ORTE 13

Christel Müller, bildende Künstlerin, und Silvia Trummer, Schriftstellerin, arbeiten seit vielen Jahren themenbezogen zusammen. Sie haben in der Schweiz und Deutschland mehrere Ausstellungen gestaltet, indem sie Bilder, Texte und Objekte nebeneinander stellten. Unter dem Titel “ORTE“ zeigen die beiden Frauen Fotos und Notizen von unterwegs, an denen sie in den letzten Jahren gearbeitet haben. Was dabei entstanden ist, illustriert den Prozess von Gehen, Schauen und Gestalten. „Man könnte alles neu sehen“.

Donnerstag, 22.Juni

Heute haben
Wilhelm von Humboldt * 1767
Erich Maria Remarque * 1898
Anne Morrow Lindbergh * 1906
Francois Lelord * 1953
Dan Brown * 1964
Melinda Nadj Abonji * 1968
Geburtstag


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Ein Buch fürs ganze Jahr:

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Mit Gedichten durchs Jahr
Ein lyrischer Kalender mit 365 Gedichten
Ausgewählt von Daniel Kampa
Diogenes Verlag € 13,0

Wer liest heute eigentlich noch Gedichte? Vielleicht sollten wir Goethes Ratschlag folgen und es jeden Tag mit wenigstens einem versuchen. Mit Gedichten durchs Jahr enthält 365 Gedichte von klassischen und zeitgenössischen Autoren, einige davon berühmt, andere regelrechte Fundstücke, aus den verschiedensten Epochen und Ländern über die unterschiedlichsten Themen. Gedichte können kleine, wundersame Pausen im Alltag sein, ein kurzes Innehalten oder ein tiefes Einatmen inmitten der Wirren des Tages. Mit Gedichten durchs Jahr – eine Einladung.

Von Achmatowa, Andersch, Ausländer, Jägersberg und Jandl, geht es bis zu Wondratschek, Zagajewski und Zwetajewa. Und wer da nix findet, dem/der ist nicht zu helfen.

21.Juni
Max Dauthendey
Die einfachen Sterne

Die einfachen Sterne haben sich hoch über die Bäume geschoben.
Manchen, der nie tags sein Auge vom Boden gehoben,
Den machen nachts kopfhoch die blauen Lampen droben,
Die urewig gleichmäßig Wandelnden,
Die ewig fernen und nie laut Handelnden,
Die Sterngeister, die blauen, der großen Ruhe leuchtende Meister,
Die dem Weisen Zeichen und Weglicht geben,
Die alle Erdenkönige samt allen Königreichen überleben,
Die wie feurige Liebesgedanken über den nächtlichen Dächern schweben.

22.Juni
Theodor Storm
Sommermittag

Nun ist es still um Hof und Scheuer,
Und in der Mühle ruht der Stein;
Der Birnenbaum mit blanken Blättern
Steht regungslos im Sonnenschein.

Die Bienen summen so verschlafen;
Und in der off`nen Bodenluk`,
Benebelt von dem Duft des Heues,
Im grauen Röcklein schläft der Puk.

Der Müller schnarcht und das Gesinde,
Und nur die Tochter wacht im Haus;
Die lachet still und zieht sich heimlich
Fürsichtig die Pantoffeln aus.

Sie geht und weckt den Müllerburschen,
Der kaum den schweren Augen traut:
„Nun küsse mich, verliebter Junge!
Doch sauber, sauber! Nicht zu laut.”

23.Juni
Ringelnatz Joachim
Freude

Freude soll nimmer schweigen.
Freude soll offen sich zeigen
Freude soll lachen, glänzen und singen.
Freude soll danken ein Leben lang.
Freude soll dir die Seele durchschauern.
Freude soll weiterschwingen.
Freude soll dauern ein Leben lang.

24.Juni
Eduard Mörike
Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt traeumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtets nicht, sie ist es mued;
Ihr klingt des Himmels Blaeue suesser noch,
Der fluechtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Mittwoch, 14.Juni

Heute haben
Arthur Schnitzler *1862
Katherine Anne Porter * 1890
Max Frisch * 1911
Michael Lentz * 1964
Judith Hermann * 1970
Geburtstag
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Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914)
Wir fanden Glanz

Wir fanden Glanz, fanden ein Meer, Werkstatt und uns.
Zur Nacht, eine Sichel sang vor unserm Fenster.
Auf unsern Stimmen fuhren wir hinauf,
Wir reisten Hand in Hand.
An deinen Haaren, helles Fest im Morgen,
Irr flogen Küsse hoch
Und stachen reifen Wahnsinn in mein Blut.
Dann dursteten wir oft an wunden Brunnen,
Die Türme wehten stählern in dem Land.
Und unsre Schenkel, Hüften, Raubtierlenden
Stürmten durch Zonen, grünend vor Gerüchen.
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Wolfgang Schmidbauer:Helikoptermoral
Empörung, Entrüstung und Zorn im öffentlichen Raum
Murmann Verlag  € 20,00

Chronische Ängste springen uns entgegen, wenn wir die Tageszeitung aufschlagen. Die Welt ist nicht mehr zu begreifen. Die Gefahren kommen immer näher und werden immer bedrohlicher.  Die Reichen werden reicher, die Armen und Weggeschobenen rächen sich, um sich ihr eigenes Seelenheil zu erschaffen. Der Terror der Gekränkten nimmt weltweit ungahnte Züge an.
Wie beim Begriff der Helikoptereltern, reagieren wir auf solche Ängste mit vorschnellen Überreaktionen. Diese Helikoptermoral, wie sie Schmidbauer nennt, ist schon da und hat vorgefertigte Meinungen für uns bereit. Dank der digitalen Vernetzung werden unbedachte Urteile gefällt, Menschen in eine Ecke gedrängt, ein Problem nur von einer Seite angeschaut. Unser Urteil steht fest, bevor es überhaupt zu einem Prozess gekommen ist. Plakative Aussagen passen viel besser in unsere überlaute Eventkultur. Kritisches Denken, langsames Nachdenken, ist nicht gefragt.
Der Autor zeigt uns in vielen Fällen wie diese Helikoptermoral bei uns ankommt, wie sie sich zeigt. Egal ob es um große weltweite Ereignisse, Bombenanschläge, Persönlichkeiten geht, oder um Schüler in Deutschland, die unter Verleumdungen via Facebook leiden und ihr Leben nicht mehr in den Griff bekommen.

Der Autor und Psychotherapeut Schmidbauer hat selbst keine Lösung:
„Dem Angstkranken kann durch Einfühlung und Zuwendung geholfen werden. Wer aber wie der Fanatiker Ängste manisch abwehrt, ist unzugänglich. Er plant, eine neue Welt zu schaffen, in der er keine Angst mehr haben muss, weil dann die Menschheit entweder belehrt oder tot ist. Erst wenn es gelingt, ihn zu stoppen, und sich die Aussichtslosigkeit seiner Größenfantasie erweist, wird er sich der Einsicht wieder öffnen.“