Samstag

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Der Tod im Ulmer ROXY. Na dann Prost.
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Heute haben
Casanova * 1725
Hugovon Fallersleben * 1798
Hans Christian Andersen * 1805
Emile Zola * 1840
Max Ernst * 1891
György Konrad * 1933
Thomas Glavinic * 1972
Geburtstag
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Rasmus Schöll empfiehlt:

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Juli Zeh:Unterleuten
Luchterhand Verlag € 24,99
als Hörbuch auf 2 mp3CDs, Laufzeit: ca. 14h 40 € 24,99

Als moderner Leser steht man permanent unter Druck.
Woher die ganze Zeit nehmen für all die Bücher die es zu lesen gibt, dabei auch noch die Zeit nicht für ein schlechtes Buch zu vergeuden. Nebenbei,  genug Zeit für Kinder, Haushalt, Zweisamkeit und Freunde zu haben. Die Hektik der Stadt, Lärm, Abgase, Wuchermieten und gratis Beschallung allerorten, dazu  imaginative Berieselung immer und überall . All die Veranstaltungen, der Fernsehabend, das Kinoprogramm, die Freunde, der Sport und all die tausend und tausend dinge die wir tun könnten und nicht tun. Ja, der moderne Leser hat es nicht leicht. Aber ich will  mich nicht beschweren. Ich habe bemerkt, heutige Bücher haben es auch nicht leicht. Bestsellerlisten feiern die einen, die anderen wollen sie gar abschaffen.  Wie halbamputierte, digitalisiert  auf
Plastikbretter gebannt, wo sie neben der Mp3-Datei in einem Schattenregal, als E-Pub-Format mit einer App via Bluetooth versendet, gelandet sind  ( Was einem die heutige Technik für Sätze schenkt!). Ungesehen von dem Tageslicht oder dem bewunderten Besucher, der sich anstatt des Smalltalks, in die Weltliteratur versenkt. Und dann,  alle
Jahre wieder, wird der Tod des Buches ausgerufen.  Nein, Bücher haben auch kein leichtes Leben. Wer hat nicht schon daran gedacht, den ganzen Rummel hinter sich zu
lassen und aus der Stadt mit all seinen Büchern, ab aufs Land, mit weitem Blick über das Feld, zu ziehen?  Unglaubliche Ruhe, der eigene Herzschlag  ertönt beim Spazieren durch die unberührten Wälder, Nachthimmel mit Sternen, glasklare und kalte Luft umspielt die Nase. Der Nachbarn kennt einen mit Vornamen und bietet seine Hilfe schon bei der kleinsten Bemerkung an. Alles ist klein und überschaubar. Keine
Ablenkung, nur lesen!
Nun, Gegen diese Flausen gibt es jetzt ein Gegenmittel: Juli Zeh’s: „Unterleuten“.
Das Dorf als Mikrokosmos, der Titel ist Programm. Einsamkeit ist in dem Dorf Unterleuten nicht zu haben. Die Protagonisten sind überschaubar im Gegensatz zu den Konflikten. Den Daraus besteht im eigentlichen  die Dorfgemeinschaft, aus den Leichen im Keller, alten Streitereien und Blutfehden wie in Süditalien a la Mafiosi. Nur, wir sind nicht in Italien, sondern irgendwo im Osten in der Nähe von Berlin. Eben in  Unterleuten, dass  wie viele Dörfer in den Sechzigerjahren Zwangskollektiviert, Enteignet und in Güter der LPG umgewandelt wurde. Nach der Wende wurde das Leben  für viele nicht besser, statt dem Staat enteigneten nun die Investoren ihr Hab und Gut. So auch in Unterleuten. Das Dorf besteht aus den Alteingesessenen,  die sich unterteilen in die Verlierer nach der Wende und den Gewinnern, Neider und verbitterte alte Kommunisten, sowie reaktionäre Kapitalisten. Dann gibt es noch die Großstadtflüchter, romantische Naivlinge, exemplarisch anhand zweier Paare geschildert. Das Dorf wird zum Kriegsschauplatz, als ein Investor im Zuge des
Atomausstiegs Windkraftanlagen bauen will. Neue und alte Konflikte brechen auf und aus. Was in der Stadt oft nur in abstrakter, bürokratischer Form auftritt: Macht und Gewalt, wirkt im Dorf unmittelbar und direkt. Der Kampf für oder gegen die Windkraftanlagen wird zu einem Kampf auf Leben und Tod.
Sicher ist, nach dieser Lektüre ist einem das Landleben vergangen, aber
die Bücher gerettet. Denn eines will man nach diesem Buch bestimmt: Mehr lesen!
Juli Zeh hat nach eigenen Angaben über 10 Jahren an diesem Roman gearbeitet und alles gegeben, was sie gegeben konnte. Herausgekommen ist ein Gesellschaftsroman über die Konflikte des modernen Menschen.
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Morgen gibt es die 30.Sonntagsskizzen von Detlef Surrey.
„Menschen im Zug“

Samstag

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