Donnerstag, 16.November

Heute haben
José Saramago * 1922
Anne Holt * 1958
Karen Duve * 1961
Geburtstag.
Und es ist der Todestag von Ringelnatz.
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Joachim Ringelnatz
Abschied der Seeleute

Chor der Seeleute:

Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbräute
Gelten für heute,
Sind nur für to-day.

Die Mädchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh !
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und trägt uns in See,
Far-away.

Chor der Mädchen:

Wir, die Bräute
Der Fahrensleute,
Lieben und küssen,
Doch wissen, sie müssen
Zur Seefahrt zurück.

Und wenn sie ertrinken,
Dann – wissen wir – winken
Uns andre zum Glück.
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SINN UND FORM
SECHSTES HEFT
November/Dezember 2017 € 11,00

Ganz unscheinbar kommt dieses Heft daher. Seit 69 Jahren sieht es so aus und innen drin verstecken sich jedes Mal unbekannte Schätze. Unglaublich, denke ich so oft; so  auch dieses Mal.

Der russische Schriftsteller Dmitri Bakin, der Taxifahrer war, beginnt mit einer unglaublichen Erzählung: „Bleiben: verwehrt“. Ich habe noch nie etwas von ihm gehört und gelesen und möchte nach dieser Lektüre noch mehr in die Finger bekommen.
Wolfgang Hilbig schreibt über Marina Zwetajewas Gedichtzyklus „Schlaflosigkeit“.
Großartig.
Und so geht es weiter. Texte über Literatur, Gedichte reihen sich an Erzählungen.
Hans Benders Vortrag „Vom Leben, Schreiben und Herausgeben“ aus den 80er Jahren taucht hier plötzlich auf und lässt mich staunen.
Heißenbüttel schreibt über Hamsun (Leseprobe) und Gert Löschütz nimmt uns mit nach Prag. Cécile Wajsbrots „Tröstung“ ist eine wahre Perle“
Zum Schluß noch Michael Maar über Peter Sloterdijk und Hans Christoph Buch über Joseph Brodsky.
Muss ich noch mehr loben?

Mittwoch, 8.November

Heute haben
Bram Stoker * 1847
Margaret Mitchell * 1900
Peter Weiss * 1916
Kazuo Ishiguro * 1954
Geburtstag
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Heinrich Heine
Wo?

Wo wird einst des Wandermüden
letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?

Werd ich wo in einer Wüste
eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
eines Meeres in dem Sand?

Immerhin! Mich wird umgeben
Gottes Himmel dort wie hier,
und als Totenlampen schweben
nachts die Sterne über mir.
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Laura Freudenthaler:Die Königin schweigt
Droschl Verlag € 20,00

Laura Freudenthaler, 1984 in Salzburg geboren, legt ihren ersten Roman vor, nachdem sie schon einen Band mit Erzählungen veröffentlicht hat. In kurzen Kapiteln erzählt sie das Leben von Fanny nach. Fanny, die in den 30er Jahren auf einem Bauernhof in Österreich zur Welt gekommen ist. Verträumt schaut sie in diese starre Welt voller Normen und harter Arbeit. Sie schaut auf zu ihrem älteren Bruder, der aus dem Krieg nicht mehr zurückkehrt. Fanny verlässt das elterliche Gehöft, geht auf eine Wirtschaftsschule, heiratet den kommunistischen Dorflehrer. Wir verfolgen dieses Leben, bis Fanny als Dame alleine in ihrer Wohnung sitzt und sich nicht mehr so richtig an die passenden Worte für das vor ihr liegende Kreuzworträtsel erinnert. Mit dieser Sequenz beginnt auch der Roman, bevor er chronologisch weitererzählt wird. Laura Freudenthaler erzählt in kurzen Kapiteln, manchmal nur eine halbe Seite lang. Sie schreibt unspektakulär, reiht Episode an Episode und ihre ruhige Erzählweise nimmt uns mit in eine andere, in eine verschwundene Welt mit. Eine Welt, die voller unausgesprochener Gesetze ist, voller Normen und unerreichbaren Hoffungen. Blitzt etwas auf, das eine Veränderung verspricht, erlischt dieses Licht ungenutzt wieder. Diese warme Melancholie zieht sich durch die Kapitel.
Eigentlich sollte Fanny in ein leeres Buch, das ihr ihre Enkelin geschenkt hat, das aufschreiben, was sie erlebt hat. Das Buch bleibt, bis auf eine Widmung der Enkelin, leer.
„Über gewisse Dinge spricht man nicht“ ist ein Zitat und passt genau auf den Titel, in dem die Königin schweigt. Fanny kann und will nicht erzählen und so übernimmt die Enkelin und auch die Autorin diesen Part. Sie notiert auf, reiht aneinander und legt es vor uns hin.
Ich wünsche mir mehr solcher Bücher, die nicht durch Lautstärke und Geprotze punkten, sondern durch die Kraft der Sprache funktionieren.

Leseprobe
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Premiere am akademietheater ulm
akademie für darstellende kunst – adk-ulm

Willkommen
Komödie von Lutz Hübner und Sarah Nemitz

Alles beginnt mit dem gemeinsamen Abendessen einer WG in Stuttgart.
Sophie, Benny, Jonas, Anna und Doro sitzen in lockerer Stimmung
zusammen. Dann kommt Bennys große Ankündigung: Er wird bald für ein Jahr
in New York sein. Nachdem sich die Begeisterung gelegt hat, wirft das
natürlich die Frage auf: Was machen wir solange mit dem leeren Zimmer?
Angesichts der aktuellen Notsituation, der Flüchtlingskrise und dem
Weltgeschehen macht Benny den Vorschlag, das Zimmer Geflüchteten zur
Verfügung zu stellen. Zuerst scheint es für alle eine tolle Idee zu
sein, doch in der Diskussion kommen langsam immer mehr Vorurteile hinter
der „Toleranz“ zum Vorschein.

Premiere Mi 08. November 2017 – 20:15 Uhr
Weitere Termine: Sa 11.11 / Fr 17.11. / Sa 18.11. / Fr 24.11. / Sa
25.11. jeweils 20:15 Uhr

Karten: 16 € / 12 € (ermäßigt)
Kartenreservierung unter: Tel. 0731-387531 / Mail: info@adk-ulm.de

Unterer Kuhberg 10
D – 89077 Ulm
fon 0049 (0)731 38 75 31
fax 0049 (0)731 38 85 185
mail info@adk-ulm.de – info@akademietheater-ulm.de
info http://www.adk-ulm.de

Freitag, 8.September

Heute haben
Eduard Mörike * 1804
Frédéric Mistral * 1830
Alfred Jarry * 1873
Michael Frayn * 1933
Helga Novak * 1935
Matt Ruff * 1965
Geburtstag.
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Eduard Mörike
An den Schlaf

Schlaf! süßer Schlaf! obwohl dem Tod wie du nichts gleicht,
Auf diesem Lager doch willkommen heiß ich dich!
Denn ohne Leben so, wie lieblich lebt es sich!
So weit vom Sterben, ach, wie stirbt es sich so leicht!
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Gion Capeder: „Superman
Edition Moderne € 28,00

In seiner neuen Arbeit bleibt sich der Schweizer Zeichner und Autor in seiner Art gleich. Klare Zeichnungen mit reduzierten Farben und wenig Personal. Manchmal erinnert es an ein Drehbuch für einen Film, hat Anklänge an eine sehr intensive Erzählung, oder wäre bestens geeignet für einen dicken Roman, in dem dieses Psychodrama detailliert ausgearbeitet wird. Hier kommt er mit wenigen Worten aus und denken uns das, was Chris bewegt.

Bei Chris scheint beruflich und familiär alles in bester Ordnung. Er wird von seinen Freunden geschätzt, im Geschäft wird er befördert, seine Frau liebt ihn und er kümmert sich rührend um seine kleine Tochter. Doch hinter der gutbürgerlichen Fassade herrscht das Chaos. Chris verliert die Kontrolle über seine Sex- und Gewalteskapaden, der Superman entpuppt sich als wandelnde Zeitbombe.

Dies schreibt der Verlag und wir blättern eifrig durch diese Graphic Novel, weil wir wissen wollen, wie diese Geschichte zu Ende geht. Chris ist sich seiner Situation bewusst, aber er schafft es nicht, sich selbst aus dem Strudel zu retten. Er muss funktionieren, so meint er. Er muss den Superman spielen, sonst fällt er durch das Getriebe, sagt er seiner Frau. Gleichzeit merkt er, dass ihm alles zu viel wird, dass er sich immer weiter verstrickt und keinen Horizont für sich mehr sieht.

Diese Situation fängt Gion Capeder perfekt ein und zeigt, wie ein Mensch offensichtlich grundlos allmählich ausser Kontrolle geraten kann. So lassen sich vielleicht Meldungen in den Zeitungen besser verstehen, wenn wir über unverständliche Gewalttaten lesen.