Freitag, 20.Oktober

Heute haben
Arthur Rimbaud * 1854
Paul Valery * 1871
Peter Bamm * 1897
Otfried Preußler * 1923
Oskar Pastior * 1927
Elfriede Jelinek * 1946
Geburtstag
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„Optimisten haben gar keine Ahnung von den freudigen Überraschungen, die Pessimisten erleben.“
Peter Bamm
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Petri Tamminen:Meeresroman
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Mare Verlag € 18,00

Was ist Glück, was ist Unglück? Wie gehe ich damit um und wie mache ich nach einem Schicksalsschlag weiter? Das hört sich viel trauriger an, als es in dem schmalen Roman des jungen finnischen Autoren zu lesen ist. Vilhelm Huurna versenkt fünf Handelsschiffe in seinem Leben, macht trotzdem weiter. Jedes Mal bezahlen seine Autraggeber ein neues Segelschiff und beauftragen ihn als Kapitän durch die Nordsee zu fahren. Es ist die Zeit, als schon Dampfschiffe schneller termingerechter unterwegs sind, während er mit den verschiedenen Wettern zu kämpfen hat.
Vilhelm Huurna ist eine ehrliche Haut, etwas blaß, dem das Leben nicht sonderlich gut mitspielt. Für alle seine Schiffsunfälle kann er nichts. Mal wird er gerammt, mal gerät er in ein sagenhaftes Unwetter. Auch privat läuft es nicht so, wie er sich es vorgestellt hat. Er sucht das kleine Glück, etwas Zufriedenheit und das bekommt er auch – in klitzekleinen Portionen. Er ist zufrieden mit dem, was passiert, akzeptiert seine Niederlagen, die eigentlich gar nicht seine sind. Die Schiffe sind untergegangen, er nicht. Er lebt weiter. Ruhig, still, bescheiden.
Petri Tamminen, 1966 in Helsinki geboren, ist Autor und freier Journalist. Er gilt als Meister der kurzen Prosa und des lakonischen Humors; seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Roman „Mein Onkel und ich“ (2007), der auf der Shortlist für den Finlandia-Preis stand.

Petri Tamminen schafft hier ein kleines Meisterwerk. Ein Roman, der strahlt und leuchtet. Sein Buch erinnert an die finnischen Filme. Auch hier wechselt sich Melancholie mit feinem Witz ab. Die Erzählweise ist unaufgeregt und warmherzig. Vilhelm Huurnas Sicht auf die Welt ist naiv positiv und grundehrlich. Ein schönes Vorbild in unseren großmauligen, unehrlichen Zeiten.
Ach, was ich vergessen habe: Das Buch ist so richtig schön hergestellt. Passt!

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Heute haben
Miguel Angel Asturias * 1899 (Nobelpreis 1967)
Hilde Spiel * 1911
John le Carré * 1931
Philip Pullman * 1946
Rudolf Herfurtner * 1947
Geburtstag.
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Im Gedichtekalender vom 19.10.2017

Theodor Däubler
Weg

Mit dem Monde will ich wandeln:
Schlangenwege über Berge
Führen Träume, bringen Schritte
Durch den Wald dem Monde zu.

Durch Zypressen staunt er plötzlich,
Daß ich ihm entgegengeh.
Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd,
Wenn michs friedlich talwärts zieht.

Schlangenwege durch die Wälder
Bringen mich zum Silbersee:
Nur ein Nachen auf dem Wasser,
Heilig oben unser Mond.

Schlangenwege durch die Wälder
Führen mich zu einem Berg.
Oben steht der Mond und wartet,
Und ich steige leicht empor.
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Eine Weihnachtsbescherung im Oktober

Andreas Steinhöfel:Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch
Mit Bildern von Peter Schössow
Carlsen Verlag € 14,99

Rico und Oskar marschieren auf dem Buchumschlag durch das winterliche Berlin. Beide haben Geschenktüten in der Hand. Ja, so könnte es sein. Es ist der 24.12. und demnächst gibt es Geschenke, Geschenke, Geschenke. Aber das wäre in der Dieffe, im Haus der Beiden, zu einfach. Natürlich herrscht großes Chaos. Der Baum ist zu groß, der Stiefvater liegt eingeklemmt darunter. In der Küche wird russisch gekocht, Oskar ist plötzlich richtig sauer und verschnupft. Eine Schneekugel findet den Weg nicht zurück und ein herrlicher Sommer in einem Hinterhof ist nur noch Vergangenheit, während draußen ein Schneesturm heult.
Andreas Steinhöfel legt sein ganzes Herz und Können in diesen vierten Band seiner beiden Helden. Es geht um Freundschaft, um neues Kennenlernen und sich Neuorientieren. Riso läuft mit offenen Augen und Ohren durch Kreuzberg und notiert für uns wichtige Begriffe, wie „Romantik“ oder „Profilneurose“. Natürlich auf seine Art. Es ist auch seine eigene Art, seine etwas langsamere, tiefenbegabtere Art, die Welt zu sehen und uns zu erzählen. Und gerade das macht die Bücher so speziell.
Andreas Steinhöfel zeigt uns, dass seine Hauptpersonen eines ganz besonderen Schutzes bedürfen. Auch die Kinder aus dem Hinterhof. Besonders Checker, der immer viel zu essen dabei hat. Er sitzt an Weihnachten bei Rico auf dem Sofa und sie schauen „Der Zauberer von Oz“. Seine Mutter denkt, er ist beim Vater. Sein Vater denkt, er ist bei der Mutter. Wie traurig. Gerade auch an diesem besonderen Abend, an dem es dann plötzlich zwei Geburten gibt. Vom wem? Das verrate ich natürlich nicht.
Freuen Sie sich auf diesen vierten Band und wir können nur hoffen, dass die geplante Trilogie nicht nur um einen Band erweitert wird. Denn Steinhöfel hat es drauf und schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene. Lesen Sie dieses Buch selbst, verschenken Sie es an die Kinder in Ihrer Familie und in Ihrer Nachbarschaft. Sie bereiten große Freude. Es gibt viel zu Lachen, noch mehr zum Wundern und für uns Erwachsene sehr sehr viel zwischen den Zeilen zu lesen.

 

Heute haben
Heinrich von Kleist * 1777
Henri Bergson * 1859 (Nobelpreis 1927)
Tibor Déry * 1894
und auch Klaus Kinski * 1926
und Lotte Lenya * 1898
Geburtstag.
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Heinrich von Kleist
Freund, versäume nicht zu leben…

Freund, versäume nicht zu leben,
Denn die Jahre fliehn;
Und es wird der Saft der Reben
Uns nicht lange glühn!
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Das Oktober-Heft aus dem Reclam Verlag stellen wir diesen Monat viel zu spät vor. Vielleicht liegt es daran, dass wir so unglaublich schönes, warmes Wetter haben und gar nicht wahrhaben wollen, dass der Oktober auch seine andere Seiten hat. Die werden schon noch kommen.
Das November-Heft liegt bereit, für den Fall, dass jemand reinspickeln will.

Oktober
Gedichte
Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 5,00

Robert Walser, Carl Zuckmayer, Rose Ausländer, Ingeborg Bachmann, Christoph Meckel, Friederike Mayröcker, Kaschnitz, Kunze, Jandl, Artmann, Rilke, Gernhardt, und und und.
In gewohnter Art führen uns die beiden Herausgeberinnen durch den Monat Oktober. Vom Spätsommer, bis zum kalten Herbst ist alles dabei. Nur kein Goethe. Den mögen die beiden wohl nicht. Oder sie brauchen ihn nicht, weil sie so viele andere AutorInnen haben.
Hier eine kleine Auswahl:

Detlev von Liliencron
Herbst

Astern blühen schon im Garten;
Schwächer trifft der Sonnenpfeil
Blumen die den Tod erwarten
Durch des Frostes Henkerbeil.

Brauner dunkelt längst die Haide,
Blätter zittern durch die Luft.
Und es liegen Wald und Weide
Unbewegt im blauen Duft.

Pfirsich an der Gartenmauer,
Kranich auf der Winterflucht.
Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
Welke Rosen, reife Frucht.

Theodor Fontane
Spätherbs
t

Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün,
Reseden und Astern sind im Verblühn,
Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht,
Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht, –
Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt!
Banne die Sorge, genieße, was frommt,
Eh’ Stille, Schnee und Winter kommt.

Nikolaus von Lenau
Herbstgefühl

Mürrisch braust der Eichenwald,
Aller Himmel ist umzogen,
Und dem Wandrer, rauh und kalt,
Kommt der Herbstwind nachgeflogen.

Wie der Wind zu Herbsteszeit
Mordend hinsaust in den Wäldern,
Weht mir die Vergangenheit
Von des Glückes Stoppelfeldern.

An den Bäumen, welk und matt,
Schwebt des Laubes letzte Neige,
Niedertaumelt Blatt auf Blatt
Und verhüllt die Waldessteige;

Immer dichter fällt es, will
mir den Reisepfad verderben,
Daß ich lieber halte still,
Gleich am Orte hier zu sterben.

Christian Morgenstern
Oktobersturm

Schwankende Bäume
im Abendrot –
Lebenssturmträume
vor purpurnem Tod –

Blättergeplauder –
wirbelnder Hauf –
nachtkalte Schauder
rauschen herauf.

Friedrich Rückert
Herbsthauch

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Immer zu schmeicheln, zu kosen.
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.

Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.