Freitag, 16.September

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Heute haben
Hans Arp * 1887
Werner Bergengruen * 1892
Friedrich Torberg * 1908
Esther Vilar * 1935
Breyten Breytenbach * 1939
Geburtstag

Hans Arp
Die Herzen sind Sterne

.
Die Herzen sind Sterne,
die im Menschen blühen.
Alle Blumen sind Himmel.
Alle Himmel sind Blumen.
Alle Blumen glühen.
Alle Himmel blühen.
.
Ich spreche kleine, alltägliche Sätze
leise für mich hin.
Um mir Mut zu machen,
um mich zu verwirren,
um das große Leid, die Hilflosigkeit,
in der wir leben, zu vergessen,
spreche ich kleine, einfältige Sätze.
.
Die Meere sind Blumen.
Die Wolken sind Blumen.
Die Sterne sind Blumen,
die im Himmel blühen.
der Mond ist eine Blume.
Der Mond ist aber auch eine große Träne.
.
Alle Blumen blühen für dich.
Alle Herzen glühen für dich.
.
Ich spreche kleine, einfältige Sätze
leise für mich hin,
immerfort für mich hin.
Ich spreche kleine, alltägliche, geringe Sätze.
Ich spreche wie die geringen Glocken,
die sich wiederholen und wiederholen.
.
Sophie ist ein Himmel.
Sophie ist ein Stern.
Sophie ist eine Blume.

Alle Blumen blühen,
blühen für dich.
Alle Herzen glühen,
glühen für dich.

Nun bist du fortgegangen.
Was soll ich hier gehen und stehen.
Ich habe nur ein Verlangen.
Ich will dich wiedersehen.
.
Wir zogen hell
durch Glanz und Duft.
Nun tut das Licht mir weh
und niemand ruft
und zeigt mir eine Blume
oder einen Stern.
.
Es blüht im Himmelsgrund
zwischen Dunkelheit und Licht
strahlend wie ein Stern
dein gütiges Gesicht.
.
Du bist ein Stern
und träumst in Gottes lichter Blume.
Ich mag nicht weitergehen.
Ich will auch schlafen.
So wie du schläfst
in Gold und tiefer Ferne
in einem reinen Wiegen.
.
Verloren wie der alte Mond,
der schon viel tausend Jahre stirbt,
ist dieser arme Tränenmensch,
der um die tote Rose wirbt.
.
Wie schnell vergeht ein Leben
in Gottes lichtem Dunkel.
Kaum ist heute gesagt,
ist morgen schon vergangen.
Und so vergehen die Jahre
mit Spielen, Träumen, Säumen.
Und so vergeht die Zeit,
in der die Blumen schweben.
.
Wann blühen wir wieder
vereint an Gottes lichtem Strauch?
Wann ruhe ich für immer
in deinem reinen Hauch?
.
Du lächelst,
um nicht zu weinen.
Du lächelst,
als würden lange noch
die guten Tage scheinen.
Deine Flügel glänzten
wie junge Blätter.
Dein Gesicht
war ein weißer Stern.
.
Seitdem du gestorben bist,
danke ich jedem vergehenden Tag.
Jeder vergangene Tag
bringt mich dir näher.
_________________________

Heute gibt es zum letzten Mal eine Leseprobe aus Fee Katrin Kanzlers Buch
Sterben lernen„.

Sie liest heute aus diesem Buch bei uns in der Buchhandlung .
Beginn ist 19 Uhr.

Orangenmarmelade

Familienporträt, imaginär, alle drei stehen auf Plastikfolie, seine Frau, seine dreizehnjährige Tochter und Henry. Falls jemandem schlecht wird. Falls einer den anderen aufschlitzt. Darunter der Nepalteppich, den seine Frau sorgfältig und passend zum Parkettfarbton ausgewählt hat. Julia bohrt ihren dreizehnjährigen Blick in diesen Teppich, Bettina hält ihre Hand und sieht vorwurfsvoll in die Kamera. Zwischen Henry und den beiden Frauen, zwischen seinem Arm und der Schulter seiner Tochter, klaffen zwanzig Zentimeter. Läppische zwanzig Zentimeter, und doch eine unüberwindliche Distanz. Statt in die Kamera, schaut Einstein aus dem Fenster, sucht den Morgenstern, wünscht sich einen Aste roiden herbei, der auf die Erde zurast. Die Hoffnung, ihm würde schlagartig klar, worin sein Superheldentum bestehen könnte, steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Jetzt, unglaubliche Intensität der Wahrnehmung, messerscharf, Henry sieht wie mit hundert Augen, hört glasklar, ohne Ohren zu haben, saugt Luft in riesige Lungen, körperlose, und fühlt sich, als könnte er an zehn oder
zwanzig Orten zugleich sein. Keine Dunkelheit, keine Stille. Nicht die süße Selbstvergessenheit des Bewusstlosen. Was da tobt, ist eine neue Art von Leben, mehr als Leben, eine gewaltige ealitätssteigerungsmaschine. Allein das Sonnenlicht sprengt ihm alle optischen Kanäle. Ein Himmel im Fenster, ein Faustschlag Blau, zwei Quadratmeter Küchenfliesen, ein Tango verschiedener Grüntöne. Henry wundert sich über die Zuckerkristalle auf den Lippen, über den Duft warmgeschlafenen Haars, das Gewahrwerden, wie es sich anfühlt, Zehntausende von Haaren zu haben. Dass er jetzt zu solch verschärfter Empfindlichkeit der Sinne fähig sein soll, kommt ihm wie ein schlechter Witz vor. Er lacht, bis er merkt, dass er nicht lachen kann, da ist kein Kehlkopf, durch den Luft strömen, keine Brust, in der sein grimmiger Spott widerhallen könnte. Stattdessen das Flattern von Wimpern. Schweiß, der von der Haut verdunstet.
Ein Körper von innen. Nur ganz langsam wird Henry klar, dass es nicht sein Körper ist. Nicht sein Dreitagebart, nicht sein Hackklotz von einem Kinn. Sondern eine schmale Frauengestalt, die auf einem Holzstuhl sitzt, die Beine angezogen bis zum Bauch. Hervorstehende Wangenknochen, das Haar in wirren Dreads, ein Mädchen, lebendig, unversehrt. Er schmeckt den Kaffee auf Joes Zunge, den Nachgeschmack, die Überreste seiner Bitterkeit. Er weiß minutiöse Kleinigkeiten über das Mädchen. Wie oft sie in ihrem Leben in einem Flugzeug saß. Wovon sie nachts träumt. Dass das Gefühl von Nieselregen auf der Haut sie an portugiesischen Weißwein erinnert und um-
gekehrt. Eine fremde Zunge wandert in den Mädchenmund. Schmeckt nach Zigarettenrauch und herber englischer Orangenmarmelade. Verschwindet wieder. Joe zieht an einer Zigarette, knisternde Glut, atmet ein, atmet aus. Als die fremden Lippen wiederkommen, setzt das Mädchen ihnen nichts entgegen, fühlt die einzelnen Knospen
auf dieser Männerzunge, den Pelz dieses ungewaschenen Gutenmorgenkusses. Joe denkt nicht an den Stierschädel, nicht an die blutige Szene der Nacht. Aggression
quillt in Henry hoch. Nicht nur, weil er, in Joe verfangen, die Intimitäten dieses anderen Mannes mitfühlen muss. Sondern weil alles nur Show, nur Geste ist, das Rauchen,
das Küssen.
»Hohler Fotzgockel«, sagt sie.
Das macht den Kerl nur noch dreister. Henry wünscht sich, dass sie dem Raubauz eine scheuert, dass sie ihm in die Eier tritt. Aber sie macht brav weiter, wischt eine Filzlocke aus ihrem Gesicht, legt zur Seite schielend ihre Zigarette in den Aschenbecher. Aus dem Augenwinkel sieht sie eine Graugans, die am Küchenfenster vorbeifliegt und den Hals verrenkt, nur für sie. Plötzlich wird es dunkler. Der Kreis von Henrys Wahr-
nehmungen verengt sich wie der Lichtkegel einer heruntergedrehten Petroleumlampe. Gleich ist es vorbei. Die ganze Zigarettenkussgeschichte nur ein kurzes Aufflackern, denkt er, ein letztes Neuronenfeuer. Verzweifelt sucht er einen Gedanken, der imstande ist, ihn wachzurütteln, aufzustacheln, zurück ins Licht zu schocken. Nach Sekunden lautloser Panik findet er ihn. Julia ist dieser Gedanke oder zumindest der Schreck,
nicht früher an sie gedacht zu haben. Sie ist wie abgedämpft, wie ausgegraut in seinem Gedächtnis, die eigene Tochter. Er erinnert sich kaum an die Farbe ihrer Augen, obwohl er gestern Morgen auf ihrem Bett saß, auf der zitronenfalterfarbenen Decke. Zitronenfalter farben, ein Wort, das ihm unter gewöhnlichen Umständen nicht
über die Lippen gekommen wäre, für das er keine Zeit gehabt hätte. Der flüchtige Abschiedskuss, die Origamikraniche an Julias Zimmertür, es war zu dunkel für das
Blau der Tochteraugen und Henry zu sehr in Eile. Unter einiger Anstrengung ruft er sich die Umrisse unter Julias Bettdecke in Erinnerung. Sie sollte diejenige sein, zu der seine verlöschenden Gedanken eilen. Ihr Herzschlag sollte es sein, den er besorgt verfolgt, ihre Stimme, die durch den letzten Rest seines Bewusstseins dringt, ihr Fragen, ihr sanftes Unverständnis für die Welt. Aber die Seufzer, die ihn wach halten, entfahren
den Lungen eines anderen Mädchens. Der Herzschlag, der ihn mitreißt, ist ein forderndes Pochen, wilder als der Julias, und die Stimme, die er hört, sagt Worte,
die die Tochter im Traum nicht in den Mund nehmen würde. Unter Joes Schlüsselbein sind Buchstaben tätowiert, ein Schriftzug, den Henry irgendwann lesen wird. Falls es
noch einmal hell wird. Falls sich sein Blick noch einmal klärt. Wippende Dreadlocks, graue Augen und die Glasperlen um ihren Oberarm sind alles, was er sieht. Immer eine weiße Anthurie im Schlafzimmer, immer. Henry will Bettina sehen, am Telefon, den dunklen Blazer übergeworfen, den sie beim Tod ihrer Mutter gekauft, den Platinschmuck an den Ohren, den er ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt hat. Will hören, wie sie in Julias Schule anruft, wie sie bei seinem Chef durchklingelt, alles erklärt. Den Fall ruhig und mit fester Stimme vorträgt. Erst wenn der Hörer wieder auf der Ladestation steht, würde sie sich einen Moment der Ruhe gönnen und weinen. Sich auf die Wohnzimmercouch setzen, auf dieses drei Meter lange Rindslederschiff mit der Unterkonstruktion aus Kernbuche, das wie die anderen Massivholzmöbel Henrys und Bettinas Beziehung Festigkeit gab. Die Möbel waren etwas, in das sie investieren, worüber sie sich einig sein konnten.
Seine Frau, die Spange im Haar gelockert, ihre Wimperntusche verwischt. Nur eine Vorstellung, eine Fantasie, die nicht die Penetranz, nicht die stechende Realität der
Joewelt hat. Henry weiß nicht, ob Bettina gerade weint, ob sie in Julias Schule angerufen hat oder bei seinem Chef oder ob sie es im Schock einfach vergisst. Ob der
bärtige Jablonski es für sie übernimmt. Über Joe hingegen weiß er viel zu viel. Dass sie kritische Mengen an Restalkohol im Blut hat. Dass ihr der Kerl, der gerade seinen Finger in ihren Mund steckt, letzte Nacht einen Cuba Libre nach dem anderen hinstellte.
Dass sie angesichts nur dreier Stunden Schlaf eigentlich müde und überempfi
ndlich sein müsste. Aber das junge Ding fühlt sich aufgeräumt. Leichtfüßig geradezu. Der Duft der Orangenmarmelade und eine Tasse Kaffee genügen, um sie in den Tag hineinzuretten. Neunzehnhundertsechsundachtzig, der Garten von Caspars Eltern. Dort ist der Kaulquappenteich, dort das Mauerloch, in dem Henry und sein  Grundschul- freund ihre Schätze versteckten, dort die Stelle, wo Caspars Nymphensittiche begraben liegen. Aus der Außenvoliere dringt das Trällern und Schnattern derjenigen Vögel,
die noch am Leben sind. Gelbe Federhauben leuchten in der tiefstehenden Sonne, Hirsegeruch. Ein junger Mann spielt ein Rennspiel, mitreißender Beat, eine futuristische Stadt zerreißt vor Geschwindigkeit in bunte Schlieren. Andere Antigravitationsgleiter donnern an ihm vorbei. Er feuert Raketen, sie lassen Minen fallen. Neonfarbene Explosionen. Er umklammert die Steuerung fester.  Joe riecht nach Chrysanthemen, Astern und Thuja. Unter ihren Fingernägeln klebt eingetrockneter Pflanzensaft. Die Haut auf ihren Schultern ist sonnenverbrannt und schält sich. Ihre flatternden Wimpern, ihr zittern des Zwerchfell, der fast vergessene Schmerz in ihrer Magen grube.
Gegen elf Uhr verschwindet die Männerzunge aus Joes Wohnung, zurück in ihre eigenen vier Wände oder in den Roten Pf lug, eine alternative Kneipe am Mark-
heimer Marktplatz. Die Bar gehört dem Kerl und die Longdrinks, die er Joe verabreichte, hat er selbst und extra stark gemixt. Endlich, ein Poltern die Holztreppe
hinunter, Henry verspürt eine lähmende Erleichterung. Er kann nicht sagen, ob es seine oder Joes Erleichterung ist. Das Mädchen zündet die erloschene Zigarette wieder
an, klemmt sie sich zwischen die Lippen und bindet ihre Dreads hinterm Kopf zusammen. Sie geht aus der Küche zur Grünlilie, von der Grünlilie zur Schlafecke.
Legt die Zigarette ungeraucht in einen anderen Aschenbecher. Gegen elf Uhr, denkt Einstein, und fragt sich, ob solche Zeitangaben noch Bedeutung haben. Er ist ans Ende der Zeit gelangt. Wenn er sich anstrengen würde, könnte er sie überblicken, diese Zeit, wie einen soliden Block Holz, wie ein geädertes Ganzes, äonenschichtig, Anbeginn
und Weltende und alles dazwischen. Aber er hat keine Kraft für Anstrengungen, ist müde. Joe lässt sich aufs Bett fallen und starrt die Dachschräge an, während aus
dem Aschenbecher eine dünne weiße Linie steigt, zu schlingern beginnt und sich verliert, bevor sie den Schlitz des gekippten Fensters erreichen könnte.

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Die Augsburger Allgemeine schreibt über „Sterben lernen“

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