Orte 8

Christel Müller, bildende Künstlerin, und Silvia Trummer, Schriftstellerin, arbeiten seit vielen Jahren themenbezogen zusammen. Sie haben in der Schweiz und Deutschland mehrere Ausstellungen gestaltet, indem sie Bilder, Texte und Objekte nebeneinander stellten. Unter dem Titel “ORTE“ zeigen die beiden Frauen Fotos und Notizen von unterwegs, an denen sie in den letzten Jahren gearbeitet haben. Was dabei entstanden ist, illustriert den Prozess von Gehen, Schauen und Gestalten. „Man könnte alles neu sehen“.

Freitag, 28.April

Heute haben
Kark Kraus * 1874
Bruno Apitz * 1900
Harper Lee * 1926
Terry Pratchett * 1948
Roberto Bolano * 1953
Ian Rankin * 1960
Geburtstag
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Karl Kraus
In diesem Land

In diesem Land wird niemand lächerlich,
als der die Wahrheit sagte. Völig wehrlos
zieht er den grinsend flachen Hohn auf sich.
Nichts macht in diesem Lande ehrlos.

In diesem Land münzt jede Schlechtigkeit,
die anderswo der Haft verfallen wäre,
das purste Gold und wirkt ein Würdenkleid
und scheffelt immer neue Ehre.

In diesem Land gehst du durch ein Spalier
von Beutelschneidern, die dich tief verachten
und mindestens nach deinem Beutel dir,
wenn nicht nach deinem Gruße trachten.

In diesem Land schließt du dich nicht aus,
fliehst du gleich ängstlich die verseuchten Räume.
Es kommt die Pest dir auch per Post ins Haus
und sie erwürgt dir deine Träume.

In diesem Land triffst du in leer Luft,
willst treffen du die ausgefeimte Bande,
und es begrinst gemütlich jeder Schuft
als Landsmann dich in diesem Lande.
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Text & Zeichnung: Marcello Quintanilha: „Tungstênio
Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch von Lea Hübner
Avant Verlag € 24,95

Durch einen scheinbar unbedeutenden Zwischenfall vor der Küste von Salvador de Bahia kreuzen sich die Wege von vier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Caju, schlitzohriger Kleindealer, Seu Ney, autoritärer Ex-Militär, Richard, abgebrühter Undercover-Polizist. Dazu kommt noch Keira, die an der Beziehung zu ihrem Mann Richard, dem oben erwähnten Polizisten verzweifelt. Während die Männer sich am Strand aufhalten, erzählt sie ihr Leid ihrer Freundin im Bus. Aus dem heraus hat sie ihren Mann auch mit einer kleinen Hübschen im Café sitzen sehen. Und während diese Männer sich prügeln, sich verfolgen und die großen Machos geben, sind die Frauen nach innen gekehrt und machen sich Gedanken.
Diese Männergruppen treffen sich zufälig und hängen plötzlich sehr eng miteinander zusammen. Alles spielt an einem Tag. Es gibt Zeitverschiebungen und Schnitte, wie in einem Krimi. Und ein Krimi ist es auch. Hard boilded. schwarz weiß, noir. Es gibt zwar keine Leichen. Marcello Quintanilha läßt seine Protagonisten am Leben und daran erkennt man auch, daß sich Spannung, Action auch ohne Toten bewerkstelligen läßt.
Die Schrift ist etwas klein und zu Beginn gewöhnungsbedürftig zu lesen. Die Dialoge sind schnell und knallen hin und her. Die architektonischen Zeichungen sind großartig, genau platziert und zeigen das Können des Autoren und Zeichners Marcello Quintanilha.
Ich habe diese Graphic Novel bei den Krimis stehen. Da gehört sie auch hin.
Ein Happy End? Kann es das geben in einem Krimi, wie diesem? Na irgendwie schon. Oder zumindest: Das Leben geht weiter. Das kleine Leben,das wenige Leben.

Leseprobe

Donnerstag, 27.April

Heute haben
Arnold Höllriegel * 1883
Cecil Day Lewis * 1904
Zhang Jie * 1937
Aminata Sow Fall * 1941
Geburtstag
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Börries von Münchhausen
Weißer Flieder

Naß war der Tag – die schwarzen Schnecken krochen -,
Doch als die Nacht schlich durch die Gärten her,
Da war der weiße Flieder aufgebrochen,
Und über alle Mauern hing er schwer.

Und über alle Mauern tropften leise
Von bleichen Trauben Tropfen groß und klar,
Und war ein Duften rings, durch das die Weise
Der Nachtigall wie Gold geflochten war.
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Unser Buchtipp:

Monique Schwitter: “Eins im Andern
Fischer Taschenbuch € 10,99

Ganz schön frech, was uns Monique Schwitter hier anbietet. Auf dem Umschlag eine Madonna mit durchbohrtem Herzen. Auffälliger geht es nicht und im Text gibt es zwölf verflossene Liebhaber, ähnlich den zwölf Aposteln. Dass sie Petrus, Paulus, … heissen, ist dann schon fast zwingend. Wenn Sie jetzt denken, oh was für ein verkopftes Buch, was für eine theoretische Vorlage: Weit gefehlt. Der neue Roman von Monique Schwitter ist beste Unterhaltung, literarisch gekonnt gemacht, hat es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft und erhält in der Presse höchstes Lob. In Klagenfurt las die Autorin aus dem Buch vor, wurde von alle Juroren hervorgehoben, für jeden Preis nominiert und nahm dann am Ende rein gar nichts mit nach Hause. Wahrscheinlich fünf mal zweiter Platz.
Eine Frau sitzt abends vor ihrem PC und möchte an ihrem Roman weiterschreiben. die Kinder sind im Bett, der Hund schläft und der Mann hängt wahrscheinlich vor dem Fernseher rum. Es fällt ihr jedoch nichts ein, was sie tippen könnte und so kommt sie auf die Idee den Namen eines alten verflossenen Freundes, Liebhabers, zu googeln. Erstaunt stellt sie fest, dass dieser seit ein paar Jahren tot ist. Er hat sich von einem Hochhaus gestürzt. Durch dieses plötzliche Wissen schockiert und verwundert, versucht sie sich an ihre anderen Männern zu erinnern, die in ihrem Leben aufgetaucht und wieder verschwunden sind. Es sind kurze Liebesepisoden, längere Beziehungen, ein verliebter Schüler und ein alter Professor. Monique Schwitter und ihre Autorin im Buch schreiben ein Buch im Buch über das Innenleben einer Frau um vierzig. „Einer im Andern“ liest sich vielleicht auch wie ein Matrjoschka-Puppe, bei der wir Figuren in den Figuren finden. Wir dringen ins Innerste der Autorin (im Buch) vor, währenddessen ihre jetzige Langzeitbeziehung ganz harmlos nebenan sitzt und ihr gemeinsamen Geld verprasst. Aber das kommt erst später.
Mit großem Witz, Tempo, Überblendungen und Hinundherspringen in den Zeiten, spritzigen Dialogen, wie aus dem Leben gegriffen, erzählt uns Monique Schwitter einen erstaunlich gegenwärtigen Roman. Vielleicht merkt man der Autorin ihre Arbeit als Schauspielerin an. Ihr jahrelanges Arbeiten mit vorgegeben Texten und das Hineinschlüpfen in fremde Rollen. Ihre Grossmutter hatte den altbackenen Spruch auf den Lippen. „Die Liebe sucht man sich nicht aus, mein Herz“. Das klingt nun mal richtig seicht und kitschig und wird immer wieder im Roman zitiert, aber von Kitsch ist im Buch überhaupt nichts zu finden. Genau das Gegenteil davon..

„Ich verließ Petrus ein Jahr nach jenem Jahr, das in Lenzerheide begann, im Herbst, nachdem mir meine Freundin Katrin an einem kühlen Tag im Juli erzählt hatte, dass er mich mit ihr, über ein Jahr zuvor, betrogen hatte. Dabei hatte ich ihn auch betrogen. Aber die Sache mit Katrin war Verrat, entschied ich. Danach hörten wir noch voneinander, aber immer seltener. Er brauche Abstand, sagte er, und das kam mir gelegen.
Eines der Kinder weint. Mal sehen, ob ich es aushalte, nicht hinzugehen, bis mein Mann aus seinem Zimmer kommt, die Taschenlampe anknipst und nachschauen geht. Der Hund kommt unter dem Tisch hervor und sieht mich vorwurfsvoll an. Ich bin ja nicht taub, sage ich. Ich versuche beides zu ignorieren, den Hund und das Weinen. Im Flur stoße ich mit meinem Mann zusammen. Ich mach schon, sagt er. Gut, sage ich. Er geht links ins Kinderzimmer, ich rechts in mein Arbeitszimmer zurück. Ich lese, was ich geschrieben habe. Ich schaue hinaus. Es schneit. Ich stelle mir Petrus vor, im offenen Fenster im achten Stock.
In der ersten Nacht, am Küchentisch der gemeinsamen Freundin, die uns miteinander bekannt machte, mit Hintergedanken, wie sie später sagte, hatte er es bereits angekündigt: Sobald ich kann, gehe ich.
Wohin?
Weg.
Wohin?
Und da hatte er die Arme ausgebreitet und gelächelt.“