie öffentlich für die Rechte von Flüchtlingen eintritt und vehement eine Änderung der Ausländergesetze fordert. Es ist ihr ein großes persönliches Anliegen, das sie in einen Roman verpackt hat. Und damit haben wir vielleicht schon das Problem. Das Buch steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Zurecht, wie ich finde. Aber vielleicht nicht aus stilistischen, rhetorischen Gründen, sondern wie Aktuelles, Brennendes in Worte gefasst worden ist.
IMG_5965Hauptperson ist Richard, ein emeritierter Professor, der als Witwer seinen Alltag organisiert. Er kommt aus dem Osten der Stadt und lebt dort immer noch als Witwer in einer ruhigen Wohngegend. Er hat ein wohlsituiertes Leben geführt, ein Leben im Elfenbeinturm der Hochschule und Forschung. So registriert er die Flüchtlingszeltstadt gar nicht, als er über Oranienplatz geht. Erst durch Meldungen in den Medien wird er auf diese Menschen aufmerksam, macht sich Gedanken und versucht mit Block und Stift Interviews mit ihnen zu machen. Dadurch will er ihnen näher kommen und verstehen, was sie zur Flucht bewegt hat. Er ist bewandert in der Literatur, Philosophie, Sprache und  Religion, einen direkten Kontakt mit Flüchtlingen hatte er jedoch noch nie. Wenn Jenny Erpenbeck diese Mittellosen zu Wort kommen lässt, bekommen die Sätze Farbe und Leben. Wir erfahren, wie sie behandelt, wie sie vom eigenen Militär für Propagandazwecke missbraucht worden sind. Man nahm ihnen alles, sogar die Sim-Karte ihrer Handys wurde zerbrochen. Und dieses „They broke our memories“ ist ein entscheidenter Satz und prägt sich wie ein glühendheisser Stempel ein. In diesen Momenten sind wir ganz nah bei diesen zuerst Unbekannten, die nach und nach Namen bekommen. Davon hätte ich gerne mehr gehabt. Richards Leben und Tun ist zu glatt, zu belanglos, zu gewollt konstruiert. Und dennoch super formuliert und geschrieben. Richard hilft, organisiert Sprachkurse (Gehen, ging, gegangen), versucht das Leben seiner neuen Freunde angenehmer zu gestalten. Er geht auf Ämter, liest sich in die Gesetze ein, berät und wird eine Art Vater für einen jungen Mann.
Jenny Erpenbeck hat das gewagt, wovor viele ihrer Kollegen zurückscheuen. Nicht eine eigene Nabelschau steht hier im Mittelpunkt, keine Kopfgeburten und Familiengeschichten über drei Generationen, sondern ein sehr aktuelles Kapitel deutscher, europäischer Geschichte. Sie hat gewagt, ob sie auch gewinnt, wird sich zeigen, wie sie im Rennen um den Deutschen Buchpreis abschneidet.

Leseprobe

Interview auf Deutschlandfunk mit Jenny Erpenbeck in Schrift und Ton.

Auf der Website des Randomhouse Verlages stehen diese drei Fragen an Jenny Erpenbeck:

Sie haben sich in einem offenen Brief für die Flüchtlinge vom Berliner Oranienplatz engagiert. Was hat das mit Ihrem neuen Roman zu tun?

Auch in meinen bisherigen Büchern habe ich viel über die Frage der Herkunft und über die Brüche in Biografien nachgedacht. Also über das, was Entwurzelung und Flucht nicht nur für ein Menschenleben, sondern auch in Hinsicht auf nachfolgende Generationen bedeuten. Flüchtlinge wie die vom Oranienplatz sind mitten in unseren Städten, über sie wird verhandelt, sie geben gutes Rohmaterial ab für Politik – und auch für Rassismus. Aber wer sind diese Menschen überhaupt? Wie vergeht ihre Lebenszeit? Warum können sie nicht dort sein, wo sie eigentlich sein wollen – in ihrer Heimat? Und wer sind wir, dass wir sagen dürften, es sind zu viele? Das interessiert mich.

Was kann Literatur zu diesem gesellschaftlich so bedeutenden Thema beitragen?

In der wirklichen Welt gibt es im Moment sehr viele Fronten. An einem Buch ist das Schöne: Es ist eine Welt für sich. Literatur ist ja nicht nur Erzählen, sondern setzt Zuhören voraus, und Zuhören bedeutet, dass man sich mit Respekt begegnet. Wahrnehmung ist kein Luxus, sondern essentiell notwendig, so wie Essen und Trinken. Wo Gesetze die Wahrnehmung verhindern, kann der Literatur, so hoffe ich, diese Annäherung dennoch gelingen.

Welche war für Sie die wichtigste Erkenntnis in der Auseinandersetzung mit den Themen „Flucht“ und „Asyl“?

Ein Mensch, der in Italien oder Griechenland als Flüchtling anerkannt ist, darf nicht wie ein Verbrecher behandelt werden, nur weil er auf der Suche nach Arbeit in ein anderes europäisches Land kommt. Freizügigkeit innerhalb Europas zu verweigern, ist nicht nur unmenschlich, sondern auch kurzsichtig.
Es treibt junge und hochmotivierte Menschen, die hier ihren Platz finden könnten, in Verzweiflung, Prostitution und Kriminalität. Armut und Kriege in den Herkunftsländern der Flüchtlinge haben wiederum oft ganz direkt mit unserem Wohlstand zu tun. Es gibt nun einmal nicht drei oder vier Welten, es gibt nur eine. Dass ein Gefälle nach Ausgleich strebt, ist ein Naturgesetz.
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Morgen ist es soweit.
Der Jastramblog bekommt eine Sonntagsausgabe, eine Beilage, ein Magazin.

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Jeden Sonntag dürfen wir auf dem Jastramblog einen Blick in den Skizzenblock von Detlef Surrey werfen. Detelf Surrey zeichnet mit Stiften auf Papier, in kleine Bücher und Blöcken. Er skizziert Alltagszenen, nimmt sich Zeit für besondere Ecken, die ein normaler Tourist mal so kurz mit dem Smartphone wegklicken würde. Die Skizzen gibt es nur in seinen Blöcken, nicht in gedruckter Form und sind auch nicht verkäuflich.
So haben wir hier die Chance den Weg vom Block zum Blog miterleben zu dürfen.

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Detlef Surrey ist Illustrator und Comiczeichner in Berlin.
Er arbeitet für Agenturen und Verlage. Für den Deutschen Bundestag zeichnet er die Sympathiefigur “Karlchen Adler” für Kinder.
Vor einigen Jahren entdeckte er seine Freude am freien Skizzieren wieder und trägt seitdem immer ein Skizzenbuch in der Tasche, um das festzuhalten was ihn im Alltag oder auf Reisen umgibt.

Skizzenblog: http://skizzenblog.surrey.de
Web: http://surrey.de

Er ist Mitglied der “Urban Sketchers Berlin”.

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