Donnerstag, 20.April

Heute haben
Pietro Aretino * 1492
Herman Bang * 1857
Arto Paasilinna * 1942
Geburtstag
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Heute im Gedichtekalender:

Friedrich Nietzsche
Venedig

An der Brücke stand
Jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
Goldener Tropfen quoll’s
Über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
Trunken schwamm’s in die Dämmrung hinaus …

Meine Seele, ein Saitenspiel,
Sang sich, unsichtbar berührt,
Heimlich ein Gondellied dazu,
Zitternd vor bunter Seligkeit.
– Hörte jemand ihr zu? …
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Unser Tipp des Tages:

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Marceline Loridan-Ivens:Und du bist nicht zurückgekommen
Insel Taschenbuch € 10,00

Dieser schmale Band im Insel Verlag erzählt eine seltsame und wahre Geschichte. Siebzig Jahre nach dem gewaltsamen Tod ihres Vaters, ermordet in Auschwitz, erinnert sich die Autorin zum ersten Mal öffentlich und schreibt nach dieser langen Zeit einen Brief an den Vater, den sie ihr Leben lang vermisst hat. Selbst Deportierte und Überlebende von Birkenau,versucht sie, sich diesem Verlust, ihrem eigenen Vergessen, aber auch ihrem Schmerz anzunähern. Der Vater und die damals 15-jährige Autorin Marceline werden gemeinsam abtransportiert, aber eben auf verschiedene Lager aufgeteilt. Sie erinnert sich an Gräuel, Hunger, Gewalt, Krankheit, Angst, an Apathie und Verzweiflung und an eine kleine von ihrem Vater handgeschriebene Botschaft, von einem Mitgefangenen überbracht. Aber sie erinnert sich nicht an den Inhalt der Botschaft. Diese Fehlstelle ihres Gedächtnisses wird zum Bild für alles Unaussprechliche ihres Kummers, für ihre Unfähigkeit, ein ,normales‘ Leben nach dem Holocaust zu führen.
Ein normales Leben kann sie auch deshalb schon nicht führen, da sie bei ihrer Rückkehr aus dem KZ von einem Onkel am Bahnhof abgeholt wird, der ihr sagt:: „Zeige deine Nummer nicht. Sie werden es nicht verstehen“. So bleibt sie fremd bei ihren eigenen Leuten, innerhalb ihrer Familie. Sie kritisiert jedoch auch den latenten Antisemitismus in Frankreich und die öffentliche Nichtbeachtung der vielen Anschläge auf jüdische Einrichtungen und Ermordungen jüdischer Mitbürger.

Leseprobe

Loridan-Ivens ist Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin, mit ihrem Mann hat sie zahlreiche Dokumentarfilme gedreht, u.a.Birkenau und Rosenfeld. Dieses Buch ist beeindruckend, zutiefst bewegend und wahr.

Dienstag, 18.April

Heute haben
Thomas Middleton * 1580
Udo Werner Steinberg * 1913
Geburtstag
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Hermann Hesse
Weil ich dich liebe

Weil ich dich liebe, bin ich des Nachts
So wild und flüsternd zu dir gekommen,
Und dass du mich nimmer vergessen kannst,
Hab ich deine Seele mitgenommen.

Sie ist nun bei mir und gehört mir ganz
Im Guten und auch im Bösen;
Von meiner wilden, brennenden Liebe
Kann dich kein Engel erlösen.

Gedichte zum Verlieben
Herausgegeben von Clara Paul
Insel Taschenbuch € 8,00

Nachdem wir die „Gedichte, die glücklich machen“ schon so oft verlauft haben, freuen wir uns über den neuen Band im Insel Verlag. „Gedichte zum Verlieben“ heißt er und paßt so wunderbar in den Frühling. Und bald ist Mai und dann sollten Sie die Gedichte gelesen haben.

Wenn in den magischen Momenten der Liebe Herzklopfen der Taktgeber der Poesie ist, können Gedichte entstehen, die einen spüren lassen, was lieben heißt: verwundert-zaghafte Gedichte für das überwältigende Gefühl der allerersten Liebe; jubilierende über ein erwidertes Lächeln; zarte, zärtliche der Sehnsucht; atemberaubende Gedichte von brennender Leidenschaft; betörende Gedichte über Verlockung und Hingabe …
so schreibt es der Verlag.

Mit Gedichten von Anna Achmatowa, W. H. Auden, Rose Ausländer, Thomas Brasch, Bertolt Brecht, Emily Dickinson, Hilde Domin, Joseph von Eichendorff, Johann Wolfgang Goethe, Ulla Hahn, Heinrich Heine, Ernst Jandl, Mascha Kaléko, Angela Krauß, Reiner Kunze, Else Lasker-Schüler, Friederike Mayröcker, Rainer Maria Rilke, Peter Rühmkorf, Eva Strittmatter, Wislawa Szymborska, William Carlos Williams und vielen anderen.

Rainer Maria Rilke
Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Heinrich Heine

Wir fuhren allein im dunkeln
Postwagen die ganze Nacht;
Wir ruhten einander am Herzen,
Wir haben gescherzt und gelacht.

Doch als es morgens tagte,
Mein Kind, wie staunten wir!
Denn zwischen uns saß Amor,
Der blinde Passagier.

Eduard Mörike
Begegenung

Wir fuhren allein im dunkeln
Postwagen die ganze Nacht;
Wir ruhten einander am Herzen,
Wir haben gescherzt und gelacht.

Doch als es morgens tagte,
Mein Kind, wie staunten wir!
Denn zwischen uns saß Amor,
Der blinde Passagier.

Wilhelm Busch
Wenn ich dereinst …

Wenn ich dereinst ganz alt und schwach,
Und’s ist mal ein milder Sommertag,
So hink ich wohl aus dem kleinen Haus
Bis unter den Lindenbaum hinaus.
Da setz ich mich denn im Sonnenschein
Einsam und still auf die Bank von Stein,
Denk an vergangene Zeiten zurücke
Und schreibe mit meiner alten Krücke
Und mit der alten zitternden Hand
B E R T H A
So vor mir in den Sand.

Und viel viel mehr Gedichte gibt es in dem Taschenbuch. Ich kann leider nicht die modernen Gedichte veröffentlichen. Die müssen Sie, die sollten Sie bitte direkt im Buch lesen.
Buon divertimento.

Mittwoch 12.April

Heute haben
Alexander Ostrowski * 1823
Gustav Lübbe * 1918
Tom Clancy * 1947
Antje Ravic Strobel * 1974
Geburtstag.
Aber auch Joschka Fischer und Herbert Grönemeyer.
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Christian Morgenstern
Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Hg.: Matthias Reiner
Ich wollt‘ dein Bett mit einer Rose schmücken
Ein Rosenbuch herausgegeben von Matthias Reiner.
Mit farbigen Illustrationen von Christina Kraus
Insel Bücherei € 14,00

Ungaretti, Brecht, Emily Dickinson, Paul Celan, Nikolaus Lenau, Ausländer, Rilke, Goethe, die Bachmann und Mörike, Friedrich Rückert und natürlich die Knef. Storm und Morgenstern dürfen nicht fehlen und schön ist es, Erich Mühsam und Johannes Bobowski mit im Buch zu haben. Prosa und Lyrik wechseln sich ab. Zum Schluß gibt es noch einen Sachbuchteil über die Rose von der Frankfurter Gärtnerin und Floristin Mariannae Beuchert. Dazu noch die vielen Rosenbilder von Christina Kraus.
Es regent somit rote Rosen in allen Farben.
Passend zum Buch gibt es bei uns in der Buchhandlung die Buchtüte.

Leseprobe

Rainer Maria Rilke

Rose, oh reiner Widerspruch,
Lust,
Niemandes Schlaf zu sein
unter soviel Lidern.

Heinrich Heine
Alte Rose

Eine Rosenknospe war
Sie, für die mein Herze glühte;
Doch sie wuchs, und wunderbar
Schoß sie auf in voller Blüte.

Ward die schönste Ros im Land,
Und ich wollt die Rose brechen,
Doch sie wußte mich pikant
Mit den Dornen fortzustechen.

Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt
Und verklatscht von Wind und Regen –
Liebster Heinrich bin ich jetzt,
Liebend kommt sie mir entgegen.

Heinrich hinten, Heinrich vorn,
Klingt es jetzt mit süßen Tönen;
Sticht mich jetzt etwa ein Dorn,
Ist es an dem Kinn der Schönen.

Allzu hart die Borsten sind,
Die des Kinnes Wärzchen zieren –
Geh ins Kloster, liebes Kind,
Oder lasse dich rasieren.