Mittwoch, 14.September

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Heute haben
Theodor Storm * 1817
Michel Butor * 1926
Ivan Klima * 1931
Eckhard Henscheid * 1941
Uli Becker * 1953
Geburtstag
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Theodor Storm
Abseits

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut –
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen;
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
Behaglich blinzelnd nach den Bienen;
Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
– Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.
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Jetzt als Taschenbuch:

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Adelle Waldman:Das Liebesleben des Nathaniel P.
Aus dem Amerikanischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Piper Verlag € 10,00

Adelle Waldman hat mit ihrem Buch in den USA, in New York, in Brooklyn für Aufsehen gesorgt. Es wurde als das beste Debut des Sommers 2013 ausgezeichnet. Naja, Auszeichnungen gibt es. Ich bin über diesen schmalen Roman über diverse Blogs gestolpert und dachte, dass mir dieses Buch gefallen könnte. Und das hat es auch. Adelle Waldmans Protagonist Nathaniel, genannt Nate, ist einer dieser vielen Mitdreißiger, die durch die Großstädte tigern. Er hat vor Jahren ein erfolgreiches und schwer beachtetes Buch geschrieben und hält sich in den letzten Jahren mit Buchbesprechungen über Wasser. Seine Wohnung könnte eine Aufräumaktion gut vertragen, doch bekommt er für vieles sein Hinterteil nicht hoch. So läuft er auf dem Weg zu einer Party seiner Ex über den Weg und der Roman nimmt seinen Lauf. Nate verliebt sich schnell. Leider nicht immer in die Richtige. Und so entsteht eine kleine Ansammlung von Frauen, wie wir sie auf dem Umschlag sehen. Na, so viele sind es nun auch wieder nicht, da Adelle Waldman ihren Focus auf ein Jahr legt. Es wird viel geredet, viel getrunken. Große Diskussionen über Nichtigkeiten. Große Hoffnungen auf neue Buchprojekte. Neid und Getratsche gehören hier genauso zum Alltag dieser Jungdynamischen, wie schon bei den Romanen von Charlotte Bronte. Es wird viel über Schuld geredet, aber unser Nate versucht nicht gerade aktiv an seiner Situation etwas änden. Adelle Waldman erzählt mit großer Nähe über diesen kleinen Freundeskreis, wie er auch in Paris, Berin und Ulm sein könnte. Und trotzdem behält sie genau die richtige Distanz und überlässt uns als Leser die einzelnen Typen zu bewerten. Mit ihrem Witz, der sich hinter dem Text versteckt, gibt sie der Handlung Schwung und lässt uns die vorgestellten Menschen mit einer guten Portion Ironie betrachten.

Leseprobe

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Am Freitag liest Fee Katrin Kanzler bei uns in der Buchhandlung aus ihrem neuen Roman.

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2.Teil der Leseprobe

Noch bevor seine Fußspitze die erste Treppenstufe berührte, zuckte er zusammen, erstarrte mitten in der Bewegung und ein erstickter Laut drang aus seiner Kehle.
Ein knotiger Schatten, ein vielbeiniges Tier regte sich neben ihm, schmiegte sich in der Dunkelheit an den Putz. Der Schemen sog Henrys blauäugigen Blick in sich hinein und ließ ihn nicht mehr los. In der Fensternische saß ein Mädchen mit wild ab stehenden Dreadlocks. Ihre Umrisse weckten in Henry ein Gefühl von Sturz und Festhaltenwollen, als sei er ausgeglitten und fiele in einen tiefen Brunnen. Von draußen kroch etwas Nachtlicht auf ihre Lippen, die von Gänsefett glänzten. Die Schweigende betrachtete den Gebannten, erst teilnahmslos, dann amüsiert. Ein Biss in die Geflügelkeule, um deren Schaft sie eine Serviette gewickelt hatte, ein Kauen, Schlucken, Lippenlecken.
Henry versuchte, seine angeknackste Contenance mit einem Räuspern zu kitten, mit einem flotten Spruch, mit Smalltalk. Hätte er gewusst, dass dieses Mädchen ihm bald übel mitspielen würde, um kein einziges Wort hätte er gerungen, hätte all seine Neugier und Brunnensturzgefühle an den Mast gebunden, wäre schleunigst weitergesegelt. Aber er wusste nichts, wollte nichts außer dem Arbeiten seines Herzens und diesem schwarzen Gänseblümchen, das vor ihm saß. Er wollte es beeindrucken.
»Gestatten, Henry Jean-Toussaint Einstein«, stellte er sich vor.
»Joe«, sagte das Mädchen.

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