Dienstag, 10.Januar

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Heute haben
Karel Capek * 1863
Leonardo Sciascia * 1921
Geburtstag
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Heute im Duden Gedichte-Kalender

Georg Heym
Berlin III

Schornsteine stehn in großem Zwischenraum
im Wintertag, und tragen seine Last,
des schwarzen Himmels dunkelnden Palast
Wie goldne Stufe brennt sein niedrer Saum.

Fern zwischen kahlen Bäumen, manchem Haus,
Zäunen und Schuppen, wo die Weltstadt ebbt,
und auf vereisten Schienen mühsam schleppt
Ein langer Güterzug sich schwer hinaus.

Ein Armenkirchhof ragt, schwarz, Stein an Stein,
die Toten schaun den roten Untergang
aus ihrem Loch. Er schmeckt wie starker Wein.

Sie sitzen strickend an der Wand entlang,
Mützen aus Ruß dem nackten Schläfenbein,
zur Marseillaise, dem alten Sturmgesang.

Das Gedicht passt sehr schön zu meinem heutiger Buchtipp, der eine besondere Überraschung ist. Erst jetzt, nach dem Weihnachtsgeschäft, bin ich dazugekommen, das Buch zu Ende zu lesen und bin begeistert.

Buchtipp-Elliot Paul-Das letzte Mal in Paris

Elliot Paul:Das letzte Mal in Paris
Maro Verlag € 20,00

Mich hat das Buch stark an die Erzählungen von Joseph Mitchell erinnert, der in den 30er Jahren durch Manhattan gestromert ist und Reportagen für den „New Yorker“ geschrieben hat. Ihn hat nicht die High Society interessiert, sondern die Menschen von der Straße. Die skurilen Typen, die verrauchten Kneipen, die Verrückten und Außenseiter. So ging es mir auch mit Elliot Paul, der nach dem Ersten Weltkrieg in Paris hängengeblieben ist und Korrespondent für die Chicago Tribune war. Er verkehrte in den Künstlerkreisen um Gertrude Stein, Ernest Hemingway, James Joyce und Henry Miller, gründete eine Literaturzeitung, die u.a. von Miro, Picasso, Kandinsky illustriert worden ist.
Und so wird die kleine Rue de la Huchette zum Mittelpunkt des Buches. Ein Mikrokosmos in der Weltmetropole Paris. In dieser kleinen Gasse lebt und arbeitet er, reist weg, kommt wieder. Und auch hier sind es die einfachen Menschen, die Händler und Kneipenbesitzer, Handwerker, Bordellbesitzer und verschiedenste Nachbarn, die er beschreibt, mit denen er lebt und wir mit ihm. Es wird deftig gegessen und kräftig getrunken, Musik gemacht und getanzt, gelacht und geprügelt.
Vielleicht ist es auch kein stringenter Roman, sondern eine Ansammlung von Erzählungen, von Episoden und doch hat das Alles einen roten Faden und ließ mich nicht mehr los. Die Kapitel sind nicht allzu lang und so war ich immer wieder versucht, noch ein paar Seiten mehr zu lesen, als geplant.
Ähnlich wie im Roman „Der Trafikant“ von Robert Seethaler kommt die Politik ins Spiel und da das Buch 1942 erschienen ist, wissen wir, wie schlimm den Bewohnern Paris von den deutschen Soldaten mitgespielt worden ist. Aber auch hier spüren wir Elliot Pauls Warmherzigkeit, sein großes Mitgefühl mit seinem Personal. Und immer wieder hat er eine humorvolle Wendung parat, die wir nicht erwartet haben. Ähnlich wie in Thelens Mallorca-Roman „Die Insel des zweiten Gesichts“ schildert er die Zeit während des Faschismus, die voller Gefahren und mit viel Leid und Trauer verbunden ist, auch mit einem zwinkernden Auge.
Die letzten Jahre des Krieges bekommen wir nicht mehr mit. Paul ist abgereist, arbeitet in den USA weiter als Journalist und Barpianist und hat uns hier ein wahres Kleinod überlassen, das ich jedem ans Herz lege. Nicht nur Paris-Fans und Frankreich-Liebhaber.
Vielen Dank an Benno Käsmayr und seinen Maroverlag.

Elliot Harold Paul, 1891 in Massachusetts geboren, studierte an der University of Maine. Nachdem er in den Aufbaulagern des Amerikanischen Nord-Westen gearbeitet hatte, kehrte er nach New England zurück und arbeitete für eine Bostoner Zeitung. Im Ersten Weltkrieg diente er in der Fernmeldetruppe des US-Expeditionskorps in Frankreich. Nach Kriegsende ging er vorerst nach Amerika zurück, wo er als Journalist tätig war. Er begann seine schriftstellerische Karriere. 1925 entschloss er sich, nach Europa zurückzukehren, wo er für die Pariser Ausgaben des Chicago Tribune und des New York Herald arbeitete. Während er im Pariser Zentrum in der Rue de la Huchette lebte, gründete er 1926 zusammen mit Eugène Jolas „Transition“, eine experimentelle Literaturzeitschrift. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrte Paul nach Amerika zurück und begann für Hollywood Drehbücher zu schreiben, darunter „Rhapsody in Blue“ und „New Orleans“, das mit Billie Holiday umgesetzt wurde. Um sein Einkommen aufzubessern, spielte der talentierte Pianist häufig in lokalen Clubs in der Gegend von Los Angeles. 1958 starb der Journalist und Autor im Veteranen-Krankenhaus in Providence, Rhode Island.
Elliot Paul veröffentlichte insgesamt 30 Bücher, darunter Detektiv-Romane, von denen zwei auf Deutsch bei Haffmans verlegt wurden. „Das letzte Mal in Paris“ wurde 1942 von der US-Army als Sonderdruck für die Soldaten, die in Frankreich zum Einsatz kamen, gedruckt. Es erschien 1944 erstmals auf Deutsch im Stockholmer Exilverlag Bermann-Fischer unter dem Titel „Die kleine Gasse“.
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Bitte schauen Sie hier auf unseren Veranstaltungsplan. Vielleicht haben Sie Zeit fürdie eine oder andere besondere Lesung.

Samstag, 7.Januar

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Heute haben
Albrecht Haushofer * 1903
Erwin Wickert * 1915
Roland Topor * 1938
Helga Schubert * 1940
Franz Josef Czernin * 1952
Nicholas Baker * 1957
Friedrich Ani * 1959
Sofie Oksanen * 1977
Geburtstag
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Ein riesengroßes Buch für die Kleinen heute als Tipp des Tages.

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Dawid Ryski: „Alle meine Tiere
Text von Hendrik Heilige
Kleine Gestalten € 19,90

Zwei schillernde Vögel sind der Graphiker und der Texter. Ryski kommt aus Polen, spielt Schlagzeug, Heilige spielt Schlagzeug und kommt aus Berlin. Gut, das machen sie wohl nebenher. Beide sind sie als Graphiker unterwegs, quirlig in der Szene und (Mit)Autoren diverser Kinderbücher.
Jetzt also ein großformatiges Bilderbuch mit 23 Tieren, ihren passenden Atributen und 23 kurzen Gedichten, in denen die jeweilieg Situation, der jeweilige Charakter des Tieres für die Kleinen zusammengefasst ist.
Eine schwimmende Krake streckt ihre Tentakel nach einem Tintenfass aus. Ein hungriger Bär trifft auf einen vor Honig triefenden Bienenstock. Eine schlaue Eule sitzt neben ihrer wertvollen Brille.
Und natürlich Sammy, der Storch. Klar.

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(Die Texte sind natürlich in deutsch)

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Und da es so knatterkalt ist, schlagen wir natürlich gleich den Pinguin auf.

Philipp ist ein Pinguin,
Er lässt keine Party aus,
Der Anzug trägt er immerzu
Bei Festen und zu Haus‘.

Wie ein echter Gentleman,
Trägt er Fliege und Zylinder.
Mit dem Zylinder zeigt er gern
Zaubertricks für Kinder.

Und dazu einen ganz großen Pinguin auf blauem Grund. So blau, wie der gestrige Himmel.

Freitag, 21.Oktober

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Heute haben
Samuel Taylor Coleridge* 1772
Alphonse de Lamartine * 1790
Edmondo De Amicis * 1846
Geburtstag.
Und auch Dizzy Gillespie, Georg Solti und Alfred Nobel.
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Gila Lustiger:Die Schuld der Anderen
Berlin Verlag € 11,00

Es ist Sommer in Paris. Eine große Lethargie liegt über der Hauptstadt, nur Marc Rappaport hält es nicht auf seinem Büro. Er arbeitet als Gerichtsreporter für eine engagierte, überregionale Zeitung. Nach 30 Jahren scheint ein Mord an einer jungen Prostituierten dank einer DNA-Analyse aufgeklärt werden können. Der mutmaßliche Mörder ist gefasst und sitzt in Haft. Marc Rappaport gibt sich damit aber nicht zufrieden und forscht weiter. Sehr schnell findet er eine heiße Spur in einer Kleinstadt in Frankreich, irgendwo im Nirgendwo. Dort arbeitet ein Futtermittel-Konzern mit einem synthetisch hergestellten Vitamin A, in der landlosen Massentierhaltung billig, lukrativ und ein Zwischenstoff, der fatale Tücken hat. Er ist krebserregend. Marc Rappaport bohrt weiter, recherchiert auf eigene Faust, besucht die Frau des Inhaftierten, dringt in die Firma ein, besucht den ehemaligen Betriebsarzt und bleibt nicht immer auf dem ganz legalen Pfad. Aber er hat sich festgebissen und möchte wissen, wer dahintersteckt. Er glaubt nicht an einen einfachen Prostituiertenmord. Umso mehr er bohrt und aufdeckt, desto mehr taucht er ein in die Geschichte der 80er Jahre in Frankreich und in die Machenschaften der Chemieindustrie. Er beginnt ihre Macht zu spüren und erkennt immer mehr die Ohnmacht der Arbeiter und Angestellten. Unter Mitterrand wurden die Chemiekonzerne verstaatlicht. Es sollte nicht mehr auf Gewinnmaximierung, sondern auf Konsolidierung geachtet werden. Das Programm scheitert und das Rad wird wieder zurückgedreht. Mit noch größer Macht stehen nun diese Konzerne da und agieren mittlerweile weltweit. Gila Lustiger schreibt in dem Buch über französische Verhältnisse. Das gleiche ist jedoch auch unter der rot-grünen Regierung in Deutschland passiert. Die Autorin lebt seit 30 Jahren in Paris und hat zwei Jahre für dieses Buch recherchiert. Sie machte ein Praktikum bei der Polizei, um besser über deren Abläufe schreiben zu können. Korruption, Bestechung, Antisemitismus sind genauso Thema in diesem Roman, wie das Abtriften von Menschen aus Randgruppen in radikale Gruppierungen. Und nach den Anschlägen auf das Satiremagazin zeigt sich die große Aktualität dieser Arbeit, die sehr gut auch auf Deutschland übertragbar ist.
Marc Rappaport dringt immer tiefer in diesen unüberschaubaren Dschungel ein, ist wie vernagelt für andere Dinge und besessen, diesen Fall zu lösen. Dass dies natürlich zu Spannungen mit seiner Freundin führt, ist klar. Auch mit seinem besten Freund und Chef in der Zeitung kommt es immer wieder zu großen Spannungen. Aber für Rappaport gibt es kein Zurück mehr. Er sucht und findet seine Täter in dan allerhöchsten Positionen in der Industrie und in der Regierung. Gleichzeitung kommt er auch aus großem Hause und sein Großvater war ein mächtiges Tier und hatte die Hebel in der Hand. Davon kann sich der Journalist nicht lösen. Immer wieder tauchen Gespräche mit dem Großvater und ihm als Junge auf. Er, der alte, weise Mensch, zeigt dem jungen Enkel, wie Politik fuktioniert und wie man mit Macht umgehen kann.
Gila Lustiger hat hier einen Krimi geschrieben, der weit mehr ist als das. Es ist die Geschichte der französischen Wirtschaftsgeschichte der letzten 30 Jahre. Spannend und packend geschrieben, dass ich nicht mehr weggekommen bin und das Buch auf zwei Sitzungen verschlungen habe. Das Buch hat mich immer wieder an die Romane von Schorlau und Manotti erinnert. Auch hier bleibt die Hauptperson, trotz aller Abwege, immer sympatisch und aus dem Buch tropft nicht literweise Blut, sondern fasziniert durch seine große Kenntnis und dadurch, dass die Autorin immer den Überblick behält, trotz aller radikaler Wendungen, die die Geschichte nimmt. Bis zum Schluß.

Leseprobe

druckfrischmit Denis Scheck und Gila Lustiger