Donnerstag

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Heute haben
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Claire Goll * 1890
Zbigniew Herbert * 1924
Matthias Zschokke * 1954
Geburtstag

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Mathias Mayer (Hg.):Musikgedichte
Lyrik für Musikliebhaber
dtv € 8,90

Musik und Poesie gehören eng zusammmen. Und das schon seit ewigen Zeiten. So kommt ja das Wort Lyrik vom griechischen Instrument Lyra. In dieser handlichen Gedichtesammlung finden Sie ca. 80 Gedichte vom Barock bis in die Gegenwart, die sich mit Musik beschäftigen. Dabei geht es nicht um Liedgut, sondern um Gedichte über Sänger und Instrumente, über Komponisten und Interpreten.
Der Herausgeber Mathias Mayer setzt dann auch gleich den großen Meister an die erste Stelle:

Johann Wolfgang von Goethe
Aussöhnung

Die Leidenschaft bringt Leiden! – Wer beschwichtigt
Beklommnes Herz, das allzuviel verloren?
Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt?
Vergebens war das Schönste dir erkoren!
Trüb ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ewger Schöne;
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Doppelwert der Töne wie der Tränen.

Und so das Herz erleichtert merkt behende,
Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen,
Zum reinsten Dank der überreichen Spende
Sich selbst erwidernd willig darzutragen.
Da fühlte sich – o daß es ewig bliebe! –
Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.

Um dann aber gleich danach mit Christian Morgenstern weiterzumachen.

Christian Morgenstern
Urton

Fernher schwillt
eines Dudelsacks
einförmig-ewigwechselnde
Melodie:
Unaufhörlich
hebt sich und senkt sich
über dem Urton
ihr unerfaßliches Spiel.
……………………….

Auf dem ehernen Tische
Unendlichkeit
liegt unermeßlicher Sand gebreitet.
Da streicht ein Bogen
die Tafel an:
Einen Ton
schwingt und klingt
die fiebernde Fläche.
Und siehe!
Der Sand
erhebt sich und wirbelt
zu tausend Figuren.
Aus ihnen,
den tanzenden
tönenden,
glühenden
schlingen sich Tänze,
binden sich Chöre,
winden sich Kränze,
umringen sich,
fliehen sich,
finden sich wieder.

Aber das Spiel
der Formen, Farben und Töne
durchbrummt
unaufhörlich,
beherrscht
fürchterlich-unerfaßlich
der tiefe Urton
…………………….

Fern verschwillt
des Dudelsacks
Einförmig-ewigwechselnde
Melodie
Dorf, Wald, Welt
versinkt mir
schweigend
in Nacht.

Friedrich von Schiller schreibt über die klavierspielende Laura und träumt vom Elysium.

Laura am Klavier

Wenn dein Finger durch die Saiten meistert,
Laura, jetzt zur Statue entgeistert,
Jetzt entkörpert steh‘ ich da.
Du gebietest über Tod und Leben,
Mächtig, wie von tausend Nervgeweben
Seelen fordert Philadelphia.

Und auch Mörike befasst sich mit dem Klavier, das sich unter den Händen eines Spielers zu verwandeln scheint.

Eduard Mörike
Auf einen Klavierspieler

Hört ihn und seht sein dürftig Instrument!
Die alte, klepperdürre Mähre,
An der ihr jede Rippe zählen könnt,
Verwandelt sich im Griffe dieses Knaben
Zu einem Pferd von wilder, edler Art,
Das in Arabiens Glut geboren ward!
Es will nicht Zeug, noch Zügel haben,
Es bäumt den Leib, zeigt wiehernd seine Zähne,
Dann schüttelt sich die weiße Mähne,
Wie Schaum des Meers zum Himmel spritzt,
Bis ihm, besiegt von dem gelaßnen Reiter,
Im Aug die bittre Träne blitzt –
O horch! nun tanzt es sanft auf goldner Töne Leiter!

Eichendorff packt in ein kurzes Gedicht die enge Verbindung eines ganzen Lebens mit und ohne Singen zusammen.

Joseph von Eichendorff
Intermezzo

Wohl vor lauter Sinnen, Singen
Kommen wir nicht recht zum Leben;
Wieder ohne rechtes Leben
Muß zu Ende gehn das Singen;
Ging zu Ende dann das Singen:
Mögen wir auch nicht länger leben.

Hesse, Kästner, Uhland und Novalis sind vertreten, wie auch Lasker-Schüler, Celan und natürlich Wilhelm Müller. Ohne ihn geht in dieser Anthologie gar nichts. Wer kennt ihn nicht, den Leiermann. Lenau schreibt über Beethoven, die Kaschnitz über die Sonate, Karl Kraus über die Operette, Enzensberger über den Blues und Ingeborg Bachmann über den schwarzen Walzer. Benn über Chopin, die Mayröcker über Schostakowitsch und Nietzsche über Venedig.
Sie sehen, der Reigen ist groß und der Bogen weit gefasst.

Buon divertimento

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Arrangement einer kleinen Kundin

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