Mittwoch, 9.November

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Geburtstag
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Unser heutiger Buchtipp entführt uns aus dem kalten, vorwinterlichen Deutschland nach Kalkutta mit all seinen Farben, Gerüchen, seiner Hitze und politischen Verwirrungen, von denen ich keine Ahnung hatte.

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Shumona Sinha:Kalkutta
Aus dem Französischen von Lena Müller
Edition Nautilus € 19,90

Die 1973 in Kalutta geborene Autorin Shumona Sinha, die seit 2001 in Paris lebt, erzählt dieses Mal nicht in der Form einer Farce, wie in ihrem Vorgänger „Erschlagt die Armen“, sondern wählt einen Ton, der für 500 bis 700 Seiten reichen würde. Mich hat dies stark an Haratischwillis dicken Roman „Das achte Leben“ erinnert. Sinha legt sich jedoch auf keine Chronologie fest. Die einzelnen Kapitel sind nicht aneinandergereiht wie eine Perlenkette, sondern orientieren sich an den Dingen, die der Protagonisten in die Hände fallen, als sie zwei Tage nach dem Tod ihres Vaters im elterlichen Haus eintrifft. Es ist der Küchentisch, den der Vater in Auftrag gab und sich somit gegen die Tradition widersetzte im Sitzen zu kochen und zu essen. Trisha fällt der Revolver des Vaters in die Hände, mit dem sich der überzeugte Kommunist gegen seine Gegner zu wehren versuchte. Es ist die klebrige Flasche Hibiskusöl auf dem Fensterbrett, mit dem die Haare der depressiven Mutter getränkt worden sind. Shumona Sinha wechselt zwischen dem analytischen Blick auf die Politik in Bengalen, die Massaker, die bis in die Gegenwart reichen und einer phantasievollen, poetischen Sprache, wenn sie sich an die vorhergehenden Generationen ihrer Familie und das Verschwinden der Traditionen innerhalb der Familie erinnert. Die Mutter ihres Vaters bekommt genauso ihren Platz, wie die Familie ihrer Mutter, die sich zu Dank verpflichtet fühlt, da Trishas Vaters ihre schwer melancholische Tochter geheiratet hat. Einzelne Motive tauchen bei Sinha immer wieder auf. Und dies in den verschiedensten Situationen. So zum Beispiel die Farbe Rot, wie wir sie auch auf dem Umschlag des Buches finden. Rot für das Blut der Familie, aber auch die Farbe der Kommunisten. Schlangen sind ein weiteres Motiv. Hier ein Zeichen für Angst, Unsicherheit, aber auch vielleicht ein Symbol für die Doppelzüngigkeit in der Familie, in der Gesellschaft.
Shumona Sinha und ihre deutsche Übersetzerin Lena Müller haben mit „Erschlagt die Armen“ einen großen Literaturpreis erhalten und auch hier fließt die deutsche Übersetzung wieder. Wir gleiten von einem Kapitel zum anderen, wissen nicht sofort, wo wir uns befinden, mit wem wir es zu tun haben und nehmen Teil daran, wie sich daraus ein großes Ganzes entwickelt. Nicht mal 200 Seiten hat der Roman und doch meinte ich gerade eine dicke Schwarte verschungen zu haben.

Leseprobe

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