Donnerstag, 13.April

Heute haben
Roda-Roda * 1872
Samuel Beckett * 1906
Stephan Hermlin * 1915
Seamus Heaney * 1939
Gustave.Le Clezio * 1940
Zeruya Shalev € 1959
Geburtstag
und es ist der Todestag von Günter Grass.
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Alle Menschen sind Brüder. Daher der ewige Zank unter ihnen.
Alexander Roda-Roda
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Niroz Malek:Der Spaziergänger von Aleppo
Miniaturen
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Weidle Verlag € 17,00

Wertvolles Pfand

Ich weiß, daß meine Briefe Dich nicht erreichen. Dennoch schreibe ich Dir jeden Abend, um Dir zu sagen, wie sehr Du
mir fehlst. Am nächsten Morgen lege ich den Brief wie ein wertvolles Pfand in die Hände des Briefträgers.
Der nimmt ihn behutsam entgegen und seufzt: »Bete für mich, daß der Scharfschütze, der die ganze Nacht seine
Opfer gezählt hat, schläft, wenn ich am Checkpoint ankomme.«
Dann lächelt er und wiederholt: »Bete für mich!«
Ich sehe, wie er auf der Straße mit dem Fahrrad davonfährt. Er fährt immer weiter, bis er im Himmel verschwindet.

Niroz Malek lebt und schreibt in Aleppo. Er ist nicht geflohen und bleibt in der Stadt bei seinen Büchern und Schallplatten, bei seinen Freunden Kaffeehäusern und all dem Elend in diesem Krieg. Sechs Romane und viele Erzählungen hat er veröffentlicht und gilt, so habe ich gelesen, als der Meister der kurzen Form. So auch hier in diesem schmalen Band mit 55 Miniaturen, die zuerst auf Facebook veröffentlicht und dann in Frankreich als Buch veröffentlicht worden sind.
Malek geht durch seine Stadt, durch die Trümmer und Ruinen, steht Soldaten gegenüber, sieht die allgegenwärtige Gewalt und die Namen der Toten an den Häusermauern. Malek ist ein Intellektueller, der sich den Gang ins Kaffeehaus nicht nehmen lässt. Er beobachtet genau, nimmt Dinge aus dem Augenwinkel war. Man mag es kaum glauben, was und wie er es wiedergibt. Malek wehrt sich gegen die Verrohung, die Brutalisierung des Menschen. Er möchte sich seine Würde bewahren. Es ist ein Dasein zwischen Leben und Tod, eine Gratwanderung, von der niemand weiß, wie es morgen aussieht und weitergeht.
Wir reden und lesen über Giftgasanschläge und Raketenantworten und lassen die Menschen aus dem Blick. Malek ist mittendrin und schreibt über Menschen in einer unmenschlichen Welt.

Der Dialog des Spaziergängers

Nach dem Krachen einer heftigen Detonation, die die Fenster meines Zimmers erbeben ließ, hörte ich auf zu schreiben. In Erwartung einer zweiten Detonation horchte ich eine Weile, dann stand ich von meinem Tisch auf und fragte mich: »Wo mag die Bombe wohl explodiert sein?« Und gab sogleich die Antwort: »Offenbar ganz in der Nähe …«
Ich ging in die Küche, stellte mich in die Mitte und fragte mich wieder: »Was hat dich jetzt in die Küche verschlagen? Willst du dir selbst beweisen, daß die Kämpfe nun in deiner Wohnung stattfinden?« Ich wußte keine Antwort. Beunruhigt kehrte ich in mein Zimmer zurück, um weiterzuschreiben. Da fragte sie: »Und? Willst du nicht wie die anderen Menschen Dokumente und Habseligkeiten für die Flucht in deinen Koffer packen? Du unterscheidest dich doch nicht von all den anderen, die aus den zerbombten Stadtvierteln fliehen.«
Ich sah sie an und dachte über ihre Worte nach. Dann lächelte ich und erwiderte: »Kannst du etwa glauben, daß ich meine Wohnung verlasse? Daß ich meinen Tisch zurücklasse, an dem ich gearbeitet und meine Geschichten und Romane geschrieben habe? An dem ich die Cover für meine Werke entwarf und Hunderte und Aberhunderte Bücher las?« Ich sagte zu ihr: »Ich werde meine Wohnung nicht verlassen. Was immer auch geschieht, ich werde nicht fortgehen.«
Sie lachte – trotz eines Anflugs von Sorge, der sich auf ihrem Gesicht abzeichnete – und sagte: »Alles, was du erwähnt hast, ist ersetzbar. Nur das Leben nicht …«
»Von welchem Leben sprichst du?« fragte ich. »Sprichst du über die Tage, die vorbeizogen? Sprichst du darüber? Oder über jenes Leben, das ich in all diesen Büchern gelassen habe, die ich las? Und in all den Freundschaften, die ich schloß, nicht nur mit den Autoren, sondern auch mit den Protagonisten. Mit jenen Helden, mit denen ich viele Tage und manchmal sogar monatelang lebte … Mit einigen habe ich gar mehr als ein Jahr lang meine Abende verbracht. Sag es mir!« erwiderte ich. »Wie soll ich mich von Nagib Machfus verabschieden, wie König Lear seinem Schicksal überlassen? Wie sollte ich nicht versuchen, Hamlet zu überreden, sein Zögern zu überwinden oder seine Philosophie aufzugeben, an die ich keinen einzigen Tag glaubte? Wie kann ich all die Gespräche mit Raskolnikoff über die göttliche Strafe und die Strafe des Gesetzes vergessen, die ein menschlicher Richter verhängt? Und diese kleinen Statuen von Puschkin und Gogol, diese Fotos von Tschechow und Hemingway, wer wird sie verteidigen? Und wer wird diese Schallplatten von Beethoven, Tschaikowsky und Rachmaninow vor der Zerstörung retten? Sag es mir!« wiederholte ich. »Wie kann ich meine Wohnung verlassen, aus meinem Zimmer fortgehen?« Dann setzte ich hinzu, nachdem ich ein paar Mal geschluckt hatte: »Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen, daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Fotos sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück.« Schließlich erklärte ich: »Kann ein Körper ohne Seele leben? Aus diesem Grund werde ich meine Wohnung nicht verlassen: Weil ich meine Seele nicht in einen noch so großen Koffer stopfen kann. Meine Seele ist all das, was du in meinem Zimmer siehst … Tausende Bücher. Hunderte Schallplatten, Zeichnungen, Gemälde und Fotos.« Ich sagte zu ihr: »Geh du, rette du dich. Aber ich bleibe hier, in meiner Wohnung, solange meine Seele weiterlebt.«

Veröffentlich der beiden Texte mit freundlicher Genehmigung von Stefan Weidle.

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