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Unser Buchtipp:

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Carl Nixon:Settlers Creek
Aus dem Englischen von Stefan Weidle
btb € 9,99

“Settlers Creek” von Carl Nixons ist gerade als Taschenbuch erschienen.
Zuerst im kleinen, feinen Weidle Verlag herausgekommen. Dort von Stefan Weidle über- und von Friedrich Forssmann gesetzt. Dazu noch Bilder von Stepahnie Nixon. Einfach ein schönes Buch. Jetzt also in einer günstigeren Ausgabe.

Carl Nixon lebt und arbeitet in Christchurch in Neuseeland und hat sich mit seinen Arbeiten diesem Land und seinen Menschen verschrieben.
Diesmal geht es um den Kampf zwischen den Maori und den weißen Nachkommen der Siedler. Carl Nixon zeigt dies exemplarischen an Box Saxton (ja wirklich Box, wie die Schachtel. Dieser Gag kommt mehrfach im Buch), der schon bessere Zeiten gesehen hat. Er war Immobilienmakler, Bauunternehmer. Besaß Häuser, hatte Angestellte und gute Autos. Die Wirtschaftskrise in Neuseeland hat auch ihn und seine Familie erfasst. Sie wohnen in einem ärmlichen Haus, seine Frau arbeitet und er ist auf Montage und nagelt Dächer auf Schulen. Die Familie Nixon hat zwei Kinder. Mark, aus erster Ehe seiner Frau, und Esther. Beide Kinder mussten die bessere Schule, aus Geldmangel, verlassen und sie sind nun auf einer normalen Regelschule. Der Roman beginnt damit, dass ein alter Mann früh morgens die Leiche von Mark in einem Baum hängend findet. Fein säuberlich hat er seine Kleider auf dem Boden gefaltet und gestapelt. Nackt dreht er sich im Wind wie eine Schaufensterpuppe. Als Box die Nachricht am Handy erreicht, bricht eine Welt für ihn zusammen. Mark ist nicht sein leiblicher Sohn, ist halb Maori und Box liebt ihn mit allem, was er hat. Sein leiblicher Vater Tipene Pitama hat Mark seit dessen zweitem Lebensjahr nicht mehr gesehen und besucht. Carl Nixon schildert sehr feinfühlig und warmherzig diese Restfamilie und wie sie sich auf die Beerdigung ihres Sohnes vorbereiten. Schön ist die Szene, als sie Mark im Leichenschauhaus besuchen, ihn waschen und ankleiden. Es kommt zu einer witzigen Situation, in der beide beginnen Tränen zu lachen. Kurz darauf ist das Wohnzimmer der Nixons voll mit Maori. Tipene ist mit 17 anderen gekommen, um den Tod des Stammesangehörigen zu betrauern. Es kommt zum Treffen der beiden Männer, der beiden Kontrahenten, der beiden Welten. Ein kräftiger Händedruck scheint die Dinge zu klären. Nun passiert das Unbegreifliche: Die Maori rauben den Leichman, um ihn auf Stammesgelände nach ihren eigenen Ritualen zu beerdigen und ihn nicht hier auf dem Friedhof bei all den anderen Nixons zu wissen. Aus dem Trauerbuch wird ein Einmannfeldzug. Clint Eastwood wird erwähnt und so kann man sich das auch vorstellen. Aber bitte, betrachten Sie das Buch nicht als Krimi, obwohl das schon ein paar mal so behauptet worden ist. Carl Nixon hat dafür für sein Personal viel zu viel Empathie. Box zieht also seinerseits los, um seinen Sohn wieder zurückzuholen. Aber sein Leben ist schon ordentlich in Schräglage. Der Tod des Sohnes machte dies nicht besser und auf dieser Tour führt er sich auf, wie ein typischer weisser Siedler, der auf sein Recht pocht, der Gewalt in die friedliche Maorigemeinschaft bringt und für Unruhe sorgt. Die Maori haben, im Gegensatz zu ihm, die wirtschaftliche Krise gut überstanden, organisieren Delphin-Ausfahrten und stehen wirtschaftlich auf soliden Beinen. Box bricht in diese Welt ein, eckt überall an, säuft, provoziert, prügelt und wird verprügelt. Er ist auf der Suche nach seinem Sohn, dies ist sein einziges Ziel. Der Rest ist ihm egal. Er findet ihn und es beginnt eine weitere Odyssee auf den Straßen durch die Nacht. Irgendwie hält Carl Nixon seine schützende Hand über Box und uns bleibt nur zu hoffen, dass er ihn gut ausstaffiert, und er seinen Sturz gut überlebt. Ich mag gar nicht mehr über den Roman schreiben, der nach gut 300 Seiten ein sehr besonderes Ende findet.
Was überhaupt keine Rolle spielt ist: Warum hat sich Mark überhaupt umgebracht? Was waren seine Beweggründe? Dies wird mit keiner Zeile erwähnt. In einem Gespräch zwischen den beiden Männern, erwähnt Tipene einmal, dass die Mutter des Jungen ihm nie erlaubt hat seinen Sohn zu treffen, zu besuchen. Dies überhört Box jedoch und es findet auch keine Weiterführung im Roman. Diese wichtigen Punkte allein wären einen Roman wert. Carl Nixon ist dies jedoch nicht wichtig. Es geht nur um die Beerdigung des Jungen und das eigene Rechthaben. Ein sehr starker Roman, der aufgebaut ist wie ein krimi, sich Zitate aus Clint Eastwood-Filmen erlaubt, und doch voller Liebe dem Absturz eines Mannes widmet. Ich wünsche ihm viele LeserInnen.
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Morgen gibt es die 23.Sonntagsskizzen von Detlef Surrey.
Thema: „Zwei Menschen“

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Zora del Buono liest bei uns in der Buchhandlung am kommenden Donnerstag
um 19 Uhr. Als Reisejournalistin hat sie die ganze Welt gesehen und darüber geschrieben. Reservieren Sie sich jetzt schon einen Stuhl.

Zora del Buono: „Hirschgeweih im Fischlokal“
Das „Gandori“ in Tanger. Trinkende Polizisten, frittierter Kabeljau und eine keifende Neureiche.

Warum schreit die Frau bloß so laut? Was will sie? Oder besser, was will sie nicht? Fotografiert werden, das haben bald alle im Lokal verstanden. Es bestand nie die Absicht, sie abzubilden. Um die Räumlichkeiten ging es. Aber auch wenn, was spräche dem entgegen? Ist sie berühmt, ein marokkanischer Filmstar, eine Sängerin, die inkognito essen gehen wollte, eine Angehörige des Königshauses gar? Abdoul Mrabet, der Wirt, redet auf die erzürnte junge Frau ein, versucht, sie zu beruhigen. Schon vorhin, in der dazugehörigen Bar, sprangen Männer auf, als sie die Kamera nur schon aus der Ferne sahen. Sprengten davon wie Fliegen, die den Wind der nahenden Fliegenklappe fühlen. Ließen ihre Drinks stehen, stapften vor der Tür auf und ab, verunsichert durch eines der vielen Fenster blickend. Einer versuchte sich in einer Erklärung: „Nous sommes agents.“
Polizisten also; staatliche Polizei, während ihrer Arbeitszeit in einer Bar in Tanger sitzend, verbotenerweise Alkohol trinkend, mit geröteten Augenrändern. In einem Lokal, dessen Interieur nicht von dieser Welt zu sein scheint, wenn man mit dieser Welt die nordafrikanische meint. An den Wänden kleben Fototapeten: ein lieblicher Bergbach, holländische Tulpenfelder, ein Tessiner See mit Segelschiffen darauf.
Halbnackte Frauen räkeln sich auf dem Bildschirm, der über dem Tresen hängt, tonlos, das Programm ist ein spanischer Werbekanal, da ist der Text nicht wichtig. „Restaurant Gandori“ steht über der infahrt. Das spanisch anmutende Gebäude liegt am Stadtrand von Tanger, direkt am Meer. Am Wochenende kann man hier draußen sitzen und den Kindern zuschauen, wie sie Steine, Muscheln und Glasscherben aus dem Wasser fischen. Gandori war nicht immer ein Restaurant und Abdoul Mrabet nicht immer sein Besitzer. Der fuhr nämlich 15 Jahre lang als Küchenchef auf Kreuzfahrtschiffen um die Welt. Übernommen hat er das Lokal von seinem Vater, Ende der 80er Jahre. Früher war dies der Club der Spanier. Früher, damit meinen die sentimentalen Tanger-Reisenden die Jahre vor 1956, als die Stadt internationale Zone war, als man
Paul und Jane Bowles, Allen Ginsberg und Truman Capote noch auf der Straße treffen konnte, als die Woolworth-Erbin Barbara Hutton ihre berüchtigten Parties veranstaltete und mithalf, das Leben in Tanger zum Mythos werden zu lassen. Der Club der Spanier war berühmt: für sein Spielcasino, seine anzveranstaltungen und vor allem für seinen Platz zum Tontaubenschießen. Hier fuhr die Society hin, wenn sie sich amüsieren wollte.Heute werden die Gäste nicht mehr verwöhnt, aber anständig bedient. Das Essen ist nicht exquisit, aber zuverlässig. Die Warnungen, die allen Marokkoreisenden auf den Weg mitgegeben werden, kein rohes Gemüse zu essen nämlich, bloß kein Fleisch zu verspeisen, am besten eigentlich gar nichts zu sich zu nehmen, um nicht magenkrank zu werden, all die gutgemeinten Ratschläge kann man im „Gandori“ ruhig vergessen: Die Auswahl ist so klein, daß nichts schiefgehen kann. In einer Kühltruhe liegt ein Sortiment frischen Fischs: Kabeljau, Goldbrassen, Sardinen, Langusten, Shrimps, frühmorgens von Abdoul Mrabet in den Markthallen selbst gekauft. Auch wenn über der Auslage ein glotzender Hirschkopf mit einem Geweih von enormen Ausmaßen thront, ist dies kein Hinweis auf Fleischgerichte – die gibt es nicht. Außer sonntags, und auch dann nur im Sommer, da wird im Garten „Barbecue“ veranstaltet. Das Hirschgeweih ist wohl mehr als Spleen des Hausbesitzers zu verstehen. Er hat ein Faible für mitteleuropäische Landschaften samt ihrer Fauna. Da sitzt man dann also ganz zufrieden in der ehemaligen spanischen Lasterhöhle, blickt auf das Meer, ahnt Spanien, sieht hinter der weißen Stadt die Sonne untergehen und bedauert doch ein wenig, daß die Zeiten, die man aus Büchern kennt, endgültig vergangen sind. Läßt sich vom Chef erzählen, daß die aufgebrachte junge Frau die neureiche Tochter eines zwielichtigen Geschäftmannes aus dem schwerbewachten Villenviertel von Tanger war, auf deren Anwesenheit er sowieso keinen Wert lege. Macht ein letztes Foto von ihm, wie er neben einer Büste seines Königs Hassan II. steht, packt dann die Kamera endlich ein. Und freut sich über die reichhaltige Platte mit fritierten Fischen, Krebsen und Krabben, die mit Pommes, Zitrone und in viel Butter geschwenkten Möhrchenscheiben serviert werden, trinkt dazu einen etwas gewöhnungsbedürftigen, fast sauren, aber eigentlich vorzüglichen marokkanischen roten Beni M’Tir und ist ganz vergnügt, weil sich in der angrenzenden Bar die Stimmung wieder gelockert hat. Wann bietet sich denn sonst die Gelegenheit, mit dienstflüchtigen marokkanischen Polizisten einen Drink zu kippen und dabei im Fernsehen spanischen Schönheiten beim Teppichverkauf zuzuschauen?

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