Mittwoch, 19.April

Heute haben
Richard Hughes *1900
Pierre Lemaitre * 1951
Geburtstag
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Paolo Cognetti: „Fontane Numero 1
Ein Sommer im Gebirge
Aus dem Italienischen von Barbara Sauser
Edition Blau im Rotpunktverlag € 18,00

Dort wo er als Kind oft seine Ferien verbracht hat, zieht sich der italienische Autor zurück. Hoch oben auf 2.000 Meter mietet er sich in die Hütte Fontane No.1 ein. Im Tal ist ihm seine Sprache abhandengekommen und versucht sie in der Einsamkeit wiederzufinden. Angeregt von Thoreau, den er auch oft zitiert, will er der hektischen Zivilisation im Tal entfliehen. Die Einsamkeit macht ihm zu schaffen. Er ist ein Stadtmensche und braucht den Umtrieb und die Freunde in Eckkneipe nebenan. Seine kleine Bibliothek, die er mitgenommen hat, besteht aus Romanen von anderen Stadtflüchtlingen.
So einfach ist das allerdings gar nicht, wenn man vergessen hat, wie bestimmte Handgriffe zu bewerkstelligen sind, wenn man mit Schnee, Wind, Kälte, Nebel und dem Feuer im Ofen zu kämpfen hat. Er fürchtet die ersten Nächte, beschreibt sie detailreich, hat Angst vor wilden Tieren und stellt sich immer wieder neuen Mutproben. Die totale Einsamkeit wird durch einen Einheimschen ununterbruchen, der im Nebel auftaucht und extrem belesen ist. Langsam, Schritt für Schritt erkundet er diese neue, alte Landschaft und findet zu sich selbst und wieder zu seiner Sprache.

Häuser

Wenn man im Frühling eine Hütte zum ersten Mal wie der betritt, hat das etwas Rührendes. Ich riss die Türen der Zimmer auf, die monatelang geschlossen gewesen waren, mit dem Frost als einzigem Gast, die Dachluken vom Schnee verdunkelt. Mit dem Finger fuhr ich über den Tisch, den Stuhl, das Wandbord, überall Staub, im Kamin vergessene Asche. Ob die Häuser fühlen, wie die Zeit vergeht? Oder ist ein Winter für sie wie ein einziger Augenblick? Ich dachte an jenen Tag vor zehn Jahren zurück, als ich zum letzten Mal durch eine andere Tür hinausgegangen war, nachdem ich alles noch einmal lange angesehen hatte. Den Eindruck einer Rückkehr verdankte ich jetzt nicht der Sehkraft, sondern dem Geruchsinn, es war der Duft nach Holz und Harz, der mir das beruhigende Gefühl gab, wieder zu Hause zu sein.
Ich fragte das Haus: War der Winter sehr hart? Und stell­te mir vor, wie es in Januarnächten, wenn die Tempera­tur auf unter zwanzig Grad sinkt, gestöhnt und geknarrt haben mochte und wie es später die fahle Märzsonne genoss, die warmen Mauern, den von den Dachrinnen tropfenden Schnee. Falls es die Bestimmung eines Hauses ist, bewohnt zu werden, empfand es auf seine Art vielleicht Glück, dass nun wieder ein Mensch mit seinem Holz hin und her ging, im Kamin und im Ofen Feuer machte,sich in der Küche die Hände wusch. Hinter den Wänden zirkulierten wieder kaltes, felsiges Wasser und Feuer, wie Saft in einem Baum und Blut in einem Körper.

Paolo Cognetti, geboren 1978 in Mailand, ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer. Zum Autorenkreis rund um den quirligen Verlag Minimum Fax in Rom gehörend, hat er mehrere, verschiedentlich ausgezeichnete Bücher veröffentlicht. 2016 ist beim renommierten Turiner Verlag Einaudi sein Debütroman erschienen, der in rund 30 Sprachen verkauft wurde. Mit Fontane Numero 1 liegt sein erstes Buch auf Deutsch vor. Über aktuelle Lektüre und über die Berge schreibt er auf seinem Blog: paolocognetti.blogspot.com

Donnerstag, 6.April

Erich Mühsam * 1878
Leonora Carrington * 1917
Günter Herburger * 1932
Friedrike Roth * 1948
haben heute Geburtstag.
Nicht zu vergessen:
Raffael * 1483
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Erich Mühsam
Die Männer, welche Wert auf Weiber legen, tun dies leider meist der Leiber wegen.
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Jaccottet
Philippe Jaccottet: „Noch ist nicht alles gesagt
Deutsch-französisch. Übertragen und mit einer Vorbemerkung von Kurt Meyer. Französischer Text als Beilage
Fadenheftung broschiert
1. Auflage dieser Übersetzung in 300 Exemplaren
Keicher Verlag € 15,00

„Was eigentlich nie gesagt wird: beim Empfang dieser Texte, in der Übertragung von Kurt Meyer, war der Verleger gänzlich unvorbereitet – den Autor Jaccottet schätzte er schon immer, den Übersetzer kannte er nicht. Im Verlag waren bisher keine Übersetzungen erschienen, das war Prinzip (mit 2 Ausnahmen), daher war der erste Gedanke eine Absage. Nun machten aber die feinen und ruhigen Übertragungen dieser poetischen Prosatexte einen so starken Eindruck – dass es einfach sein musste.“

Dies schreibt Ulrich Keicher auf seiner Internetseite zu diesem Buch. Nicht mehr und nicht weniger und macht mich damit noch viel neugieriger auf diese Texte. Jaccottet ist mir bekannt, sein Buch im Hanser Verlag ist bei uns in der Buchhandlung zum Klassiker geworden. Die vorliegende Ausgabe wurde schon  2011 veröffentlicht, ich habe sie aber erst jetzt wahrgenommen. Wirklich schade, denn schon mit ersten Worten nimmt mich der 1925 in der Schweiz geborene Autor gefangen. Er lebte in Südfrankfreich, übersetzte Weltliteratur ins Französische, veröffentlichte in Zeitungen. Sein eigenes Werk ist überschaubar.
Umso mehr ist es gut, in den acht Texten lesen zu können. Und der Verleger hat sich etwas sehr Schönes einfallen lassen. Er hat nämlich den französischen Text als kleines Heftchen beigefügt und in eine Lasche hinten in das schmale broschierte „Buch“ gesteckt.
Die hier veröffentlichten Texte zeigen die Stärke des Autoren. Alltagsbegebenheiten, Nebensächliches, Zerstreutes am Wegesrand wird bei ihm zum Mittelpunkt seiner Betrachtungen. „Wie Gedichte lesen“ heißt der erste Text:
„Ich erhalte viele Gedichtbände, sehr schlechte und sehr gute (oft ist es eine Nuance, welche die einen von den anderen unterscheidet). Stets frage ich mich, wer solche Bücher noch lesen wird, wie man sie lesen soll, um sich nicht in ihnen zu verlieren.“
Und er endet damit, daß wir uns bei Gedichten aus der Hektik und Umtriebigkeit des Alltags verabschieden müssen. Es sollte einen Augenblick der Ruhe geben im Taumel des Tätigseins.
„Der Gegensatz von Poesie und den großen Ereignissen unserer Epoche? Vielleicht ist dies derKampf zwischen Samenkorn und dem Donner.“
Jaccottet schreibt über den alten serbischen Flüchtling, der einsam in seinem Dorf lebt, über den Vorfrühling in derProvence, über Häuser, über das Aufkommen des Fernsehens im Dorf, über den Winter und darüber, daß noch nicht alles gesagt ist.
„Zu glauben, daß „alles schon gesagt ist“, und daß „man zu spät kommt“, ist Sache eines kraftlosesn Geistes, eines Geistes, den die Welt nicht mehr richtig zu überraschen vermag. Wenige Dinge sind nämlich so gesagt worden, wie sie es verdienen, denn die geheime Wahrheit der Welt ist eine flüchtige, und man darf nie aufhören, sie zu ergründen, sich ihr gegentlich zu nähern, dann wieder auf Distanz gehen. Deshalb dulden unsere Fragen oder Forschungen keinen Aufschub; deshalb müssen wir uns gegen den inneren Tod wehren, der dann eintritt, wenn wir, zu Unrecht, glauben, alle Überraschungsmöglichkeiten ausgeschöpft zu haben.“
Ulrich Keichers Broschüren sind Kunstwerke, mehrfach ausgezeichnet, und wenn dann der Inhalt auch noch stimmt, sind sie für die Ewigkeit gemacht.

Dienstag, 4.April

Heute haben
Bettine von Arnim * 1785
Tristan Tzara* 1896
Margauerite Duras * 1914
Helme Heine * 1941
Geburtstag.
Es ist der Todestag von Max Frisch + 1991
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Heute im Gedichtekalender:

Ludwig Christoph Heinrich Hölty
Aufmunterung zur Freude

Wer wollte sich mit Grillen plagen,
Solang uns Lenz und Jugend blühn;
Wer wollt in seinen Blütentagen
Die Stirn in düstre Falten ziehn?

Die Freude winkt auf allen Wegen,
Die durch dies Pilgerleben gehn;
Sie bringt uns selbst den Kranz entgegen,
Wann wir am Scheidewege stehn!

Noch rinnt und rauscht die Wiesenquelle,
Noch ist die Laube kühl und grün,
Noch scheint der liebe Mond so helle,
Wie er durch Adams Bäume schien!

Noch macht der Saft der Purpurtraube
Des Menschen krankes Herz gesund,
Noch schmeckt in der Abendlaube
Der Kuß auf einen roten Mund!

Noch tönt der Busch voll Nachtigallen
Dem Jüngling hohe Wonne zu,
Noch strömt, wenn ihre Lieder schallen,
Selbst in zerrißne Seelen Ruh!

O wunderschön ist Gottes Erde
Und wert, darauf vergnügt zu sein!
Drum will ich, bis ich Asche werde,
Mich dieser schönen Erde freun!

(Vertont von Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Anton Hoffmeister)
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Jocelyne Saucier:Ein Leben mehr
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Insel Taschenbuch € 10,00

Jetzt neu als Taschenbuch:

Das schöne Porträt eines alten Mannes auf dem Umschlag zeigt uns die Richtung, in der sich der Roman hinbewegt. Allein dieses Foto ist ein großartiger Hingucker. Das ist schon ein gekonnter Schachzuges des Verlages. Die französisch schreibendende Autorin Jocelyne Saucier nimmt uns mit auf eine Reise in die Wildnis Nordkanadas. Dorthin, wo normalerweise niemand mehr lebt. Gold gibt, oder gab es dort noch nie. Eine Eisenbahnlinie hätte gebaut werden sollen. Ein pfiffiger Mann wollte davon profitieren und hat ein Hotel an einen strategisch wichtigen Punkt gebaut. Die Eisenbahn kam nie und das Hotel modert vor sich hin.
Dort also in der Einsamkeit sollen sich alte Männer zurückgezogen haben, die sich den Fängen der staatlichen und privaten Überwachung entzogen haben. Sie wollen nicht in ein Heim, sie wollen keine Sozialarbeiterin, die bei ihnen privat herumschnüffelt und sie wollen mit ihren diagnostizierten Krankheiten nicht ins Krankenhaus. Sie wollen selbst über ihr Leben entscheiden und über ihren Tod. Drei alte Männer, über 80 Jahre, sind es, das weiß eine ca. 40jährige Fotojournalistin, die sich in dieser Wildnis einigermaßen auskennt. Sie sucht einen dieser Männer wegen einer Reportage über sein Leben. Die Wegbeschreibung, die sie vom Hotel bekommt, erweist sich als halbherzig, oder gar falsch und sie erkennt schnell, daß der Hotelier bewußt Fragende in die Irre führt, um die Männer zu schützen. Die Journalistin findet einen der Männer, der sie zuerst wortkarg stehen läßt und ihr Stunden später mitteilt, daß der gesuchte Mann, Boychuck, vor kurzem verstorben ist. Die Frau braucht mehrere Anläufe, bis sie mit dem ersten und dann auch mit dem zweiten und dritten Alten ins Gespräch kommt. Dann entwickelt sich dies jedoch zu einer ganz besonderen Art von Freundschaft. Ganz irre wird es, als eine 80jähre Dame auftaucht, die fälschlicherweise fast ihr ganzes Leben in der Psychiatrie verbracht hat. Sie wird von ihrem Enkel „entführt“ und auch in die Wälder zu den drei Alten gebracht.
Diese Mischung aus Lebensphilosophie, Freiheitsdrang, großer Armut, dem Trauma der großen Brände, die vor Jahrzehnten hunderten von Menschen ihr Hab und Gut und auch das Leben geraubt haben, machen diesen schmalen Roman zu etwas Besonderem. Zu einem Buch, in dem das Älterwerden und das gemeinsame Leben, Lieben und Sterben dieser sehr eigenwilligen Menschen in der Wildnis im Mittelpunkt steht.
Der französische Titel heisst auf deutsch „Als die Vögel vom Himmel fielen“ und bezieht sich auf die enorme Hitze und Rauchentwicklung bei den großen Waldbränden, so daß den Überlebenden Vögel tot vor die Füße fielen.

Leseprobe
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Nicht vergessen:
Heute abend gibt es wieder vier neue Bücher, aus denen Ihnen Clemens Grote vorliest.
Dazu die Auflösung des Romananfangs-Rätsel vom letzten Monat und ein neuer zu erratender Romananfang.
Florian Arnold und Rasmus Schöll stellen noch kurz die kommende Litarturwoche vor.

Wir freuen uns auf Ihr/Euer Kommen.
Beginn: 19 Uhr
Eintritt: frei