Freitag, 26.Mai

Heute haben
Edmond Huot de Goncourt* 1822
Vitezslav Nerval * 1900
Erich Hackl * 1931
Geburtstag
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Heute im Gedichtekalender:

Matthias Claudius
Die Mutter bei der Wiege

Schlaf, süßer Knabe, süß und mild,
Du deines Vaters Ebenbild!
Das bist du; zwar dein Vater spricht,
Du habest seine Nase nicht.

Nur eben itzo war er hier
Und sah dir ins Gesicht,
Und sprach: Viel hat er zwar von mir,
Doch meine Nase nicht.

Mich dünkt es selbst, sie ist zu klein,
Doch muß es seine Nase sein;
Denn wenn’s nicht seine Nase wär,
Wo hätt’st du denn die Nase her?

Schlaf, Knabe, was dein Vater spricht,
Spricht er wohl nur im Scherz;
Hab immer seine Nase nicht,
Und habe nur sein Herz!
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Heute auf dem Blog und am Donnerstag, den 8.Juni bei uns in der Buchhandlung:

Konstantin Richter:Die Kanzlerin
Eine Fiktion
Kein & Aber Verlag € 18,00

Die Kanzlerin hatte sich vorgenommen, die ruhigeren Passagen von Tristan und Isolde zu nutzen, um über ein paar Dinge nachzudenken. Im Ersten Aufzug wollte sie das Griechenland-Hilfspaket behandeln. Im Zweiten Aufzug würde sie sich den hohen Asylbewerberzahlen widmen. Und im Dritten Aufzug hätte sie vor dem Liebestod bestimmt noch ein paar Minuten, um ein weiteres Mal die Minsker Vereinbarung durchzugehen, die den Frieden in der Ostukraine sichern sollte.

Der 1971 geborene Konstatnin Richter hat im Kein & Aber Verlag schon zwei Romane veröffentlicht. Jetzt kommt dieses kleine Sommerbuch hinzu. Im Sommer 2015 kam es zur ersten goßen Flüchtlingswelle, die Europa und Deutschland zu spüren bekam. Es waren diese Monate, in denen Angela Merkel ihr „Ja, wir schaffen das“ sagte und damit für viel Aufsehen sorgte.
Der Journalist, der für in- und ausländische Zeitungen über diese Zeit recherchierte und veröffentlichte, nahm diese Wochen und Monate zum Anlass über das sehr private Leben, die Gedanken der Kanzlerin zu schreiben. Nicht wie er es sonst in der WELT und der ZEIT macht, sondern in einer luftig heiteren, ironisch witzigen Art. Der Roman fließt einem beim Lesen unter den Fingern weg. Immer wieder huschte mir ein Lächeln über die Lippen. Richters Beschreibungen aus dem Kanzleramt, die morgendlichen Treffen, die verschiedenen Personen, die die Kanzlerin umgeben, Horst Seehofer und unser Innenminister sind so fein skizziert, daß ich nicht wußte, oder bemerkte, was ist real und was ist Fiktion.

Zuhören wollte die Kanzlerin auch ein bisschen. Sie mochte klassische Musik, besonders Opern. So stand es zumindest auf ihrer Homepage. Nur hatte sie Tristan und Isolde schon oft gesehen. Sie war mit Handlung und Rezeptionsgeschichte hinreichend vertraut. Außerdem hatte sie die Mappe gelesen, die ihre Mitarbeiter zusammengestellt hatten. Etwaige Fachfragen, mit denen ja immer zu rechnen war, würde sie mühelos beantworten. Kurz: Sie konnte es sich leisten, einen Teil der Zeit, die ihr in Tristan und Isolde zur Verfügung stand, für die Arbeit abzuzweigen.

Mit Bayreuth geht es los. Mit Wagner und dem Tristan, mit der Lieblingsmusik des Ehemanns der Kanzlerin. Dort erleidet sie zwar auch einen hitzebedingten Schwächeanfal, hat aber die ersten Ideen zum neu entstandenen Flüchtlingsthema. Nein, der Tristan ist nichts für sie. Jedes Jahr, immer dieser Wagner. Bei Mozarts Klavierkonzerten und einer Flasche Wein, die die Kanzlerin vom dänischen Ministerpräsidenten bekommen hat, schreibt sie das nieder, was später unter „Wir schaffen das“ bekannt wurde.
Konstantin Richter beschreibt liebevoll, frech, wie Frau Merkel zum Einkaufen geht, wie sie kocht und in der Uckermark gärtelt, wie sie Mensch ist und am Liebsten im alten DDR-Nachthemd nachts am Fenster steht. Er schreibt über die Wut, die ihr plötzlich entgegenknallt und ihre Reaktionen darauf.
Der Roman fand in den Beschrechungen nicht immer vollen Anklang. Ich habe ihn genossen, mich gefreut über die Art und Weise wie Konstantin Richter sich dem Thema und der Person Merkel nähert. Genug hat er als Kenner darüber geschrieben, aber nicht in dieser lockeren, feinen, ironisch, witzigen Art. Und daß die Kanzlerin gut austeilen kann und dem Seehofer mal eben ne forsche SMS mit Emoticon schickt, paßt gut zu diesem Buch.

Konstantin Richter kommt zu uns in die Buchhandlung.
Donnerstag, 8.Juni um 19:30

Lassen Sie sich den Termin nicht entgehen. Sie werden es genauso genießen wie ich.

Mittwoch, 24.Mai

Heute haben
Henri Michaux * 1899
George Tabori * 1914
Joseph Brodsky * 1940
Walter Moers * 1957
Michael Chabon * 1963
Geburtsag und Bob Dylan.

Vor einem Jahr schrieb ich hier:
„Wann bekommt der Kerl endlich den Literatur Nobelpreis?“
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Ein Maitag ist ein kategorischer Imperativ der Freude
Friedrich Hebbel
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Toni Morrison:Gott, hilf dem Kind
Übersetzt von: Thomas Piltz
Rowohlt Verlag € 19,95

Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab’s
nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte.
Kaum eine Stunde hat es gebraucht, nachdem sie sie zwischen mei-
nen Schenkeln herausgezogen hatten, um zu merken, dass etwas nicht
stimmte. Ganz und gar nicht stimmte.

Dies sind die ersten Sätze aus dem neuen Buch von Toni Morrison. 86 Jahre alt ist die Literatur-Nobelpreisträgerin. Dieses Alter spürt man allerdings in keiner Sekunde. Schnell, frech, präzise, aktuell und nicht verkopft liegt der Text vor uns. Sie lässt ihre Personen sprechen. Erzählt später mit ihrer Stimme. Sie fordert, sie treibt an. Sie ist gadenlos, laut, derb, brutal. Gleichzeitig zeigt sie die Zerbrechlichkeit ihrer Peronen. Vorneweg natürlich Bride. Bride, die teerschwarz ist. Bride, die sich einen neuen Namen, eine neue exklusive Existenz aufgebaut hat. Bride, die kaum von ihrer Mutter berührt wurde. Bride, die kurzfristig die Nähe ihrer Mutter zu spüren bekam, als sie als Kind in einem Prozess gegen ihre Lehrerin aussagte und sie damit jahrelang hinter Gitter gebracht hat.
Immer wieder war ich fassungslos über die Wendungen in dem schmalen 200 Seiten Buch, habe mich auch mit dem Ende versöhnt.
Versöhnt hat sich allerdings Toni Morrison nicht mit dem täglichen, allgegenwärtigen Rassismus in den USA und ich weiß nicht, wie sie unter Trump zu leiden hat. Ein Mensch, der wohl diametral zu ihrem Wertegefühl steht.

Hier finden Sie viele Zitate, Besprechungen und Meinungen zum Buch.

Leseprobe

Dienstag, 16.Mai

Heute haben
Friedrich Rückert * 1788
Jakob van Hoddis * 1887
Juan Rulfo * 1918
Geburtstag
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Endlich! Wir mussten ein ganzes Jahr warten:

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Frankfurter Anthologie
Herausgegeben von Hubert Spiegel
Gedichte und Interpretationen
S.Fischer Verlag € 25,00

Als Marcel Reich-Ranicki vor vier Jahrzehnten die „Frankfurter Anthologie“ begründete, war nicht abzusehen, wie lange dieses Experiment Bestand haben würde. Und auch nach vierzig Jahren ist der Vorrat deutscher Poesie keineswegs aufgebraucht.
Inzwischen liegen über 2.150 Gedichte vor.
Ja wirklich, es ist so gut, daß es diese Anthologie noch gibt und auch gut, daß seit dem letzten Band fremdsprachige Lyrik vorgestellt und besprochen wird. Schlecht allerdings ist, und das muß ich Herrn Spiegel unbedingt schreiben, daß diese Gedichte nicht im Original abgedruckt sind. Da verweist der Rezensent auf eine bestimmte Textzeile und wir können diese nur in der deutschen Übertragung nachlesen. Geht gar nicht.
Genug gemeckert. Diese einzigartige Anthologie lädt ein zum Verweilen, zum täglichen Lesen, bevor einem die Augen zufallen. Matthias Claudius, Goethe, Fichte, Schopenhauer, Eichendorff, Heine bis zu Jan Wagner, Ulrich Zieger, Thomas Kling, Hans-Ulrich Treichel sind u.a. vertreten. Nicht zu vergessen den aktuellen Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan.

Matthias Claudius
Der große und der kleine Hund
oder
Packan und Alard

Ein kleiner Hund, der lange nichts gerochen
Und Hunger hatte, traf es nun
Und fand sich einen schönen Knochen
Und nagte herzlich dran, wie Hunde denn wohl tun.

Ein großer nahm sein wahr von fern:
»Der muß da was zum Besten haben,
Ich fresse auch dergleichen gern!
Will doch des Wegs einmal hintraben.«

Alard, der ihn des Weges kommen sah,
Fand es nicht ratsam. daß er weilte;
Und lief betrübt davon, und heulte,
Und seinen Knochen ließ er da.

Und Packan kam in vollem Lauf
Und fraß den ganzen Knochen auf.

Ende der Fabel

»Und die Moral?« Wer hat davon gesprochen? –
Gar keine! Leser, bist du toll?
Denn welcher arme Mann nagt wohl an einem Knochen.
Und welcher reiche nähm‘ ihn wohl?

Walt Whitman
Leaves of Grass
49. City of Orgies

CITY of orgies, walks and joys!
City whom that I have lived and sung in your midst will one day make you illustrious,
Not the pageants of you—not your shifting tableaux, your spectacles, repay me;
Not the interminable rows of your houses—nor the ships at the wharves,
Nor the processions in the streets, nor the bright windows, with goods in them; 5
Nor to converse with learn’d persons, or bear my share in the soiree or feast;
Not those—but, as I pass, O Manhattan! your frequent and swift flash of eyes offering me love,
Offering response to my own—these repay me;
Lovers, continual lovers, only repay me.

Joachim Ringelnatz
Stuttgarts Wein- und Bäckerstübchen

Vor dem heißen Ofen balgen
Katzen sich. Wie dumme Jungen.
Auf dem Tisch an kleinem Galgen
Hängen Brezel, schön geschwungen.

Würdebärte schlürfen kräftig
Wichtig diskutierte Weine. –
Links im Laden bückt die kleine
Bäckerstochter sich geschäftig.

Zinn blitzt von der Holz-Fassade.
Zeichnungen an allen Wänden,
(Stumm, mit mehlbestaubten Händen,
Rückt der Wirt die schiefen gerade.)

Setzte mich so ganz bescheiden hin
Und vergaß auch nicht, sehr laut zu grüßen.
Dennoch ließen Blicke mich leicht büßen,
Daß ich kein Stuttgarter bin.