Mittwoch, 17.Mai

Heute haben
Lenka Reinerova * 1916
Lars Gustafsson * 1936
Peter Hoeg *1957
und Udo Lindenberg * 1946
Geburtstag.
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Graham Swift:Ein Festtag
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
dtv gebunden € 18,00

„Es war März 1924. Es war nicht Juni, aber es war ein Tag wie im Juni. Es musste kurz nach zwölf Uhr mittags sein. Ein Fenster stand offen und er ging unbekleidet durch das sonnendurchströmte Zimmer, sorglos, nackt; er wirkte wie ein Tier. Es war ja sein Zimmer. Da konnte er tun und lassen, was er wollte. Das konnte er. Und sie war noch nie hier gewesen, würde auch nie wieder herkommen.
Auch sie war nackt.
30. März 1924. Vor langer Zeit.“

Ansonsten sind Graham Swifts Bücher in der Gegenwart angesiedelt. Dieses Mal sechs Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Die nackte Jane ist Zimmermädchen der reichen Familie und schon seit Jahren mit Paul befreundet. Zuerst als jugendliche Liebelei, dann als wirkliche Geliebte. So wie wir es auch in den ersten obigen Zeilen mitgeteilt bekommen.
Die Familie hat ihre Söhne alle bis auf Paul im Krieg verloren. eine große Trauerglocke hängt über dem Haus und gleichzeitig auch eine angespannte Atmosphäre, weil Paul sich anschickt, eine Dame aus der Gesellschaft zu heiraten.
Dieses Gefühl, diese Vibrationen fängt Swift genial ein. Er schreibt seine Bücher nicht nach Selbsterlebten, sondern aus einem Flimmern und Flirren in seinem Kopf heraus. Eiigentlich aus dem Nichts, wie er selbst sagt.

„Sie hatte nicht das Laken über sich gezogen. Sie hatte sogar die Hände hinter dem Kopf verschränkt, um ihn besser ansehen zu können. Und er konnte sie ansehen.“

So passt das Titelbild von Modigliani perfekt zu dieser Novelle. So könnten wir uns diese Situation vorstellen. Das Haus ist leer. die beiden jungen Leute treffen sich heimlich, gehen mit einander ins Bett und verabschieden sich. Nicht mit einem Kuss, oder einer Umarmung, sondern mit einem Blick. Paul steigt in seinen Sportwagen, Jane bleibt liegen, genießt die Ruhe, zum ersten Mal alleine im Haus zu sein. Heimlich und voll mit Düften dieses Liebesabenteuers.
Dieser Festtag findet somit auf verschiedenen Ebenen statt. Einerseits im Bett, aber auch bei einer Art Verlobungsfeier, zu der Paul fährt.

„Dann war er fort. Kein Gruß. Kein alberner Kuss. Nur ein letzter Blick. Als würde er sie in sich aufnehmen, in sich hinein trinken. Und was er ihr zurückließ: das ganze Haus. Er ließ es für sie da. Es gehörte ihr, zu ihrer Unterhaltung. Sie konnte es auf den Kopf stellen, wenn sie wollte. Alles ihres. Und was sollte ein Dienstmädchen tun, wenn es am Muttertag frei bekommen hatte, aber kein Zuhause hatte, wohin es gehen konnte?“

Das war es dann auch schon. Das Ende werde ich Ihnen nicht verraten. Nur so viel: Jane entdeckt, dass sie schreiben muss. Das Ereignis wird zur Initialzündung Schriftstellerin zu werden.

Graham Swift hat ein kleines Meisterwerk abgeliefert. Fein, flirrend, erotisch und mit einer nachhaltigen Tiefe, die ein ganzes Menschenleben beinflusst hat.

Leseprobe

Dienstag, 21.März

Heute haben
Jean Paul * 1763
Peter Hacks * 1928
Hubert Fichte * 1935
Michael Dibin * 1947
Andrea Maria Schenkel * 1962
Geburtstag
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Heute im Gedichtekalender:

Joseph von Eichendorff
Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
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Mikael Engström:Kaspar, Opa und der Feuerteufel
Mit Illustrationen von Peter Schössow
dtv € 11,95
Für Kinder ab 9, aber auch schon prima zum Vorlesen für etwas Jüngere

Nachdem Kaspar und Opa dem Monsterhecht an die Schuppen und dem Schneemenschen ans Fell geraten sind, haben es meine derzeitigen Lieblingshelden im Kinderbuch diesmal mit einem Feuerteufel zu tun.
Kaspar und seine beste Freundin, die zwei Jahre ältere Lisa, streifen durchs Birkenwäldchen ihres kleinen schwedischen Orts, in dem der geizige Ladenbesitzer Atom-Ragnar (der so heißt, weil er nicht glaubt, daß Atome existieren) das Regiment führt. Aus den zwei vorherigen Bänden ist er uns bereits bekannt, genauso wie die schrullige, alte Isabell, die den Weltuntergang herbeibefürchtet, der einfältige Polizei-Oskar und Lisas tolle Mama Mia. Aber auch neues Personal kommt hinzu. Wir lernen Sven, Lisas sauer- (nicht krank-)geschriebenen Papa kennen und eine protzige Familie aus der Stadt, die samt Wohnwagen auf dem Kiesplatz vor Atom-Ragnars Laden idyllische Ferien auf dem Lande verbringen möchte.
Mittsommer naht, aber plötzlich gehen nicht nur eine vollgerumpelte Scheune und eine Friedhofskapelle in Flammen auf. Die Kinder werden verdächtigt und das gemütliche Leben mit Opa auf der Holzbank vor dem Schuppen wird ordentlich durcheinander gewirbelt. An Bier und Orangenlimonade neben dem wunderschönen Pfingstrosenbusch ist fürs Erste jedenfalls nicht mehr zu denken.
Dieses feinsinnige, lustige und spannende Abenteuer berührt Herz und Hirn. Liebe Erwachsene: Lest das Buch vor, es wird euch und euren Zuhörern sehr viel Freude machen.
Ach, übrigens wussten Sie, daß Marienkäfer nicht rot mit schwarzen Punkten sind, sondern eigentlich schwarz mit rotem Überzug und darin sind dann wieder Löcher? Aber das kann am Besten der Opa erklären.

Leseprobe

Mikael Engström, geboren 1961, begann seine Schriftstellerlaufbahn mit Erzählungen für jüngere Kinder. Seine Jugendromane ›Brando‹ und ›Steppo‹ wurden hochgelobt, sein Buch ›Ihr kriegt mich nicht!‹ wurde 2010 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Donnerstag, 2.Februar

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Heute haben
Johann Christoph Gottsched * 1700
Annette Kolb * 1875
James Joyce * 1882
Also Palazzeschi * 1885
Joanna Bator * 1968
Geburtstag
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Johann Christoph Gottsched
Daß die Poesie am geschicktesten sey…

Verführte! deren schwachen Witz
Ein stolzer Wahn mit dicken Nebeln blendet,
Daß ihr der Musen hohen Sitz
Mit grober Thorheit schmäht, mit frechem Lästern schändet;
Genug getobt, genug geschwärmt!
Die Dichtkunst kömmt, ihr altes Lob zu retten,
Das wir ihr fast entwendet hätten,
Seitdem an ihrer statt die Reimsucht bloß gelärmt.
Sie kömmt die rohe Welt zu lehren,
Wie sehr man schuldig sey ihr Wesen zu verehren.

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9783423145428

Barbara Honigmann: „Chronik meiner Straße
Hanser Verlag € 9,90

Barbara Honigmann verließ mit ihrer Familie 1984 die DDR und zog Richtung Westen. Und zwar gleich soweit, daß sie zwar aus Deutschland ging und in Frankreich landete. Allerdings dort ganz im Osten, in Straßburg und da auch im Osten, wiederum in Richtung Deutschland. Sie fanden eine Bleibe in der Rue Edel, eigentlich ein Profisorium, wie sie immer wieder im Buch betont, eine Straße für den Anfang. Wenn dann mal alle Koffer ausgepackt sind, dann würden sie sich etwas Besseres suchen. Mittlerweile leben sie seit 30 Jahren in der gleichen Straße, im gleichen Haus, dem Zweithäßlichsten. Das Häßlichste steht gegenüber und gehört der Telekom. Es sind immer noch nicht alle Koffer ausgepackt, die Kinder sind längst aus dem Haus, aber das Ehepaar Honigmann zieht wohl nicht mehr aus. Obwohl? Eine Grabstätte haben sie sich schon gekauft. Es war ein Schnäppchen, wie ihr Mann meinte. 30 Jahre sind eine lange Zeit, eine Generation und Barbara Honigmann kann viel berichten über die Straße des Anfangs, die eingezwängt zwischen Schulen und großen Alleen liegt und an der man sicherlich nicht vorbeikommt, wenn man Straßburg einen Besuch abstattet. Naja, jetzt vielleicht.
Sie berichtet über die Menschen auf der Straße, die sie von ihrem Schreibtisch aus beobachtet. Sie erzählt Begebenheiten mit Menschen, die aufgetaucht und wieder verschwunden sind. Von Menschen, mit denen sie eine enge Beziehung einging und sie dann tragischerweise wieder verlor. Es gab drei jüdische Witwen, denen sie half Eingaben zur Wiedergutmachung zu schreiben, mit denen sie zu Anwälten und Behörden ging. Es gibt die Jungen auf der Straßen, mit den Kapuzen, die trinken und laute Musik hören. Es gibt die komplett verschleierten Frauen, die meist im Pulk auftreten und den gesamten Gehweg beanspruchen, so daß ihr nur die Flucht auf die Straße bleibt. Kommt jedoch ein dazugehörender Mann, bilden sie schnell eine Gasse, durch die er elegant gleiten kann. Es gibt den Verrückten, der sein nacktes Hinterteil zum Balkon hinaushängt und die Besitzer, der kleinen Läden, die eröffnen und plötzlich wieder geschlossen sind, oder weiterverkauft sind. Jahrelang trifft sie einen grantigen, stillen Mann, der oft stundenlang an einem alten Mercedes schraubt. Mit laufenden Motor und lauter Musik. Erst als ihr Mann ihn provozierend oft grüßt, fängt er an seine traurige Geschichte zu erzählen. Barbara Honigmann erzählt die Geschichten der einfachen Menschen aus verschiedenen Nationalitäten, ohne auf dem Begriff Multikulti herumzureiten, der auch hier in ihrer Straße nicht existent ist. Neu dazugekommen ist eine neue Nationalität, die sie nicht zuordnen kann. Sie tauchen mit fetten Autos auf, die sie nicht einparken, sondern auf der Straße abstellen. Die Motoren laufen, die Radios brüllen. Die dazugehörenden Typen könnten einem Mafiafilm entsprungen sein und die Damen stolzieren geschickt mit ihren High-Heels zu den passenden Schlitten. So plötzlich, wie er aufgetaucht ist, verschwindet der Convoi und es herrscht wieder Ruhe in der Straße.
Ich könnte noch viele Episoden aus dem Roman erzählen, möchte aber, daß Sie das Buch lesen und sich dabei genau so wohlfühlen, unterhaltenlassen, wie es mir ergangen ist.

Leseprobe

Barbara Honigmann, 1949 in Ost-Berlin geboren, arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin. 1984 emigrierte sie mit der Familie nach Straßburg, wo sie noch heute lebt. Honigmanns Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Kleist-Preis und dem Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich.

Die Rue Edel auf google maps