Freitag, 14.Juli

Heute haben
Issac B.Singer * 1904
Natalia Ginzburg * 1916
Polina Daschkowa * 1960
Geburtstag.
Aber auch Gustav Klimt, Ingmar Bergman und Lino Ventura.
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Heute im Gedichte Kalender:

Else Lasker-Schüler
Weltschmerz

Ich, der brennende Wüstenwind,
Erkaltete und nahm Gestalt an.

Wo ist die Sonne, die mich auflösen kann,
Oder der Blitz, der mich zerschmettern kann!

Blick nun, ein steinernes Sphinxhaupt,
Zürnend zu allen Himmeln auf.
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Sophie Janjanin empfiehlt:

Neil Smith:Das Leben nach Boo
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
Schöffling Verlag € 24,00

(Erhältlich in 11verschiedenfarbigen Umschlägen)

Oliver »Boo« Dalrymple ist dreizehn Jahre alt, hochbegabt, wenig beliebt und vor allem tot. So mir nichts dir nichts wird er von seinem Schulalltag geradewegs in das Jenseits nur für 13-jährige Amerikaner versetzt. Dort findet er Freunde und erkundet neugierig die Kuriositäten, die ihm der Gott namens „Zig“ vor die Nase setzt. Doch das Geheimnis um Olivers Todesursache wirft Schatten auf das himmlische Leben. Auf der Suche nach der brutalen Wahrheit werden gerade erst geschlossene Freundschaften ernsthaft auf die Probe gestellt.
Wie organisieren sich 13-Jährige untereinander, wenn sie keine Vorgaben von Erwachsenen haben? Welches Rechtssystem etabliert sich? Und vor allem: Wie wird Recht und Unrecht überhaupt definiert? Diese Fragen stellten sich mir immer wieder, während ich Neil Smiths Roman „Das Leben nach Boo“ in den Händen hielt.
Der Kanadier Smith wagt sich in seinem ersten Buch an das schwierige, viel diskutierte Thema „Jenseits“. Er tut dies in einer ganz ungewöhnlichen Art und Weise: In seinem Jenseits menschelt es gewaltig. Die Bewohner des Himmels sind keineswegs unfehlbar, auch hier gibt es Hass, Rachegefühle, Depressionen und Lügen. Und nicht zu vergessen sind die ganz normalen menschlichen Bedürfnisse: „Habt ihr euch schonmal gefragt, womit sich die Engel im Himmel die Zähne putzen?“
Und doch macht Smiths Roman Hoffnung. Es gibt auch Vergebung, Liebe, Verbundschaft (ist doch logisch: Verbundenheit und Freundschaft!). Und außerdem eine Schabe namens Rover, die als Sprachrohr der irdischen Welt dient. Mittendrin versucht Oliver Dalrymple herauszufinden, was ihn ausmacht und wie er sein zukünftiges Leben im Himmel gestalten möchte. Mein Herz hat „Boo“ auf jeden Fall erobert, wenn er es auch danach gleich wieder gebrochen hat.

Blick ins Buch

Dienstag, 18.Oktober

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Heute haben
Heinrich von Kleist * 1777
Henri Bergson * 1859 (Nobelpreis 1927)
Tibor Déry * 1894
und auch Klaus Kinski * 1926
und Lotte Lenya * 1898
Geburtstag.
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Jaaaa, wir haben beim Shortlistlesen richtig gelegen, oder die Jury hat auf unser Votum gehört. Bodo Kirchhoff hat mit seiner Novelle „Widerfahrnis“ den Deutschen Buchpreis 2016 gewonnen.
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Clarice Lispector:Der große Augenblick
Mit einem Nachwort von Colm Tóibín
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby
Schöffling Verlag € 18,95

Der schmale Roman der brasilianischen Autorin hat es im Februar 2016 auf Platz 2 der swr-Bestenliste geschafft. 1977 im Original erschienen, ist es auch der letzte Roman der Autorin, die im gleichen Jahr verstorben ist.
Ein Autor sitzt am Schreibtisch und muß über Macabéa schreiben. Eine junge Frau aus dem Nordosten des Landes, die sich in der Hauptstadt als einfache Schreibkraft durchschlägt. Sie ist dünn, nagt am Hungertuch, ist hässlich, geistig sehr unbedarft und erwartet auch nicht viel vom Leben. Der Autor hingegen, der sich immer wieder einbringt, Kommentare abgibt, holpert durch seinen Text. Er will die Realität ablichten, was aber nicht so einfach geht. Er gibt diesem Roman mehr als zehn andere Titel, weil er nicht weiß, wohin das alles noch führen wird. Wie auch schon in den früheren Romanen von Clarice Lispector, herrscht auch hier ein mittleres Durcheinander. Nicht nur in den Köpfen von Macabéa und des Autoren, sondern auch im Schreibstil. Wir mäandern durch den beschreibenen Lebensabschnitt, haben es plötzlich mit einem langen, abgehackten Dialog zu tun, sind mit Macabéa und ihrem „Freund“ im Zoo und plötzlich wieder in der Gedankenwelt des Aufschreibenden.

„Auch ich habe mich von Misserfolg zu Misserfolg auf mich beschränkt, will aber wenigstens noch der Welt begegnen und ihrem Gott, meine Grenzen zu überschreiten, das hat mich fasziniert. Beim Schreiben lüge ich nicht. Was ich schreibe, ist mehr als eine Fiktion, ich habe die Pflicht, von dieser jungen Frau zu erzählen, wie es Tausende gibt. Ebenso obliegt es mir, sei es auch in wenig kunstvoller Weise, ihr Leben für sie zu offenbaren. Denn es gibt das Recht zu schreien.“

Macabéa ist so unbedarft, daß es 40 Jahre nach Erscheinen des Romanes schon fast lustig, satirisch klingt. Sie fragt wie ein kleines Kind, will wissen, was um sie herum vorgeht und fällt am Ende doch auf eine Hellseherin herein. Ihr werden so viele hässliche Dinge an den Kopf geworfen und doch macht sie immer weiter, ohne groß nachzufragen, wie ihre Mitmenschen mit ihr umgehen, was sie von ihr halten. Damit tut sich auch der Schriftsteller schwer. Er würde ja gerne anders und liebevoller mit seiner Figur umgehen. Aber es geht nicht. Sie ist in diese Welt geworfen, die nicht für sie gebaut ist und auch sie ist nicht für diese Welt geschaffen.

„Gewiss hätte sie verdient, in den Himmel der Windschiefen zu kommen, wohin nur gelangt, wer krumm gewachsen ist. Nur geht es nicht um den Zugang zum Himmel, es geht ums Schiefe auf der Welt. Ich versichere euch, wenn ich könnte, würde ich für Verbesserung sorgen.“

Knapp 120 Seiten hat der Roman und nach einer Anlaufzeit, hat mich das Buch sehr gefesselt und eine große Empathie für Macabéa entstehen lassen, obwohl sie als Gesprächspartnerin sehr anstrengend gewesen sein könnte. Ganz sicher. Manchmal dachte ich, daß so ein Text auf die Bühne gehört. Er wäre unglaublich intensiv, frech, ironisch und liebenswert.
Ein großes Lob an den Schöffling Verlag, der sich dem Werk von Clarice Lispector angenommen hat.
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Werner Färbers Ungereimtheit der Woche
Die Hefeschnecke LXI

Eine klitzekleine Schnecke
kriecht gemächlich um die Ecke.
Sie wittert einen süßen Duft
in der lauen Abendluft.

Sie folgt dem Duft zur Bäckerei,
in der es riecht nach Leckerei.
Die Hefe, die in Schüsseln treibt,
die Schnecke sich schnell einverleibt.

Mit vollem Bauch ruht sie sich aus,
die Schnecke in des Bäckers Haus.
Während sie ruht, schwillt sie dann an,
wie man mehr nicht schwellen kann.

Nur noch der Kopf passt in der Frühe
zur Tür hinaus mit größter Mühe.
Mitsamt dem Haus sieht man die Schnecke
verschwinden um die nächste Ecke.
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Morgen, Mittwoch, den 19.Oktober stellen Ute Geprägs und ich ab 19 Uhr neue Romane des Jahres vor.
Wir haben zwei große Taschen, aus denen wir unsere Schätze ziehen und versuchen damit, Ihnen einen kleinen Überblick über das literarische Leben zu geben.
Beginn ist 19 Uhr.
Die Anmeldung läuft über die Familienbildungsstätte Ulm (0731 962860), oder bei uns im Laden.