Freitag, 19.Februar

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Heute haben
Paul Zech * 1881
Giorgios Seferis * 1900 (Nobelpreis 1900)
Kay Boyle * 1902
Carson McCullers * 1917
Thomas Brasch * 1936
Siri Hustvedt * 1955
Helen Fielding * 1958
Jonathan Lethem * 1964

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Paul Zech
Im Dämmer

Im schwarzen Spiegel der Kanäle zuckt
die bunte Lichterkette der Fabriken.
Die niedren Straßen sind bis zum Ersticken
mit Rauch geschwängert, den ein Windstoß niederduckt.

Ein Menschentrupp, vom Frohndienst abgehärmt,
schwankt schweigsam in die ärmlichen Kabinen;
indes sich in den qualmigen Kantinen
die tolle Jugend fuselselig lärmt.

Nocheinmal wirft der Drahtseilzug mit Kreischen
Den Schlackenschutt hinunter in die flachen
Gelände, drin der Schwefelsumpf erlischt.

Fern aber gähnen schon, vom Dampf umzischt,
des Walzwerks zwiegespaltne Feuerrachen –
und harrn des Winks den Himmel zu zerfleischen.
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Ich hab’s schon vermutet und es kam wirklich so.
Für alle, die gestern nicht bei der Veranstaltung von Zora del Buono in unserer Buchhandlung waren (und es waren viele, die nicht anwesend waren):
Sie haben etwas verpasst. Aus dem angepeilten knappen Stündchen Lesung wurden locker eineinhalb Stunden und noch diverse Zugaben.

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Im Gespräch mit der Autorin erfuhren wir einiges über ihre Biografie. Schweizerin, halb Italienerin, in Berlin lebend, hat sie Architektur studiert und als Bauleiterin gearbeitet. Unter ihrer Regie würde der neue Flughafen in Berlin längst stehen, obwohl sie keine schnelle Arbeiterin ist, wie sie sagt.
Sie ist Mitbegründerin der Zeitschrift mare, die ein Projekt eines Freundes von ihr war. Aus der Idee heraus entstanden dann auch sehr viele Reisetexte. Als Journalistin möchte sie sich selbst nicht bezeichnen, da ihr die Genauigkeit fehlt. Sie möchte genau draufschauen, sich aber dann die Freiheit nehmen, das zu beschreiben, was sie will. So auch in ihrem letzten Roman „Gotthard“. Sie fuhr zwar für drei Tage Untertage, hat sich dann aber nicht intensiver mit der Tunnelmaterie beschäftigt. Lieber den Bergleuten zuhören und dann etwas gestalten.
Einige ihrer Reisetexte finden Sie auf ihrer Website www.zoradelbuono.de. Sie befuhr die Weltmeere auf Ozeanriesen, findet es großartig mit dem Schiff in New York anzulegen. Ohne jetlag und überstandener Flugangst, wie sie sie hat. Getoppt wurde das allerdings von einer Kurzreise auf dem größten Privatschiff der Welt. Einem solchen Riesen, der von ein paar handvoll Menschen auf Dauer bewohnt wird. Also Wohnungen mit 200 qm und Menschen mit Geld bis zum Abwinken. Die lassen sich von der Crew rund ums Jahr rund um den Erdball schippern. Tja.
Es geht bei ihr um Piraten, darum, was Menschen auf solchen Reisen an Musik hören. Sie selbst nimmt sich auf ihren Fahrten nur ein paar wenige CDs mit, lässt die dauernd laufen und hat dann beim Schreiben sofort Assoziationen zu Musik und Ereignissen. Sie besuchte ein Seekuh-Krankenhaus in Florida, war Gast in einem Seefahrer-Altersheim in Liguren, schrieb eine Geschichte der Wasserleiche, über edle Hotels und abgelegendste Orte.
Dass sie mit ihrem Hund (dem Vorgänger des mitgebrachte Mikka) die Ostküste der USA von Nord nach Süd abgewandert ist, können Sie bei ihr nachlesen. Sie berichtete über diese 100 Tage und welche Idee dahintersteckt.
Dass Bäume so ein Thema werden würde, hatte sie auch nicht gewusst, als sie sich auf die Reise zu den Mächtigsten machte. 14 uralte solcher Exemplare sind in ihrem Baumbuch versammelt. Bäume, die sie besuchte und sich Geschichte um die Bäume aufnotiert hat. Eine solche Baumgeschichte las sie uns zum Schluss noch vor. Aber auch hier erzählte sie uns gestenreich über tree hunter, darüber, dass ein Student eines der ältesten Exemplare der Erde absägte, weil sich sein Bohrer darin verkantet hat. Sie berichtete, dass Bäume innen Totholz sind, aber aussen wachsen. So wird  der Eingang zu einem Riesenbaum, in dem eine kleine Kapelle untergebracht ist, immer kleiner, weil der Baum sich seinen Platz holt. Der dickste Baum steht in Mexiko und hat einen Durchmesser von 18 Meter, die dicke Marie steht im Tegeler Forst. Ihr geht es nicht gut, da andere Bäume ihr das Licht weg nehmen. Früher stand sie alleine, heute mitten unter ihren Kollegen. Die jedoch einfach absägen geht auch nicht, da die Marie dann einen Lichtschock bekommen würde.

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Ihr letzter, aktueller Roman „Gotthard“ wurde natürlich auch vorgestellt und Zora del Buono las ein paar kurze Passagen aus dem Roman vor. Einfach deshalb, dass wir einen Eindruck vom Sound bekommen.
Es geht um einen Tag im Leben der Menschen, die mit der Baustelle am Tunnel zu tun haben. Im Mittelpunkt ein deutscher train spotter, also einer, der mit Fotoapparat und Schreibblock unterwegs ist, um möglichst viele Lokomotiven zu sammeln. Sie gab ihm den Namen Bergundtal. Den Namen gibt es wirklich. Jedoch nicht sehr häufig. Prompt erhielt sie einen Anruf aus dem Osten Deutschlands, ob sie nichts über den verschwundenen Großvater wüsste, der Bergundtal geheissen hat? Na, das ist nur ein erfundener Namen, sagt Zora del Buono der Unbekannten. Tage später meldete sich ein Schweizer gleichen Namens, der sehr verwundert ist, dass sie seinen Namen benutzt hat und auch noch zusätzlich seine Leidenschaft des train spottens. Das hatte sie un doch nicht erwartet, die beiden Menschen dann aber zusammengebracht.
Als sie noch erzählte, dass es so tief im Gestein unglaublich warm ist und dass das Wasser, das dort unten aus den Felsen kommt, so heiss ist, dass man sich die Hände verbrüht, bemerkte sie, dass es nun doch Zeit sei, sich den Wasser- und Weinflaschen zu widmen.

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Ein toller, informativer, sehr witziger Abend mit einer eloquenten, gestenreichen Autorin und einem kleinen, lieben Mikka, der die Lesung verschlief und sich seine Streicheleinheiten abgeholt hat.
Liebe Zora del Buono, Ihnen weiterhin alles Gute.
Und, sie erwähnten es ja gestern abend auch: Man sieht sich immer zweimal.

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2 Gedanken zu „Freitag, 19.Februar

  1. Ich freue mich nach Deinem Bericht nun noch etwas mehr auf den Abend mit Zora del Buono bei uns – und lieber Samy: immer wieder Hochachtung für Deinen blog, die ausführlichen Besprechungen und das immer morgens um 6.30 Uhr! Liebe Grüße, Susanne.

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