Das 18.Türchen vom Besten das Beste

IMG_7127

Heute haben
Paul Klee * 1879
Joachim Kaiser * 1928
Willi Fährmann * 1929
Katja Behrens * 1942
Angela Sommer-Bodenburg * 1948
Thomas Strittmatter * 1961
Geburtstag.
Aber auch Josef Stalin, Steven Spielberg und Willy Brandt.

„Die Zukunft wird nicht gemeistert von denen, die am Vergangenen kleben.“
Willy Brandt

Heute ist auch der Internationale Tag der Migranten (Ein- und Auswanderer).

IMG_7120

Gestern abend um 18:30 begannen alle Glocken in Ulm zu läuten und erinnerten an die Bombenacht vor 71 Jahren.
Im Sommer dieses Jahres führte ich mit Rudi Kübler ein Interview über seine Recherchen über diesen 17.Dezember 1944, für die er den begehrten Theodor-Wolff-Preis erhalten hat.

G731_00803_luftangriff_S1956_2012

Auf der Online-Plattform der Ulmer Südwestpresse erschien Ende letzten Jahres eine interaktive Reportage von Rudi Kübler über die Bombennacht in Ulm am 17.12.1944. Ich führte mit ihm ein kurzes Interview.

Lieber Rudi Kübler,
du hast zusammen mit Christine Liebhardt für die Reportage “Die Nacht der 100 000 Bomben” den renommierten Theodor-Wolff-Preis erhalten.
Gratulation dazu.

Am 17.Dezember 1944 zerstörten britische Bomber und Bomben fast die ganze Innenstadt Ulms. Letztes Jahr jährte sich dieser Termin, und euer Bericht kam in besonderer Form auf der Online-Plattform der Südwestpresse Ulm heraus. Du bist mit dem Buch “Ulm. 1933” schon einmal als Autor in Erscheinung getreten.

War es für dich zwangsläufig und notwendig nach den Anfängen des Nationalsozialismus in Ulm, auch über dessen Ende zu schreiben?

Mich als Historiker interessiert eben das, was in meiner Stadt – ich bin gebürtiger Ulmer – geschehen ist. Und ich halte es für wichtig, die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus mit der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung Andersdenkender und Andersglaubender wachzuhalten. Durchaus mit der Botschaft: Das darf nie wieder passieren. Wenn es um Demokratie, um Menschenwürde geht, muss sich eine Zeitung, müssen sich Redakteure engagieren.

Nach 70 Jahren war es sicherlich nicht einfach noch Zeitzeugen für diese Nacht zu finden.

Erste Ansprechpartner sind für mich oft Prof. Michael Wettengel und Ulrich Seemüller vom Stadtarchiv Ulm. Sie kennen die Quellen und wissen Namen. Und dann ist es hilfreich, die Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm, erschienen in mehreren Bänden, genau durchzuforsten. Über eine Fußnote im Band 6 “Ulm im Zweiten Weltkrieg” bin ich beispielsweise auf den damaligen Luftschutzwart Friedrich Glauninger gestoßen, der in der Nacht des 17. Dezember 1944 auf dem Münsterturm Dienst schob. Da hat es geklingelt, der Name Glauninger ist in Ulm ein Begriff. Ich weiß noch, ich habe dann sofort bei Fritz Glauninger (“ja, das war mein Vater”) angerufen, der mir zugesagt hat, am nächsten Tag mit Fotos vorbeizukommen und mir die Geschichte jener Nacht zu erzählen, wie sein Vater sie ihm erzählt hat. Anregungen kamen auch von den Zeitzeugen – nach dem Motto: Der Herr Soundso lebt noch, der hat Interessantes zu berichten.

Die Ulmer Innenstadt strahlt und protzt mit vielen Neubauten. War dir das Ausmaß dieser 100.000 Bomben schon im Vorfeld klar, oder entdecktest du für dich immer Neues bei deinen Recherchen?

Das Ausmaß der Zerstörung war mir schon klar. Eine neue Qualität bekommt das aber über die wochenlange Beschäftigung, über die Fotos vor und nach der Zerstörung, über die Gespräche mit Zeitzeugen. Wie sich die Menschen heute noch, 70 Jahre danach, an diese Nacht erinnern, hat mich tief beeindruckt. Reinhold Settele beispielsweise – das ist auch im Video festgehalten – hat diese Nacht aus seiner Perspektive so wahnsinnig gut geschildert. Da ist es mir eiskalt den Rücken heruntergelaufen. Solche Zeitzeugen sind ein Glücksfall.

Es war nicht der einzige Bombenangriff auf die Stadt. Zwei weitere folgten. Was war der Unterschied zu diesem am 17.12.1944?

Es war der erste schwere Angriff – in einer Nacht, in der sich die Ulmer wegen des Nebels eigentlich sicher gefühlt hatten. Und dann brannte die Innenstadt lichterloh. Bei einem weiteren Angriff im März 1945 fielen zwar noch mehr Bomben, aber die Stadt war zu diesem Zeitpunkt bereits entvölkert. Das heißt: Wer aus der Stadt flüchten konnte, der machte sich mit dem Zug oder zu Fuß und mit dem Leiterwagen, auf dem das Nötigste lag, davon.

Du benennst deine Kapitel mit: Anfang, Nebel, Bomben, Feuer, Morgen, Wunder. Das hat ja schon eine enorme Dramatik. Es gibt zum Schluss ein Wunder. Wie ging die Geschichte danach weiter? Wie sind die Ulmer mit diesem Trauma umgegangen?

Das Trauma ging ja zunächst weiter. Die Nacht des 17. Dezember 1944 markiert nicht den Endpunkt des NS-Regimes. Die Menschen starben weiter, viele junge Männer wurden beim Volkssturm verheizt, Deserteure erschossen oder aufgehängt – auch in Ulm. Noch im Frühjahr 1945 im Lehrertal. Und nach dem Einmarsch der US-Amerikaner am 24. April 1945 litten die Menschen weiter, sie hatten keinen Wohnungen, sie hatten nichts zu essen und oft nur das Nötigste an Kleidung. Aber irgendwie haben sie sich wieder aufgerafft, diese Leistung kann nicht hoch genug geschätzt werden. Dr. Marie-Kristin Hauke und Thomas Vogel haben sich im Buch “Erinnern in Ulm. Demokratischer Neubeginn nach 1945 und Auseinandersetzungen um den Nationalsozialismus”, das zu den Ausstellungen im Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg und im Stadtarchiv Ulm erschienen ist, mit dieser Zeit auseinandergesetzt.

Die Reportage ist nicht in Papierform in der Südwestpresse oder als Buch erschienen. Was reizte dich an der Multimediaversion? In wie fern war dies Nützlich für dieses Thema? Ist dies der Journalismus der Zukunft? Wie viele Menschen waren an diesem Projekt beteiligt?

Das Tolle war: Ich konnte schreiben, schreiben, schreiben – all das in die Geschichte packen, was mir wirklich wichtig erschien, ohne auf die Zeilenzahl zu achten. Nein im Ernst: Das Storytelling-Format biete die Möglichkeit, Texte, Fotos und Videos miteinander zu verbinden und ein Thema von verschiedenen Seiten her aufzuarbeiten. Mit der Erlaubnis des List-Verlags konnten wir beispielsweise zweieinhalb Seiten aus Jörg Friedrichs Buch “Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 – 1945” in die Reportage mitaufnehmen. Ein Klick auf das Cover des Buches und Friedrich erklärt, wie die Bombardierungen abliefen. Besser kann man es nicht erklären.
Ich denke, Storytelling eignet sich nur für ausgewählte Projekte. Das ist nicht jede Woche zu machen, weil der Aufwand doch sehr hoch ist. Über einen Zeitraum von drei Wochen waren zwei Redakteure beschäftigt – Christine Liebhardt und ich. Ich habe Stunden im Stadtarchiv zugebracht. Maria Reichelt und Niklas Döhring bearbeiteten die Grafiken, und Artjom Simon war für die technische Umsetzung zuständig.

Gibt es eine weitere Verwertung dieser Reportage? Als Videoinstallation im Ulm Museum zum Beispiel?

Gute Idee, vielleicht würde es aber eher ins Stadtarchiv passen. Mal mit Prof. Wettengel reden.

Für alle, die die Reportage noch nicht kennen. Hier kommt der Link: http://storytelling.swp.de/bombennacht/

Wie viel Zeit müssen wir fürs Lesen, Hören, Sehen einplanen?

Zwanzig Minuten wahrscheinlich schon. Wie gesagt: Wir haben ja nicht nur den Haupttext, sondern auch zwei weiterführende Texte. Und dann sollte man mit den Fotos ein wenig spielen, den Fotos vor und nach der Zerstörung. Die technische Möglichkeit, Fotos übereinanderzuschieben, hat mich richtig begeistert.

Vielen Dank für das Interview
Samy

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s