Donnerstag, 21.Juli

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Heute haben
Hans Fallada * 1893
Ernest Hemingway * 1899
Mohammed Dib * 1920
Brigitte Reimann * 1933
Geburtstag.

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Unser heutiger Buchtipp:

978-3-15-019398-3

Hannah Arendt: „Wir Flüchtlinge“
Was bedeutet das alles?
Mit einem Essay von Thomas Meyer
Aus dem Amerikanischen von Eike Geisel
Reclam Verlag € 6,00

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unsere Gefühle.“

Hannah Arendt, die Mitte der 30er Jahre selbst flüchten musste, in Frankreich interniert war und über Portugal in die USA kam, schrieb diesen Text 1943 auf englisch. Er wurde von vielen Stellen totgeschwiegen und als 1963 Hannah Arendt mit ihrem Eichmann-Text für einen großen Skandal sorgte, verschwand der Essay in den Schubladen der Geschichte. 1986 wurde er erstmals ins Deutsche übersetzt und erschien aktuell in der Philosophie-Reihe des Reclam Verlags. Der beigefügte Text Es bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt von Thomas Meyer erschien Ende 2015 beim Deutschlandfunk. Darin analysiert Meyer diesen kurzen Text und legt seine wahre Sprengkraft offen.

„Daß es so etwas gibt wie ein Recht, Rechte zu haben – und dies ist gleichbedeutend damit, in einem Beziehungssystem zu leben, in dem man aufgrund von Handlungen und Meinungen beurteilt wird -, wissen wir erst, seitdem Millionen von Menschen aufgetaucht sind, die dieses Recht verloren haben und zufolge der neuen globalen Organisation der Welt nicht imstande sind, es wiederzugewinnen.“

Aus unmittelbarem eigenem Erleben bezweifelte Arendt, dass Staaten überhaupt noch in der Lage sind, Flüchtlings-Probleme zu bewältigen, da die Nationalsozialisten die Idee des schützenden Nationalstaats unmöglich gemacht haben. Deshalb kritisiert sie auch die Entstehung eines eigenen Staates für Juden. Das Konstrukt Nationalstaat hat sich, so Arendt, überlebt.

„Die Lebensunfähigkeit gerade dieser Staatsform – und die Form scheitert an Fragen des Lebens, denn das sind alle wirtschaftlichen Fragen, wenn Sie sie recht betrachten – in der modernen Welt ist längst erwiesen, und je länger man an ihr festhält, umso böser und rücksichtsloser werden sich die Pervertierungen nicht nur des Nationalstaats, sondern auch des Nationalismus durchsetzen. Man sollte nicht vergessen, dass die totale Herrschaft vor allem auch in der Form des Hitler-Regimes, nicht zuletzt dem Zusammenbruch des Nationalstaats und der Auflösung der nationalen Klassengesellschaft geschuldet war. Es war im Grunde ein Zersetzungsprodukt, wenn man es rein objektiv betrachten will. Der Souveränitätsbegriff des Nationalstaats, der ohnehin aus dem Absolutismus stammt, ist unter heutigen Machtverhältnissen ein gefährlicher Größenwahn. Die für den Nationalstaat typische Fremdenfeindlichkeit ist unter heutigen Verkehrs- und Bevölkerungsbedingungen so provinziell, dass eine bewusst national orientierte Kultur sehr schnell auf den Stand der Folklore und der Heimatkunst herabsinken dürfte. Wirkliche Demokratie aber, und das ist vielleicht in diesem Zusammenhang das Entscheidende, kann es nur geben, wo die Machtzentralisierung des Nationalstaats gebrochen ist und an ihre Stelle die dem föderativen System eigene Diffusion der Macht in viele Machtzentren gesichert ist.

In ihrer flotten Art zu schreiben, vermischt sie ihr eigenes Erleben mit Analysen, Gedankenketten , die nicht immer sofort nachvollziehbar sind. Auch ist dieser Text nicht direkt auf die jetzige Flüchtlingsdebatte anwendbar, zeigt aber, wie klug und genau Arendt hingeschaut und in ihren prägnanten Worten diesen kurzen Text konstruierte.
Irgendwie prophetisch klingen dann solche Sätze:

„Und die Gemeinschaft der europäischen Völker zerbrach, als – und weil – sie den Ausschluss und die Verfolgung seines schwächsten Mitglieds zuließ.“

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