Dienstag

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Heute haben
Francois Villon * 1431
Alexandra Kollontai * 1872
Octavio Paz * 1914
John Robert Fowles* 1926
Hartmut Lange * 1937
Geburtstag.
Und es ist der Todestag von Christian Morgenstern.
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Weil draußen der Wind um’s Holzhaus pfeift:

Christian Morgenstern
Nein

Pfeift der Sturm?
Keift ein Wurm?
Heulen
Eulen
hoch vom Turm?

Nein!

Es ist des Galgenstrickes
dickes
Ende, welches ächzte,
gleich als ob
im Galopp
eine müdgehetzte Mähre
nach dem nächsten Brunnen lechzte
(der vielleicht noch ferne wäre).
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Eugène Dabit: „Hotel du Nord“
Neu übersetzt aus dem Französischen von Julia Schoch
Schöffling Verlag € 19,95
Als E-Book € 15,99

Dieser Roman hat eine tolle Geschichte hinter sich.
Zuerst erschienen 1929, wollten ihn zuerst niemand veröffentlichen. Erst als Dabit dem Verleger zusagte, dass er Illustrationen für Sonderausgaben herstellen will, kam es auf den Markt. Das Lob war groß, auch von Schriftsteller Kollegen, wie Gide und Dabit erhielt 1931 den Prix du Roman populiste, der 2012 nach ihm umbenannt worden ist. 1938 wurde der Roman, mit damals sehr bekannten SchauspielerInnen verfilmt, wobei sich der Film vom Roman sehr stark entfernt hat. Zu diesem Zeitpunkt war der 1898 geborene Eugène Dabit schon zwei Jahre tot. Er starb unter nicht ganz geklärten Umständen bei einer Russlandreise. Dabit veröffentlichte noch zwei weitere Romane, die alle das normale Leben, das Leben der kleinen Leute beschreibt.
So auch hier.
Das Hôtel du Nord, ein sogenanntes Wohnhotel, liegt jenseits der großen Boulevards am Quai de Jemmapes im 10. Arrondissement von Paris. Emile und Louise Lecouvreur haben es gepachtet. Genauso, wie Dabits Eltern das im Jahre 1923 gemacht haben. Er selbst wuchs sozusagen in diesem Hotel für kleine Leute auf, übernahm oft den Nachtdienst und hatte dabei viel Zeit über die einfachen Bewohner zu schreiben.
Es beginnt mit der Übernahme des Hotel durch das Ehepaar Lecouvreur und damit, dass Emile auf dem Dach des Hauses steht und ausruft, dass es ja aussieht, wie am Meer. Das Hotel liegt direkt an einem Kanal, den Napoleon bauen ließ, damit die Innenstadt von Paris von Lastkänen angefahren werden kann. Dabit schreibt nun, wie das Familienhotel aufgebaut ist, wer in welchen Zimmern wohnt und wie sich das Pächterehepaar langsam in ihre Rolle eingewöhnen. Im Hotel leben Arbeiter, die ein günstiges Zimmer brauchen, Pärchen, die auf engem Raum ein Zuhause für sich suchen und alte Menschen, die kaum mehr die Miete bezahlen können. Es wird geredet, getrunken, gerauft, geliebt und gestorben. Eine junge Frau kommt vom Land, verliebt sich in einen ungehobelten Arbeiter, verdient ihr Geld als Putzhilfe im Hotel, wird schwanger, gibt ihr Kind einer Amme, bis von dort ein Telegramm kommt, dass ihr Kind gestorben ist. Danach findet sie nicht mehr ins bisherige Leben zurück und trifft sich mit vielen Männern in ihrem Zimmer, bis sie aus dem Hotel geworfen wird. Es gibt den alten Mann, der die Miete nicht mehr bezahlen kann und ins Armenhaus kommt. Dort erhält er von Louise einmal die Woche ein warmes Essen und erinnert sich an die Zeit im Hotel. Es ziehen neue Leute ein und andere verschwinden für immer. Die Nachbarsleute kommen zu einem Glas Wein, spielen Karten und Emile und Louise sind der Mittelpunkt dieses kleinen Kosmos, weit ab der schillernden Boulevards in der Pariser Innenstadt. So bekommen wir Lebensabschnitte vieler Mitbewohner mit und damit auch gleich einen intesiven Einblick in dieses Quartier zwischen den Weltkriegen.
Dabit schreibt über seine Erfahrungen, so, wie er diese Menschen kennengelernt hat. Es ist die Zeit, als Marcel Proust für seinen zweiten Band „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ den Prix Goncourt erhielt und auchhier wird eine verschwundene Zeit beschrieben. Eine Welt, die abseits der goldenen 20er Jahre, das Miteinander der einfachen Menschen zeigt. Die Arbeiter, Seelaute, Putzfrauen können nur überleben, wenn sie zusammenhalten und trotz vieler Streitereien eine Gemeinschaft bilden. Das Buch endet damit, dass das Hotel abgerissen wird. Das Ehepaar zieht sich in eine Wohnung zurück und versucht sich an den anderen Alltag zu gewöhnen. Die Geschichte des Hauses geht jedoch weiter. Mehrfach hätte das Gebiet um das Hotel abgerissen, umgebaut, neu geplant werden sollen. Und immer regte sich Widerstand im Viertel. Heute steht das Hotel wieder an der alten Stelle, beherbergt ein Resutaurant und die Fassade steht unter Denkmalschutz. Falls ich also wirklich einmal den Weg nach Paris finde, …

Die Homepage des jetzigen Hotel du Nord

Unbedingt lesenswert das sehr informative Nachwort von Julia Schoch.

Leseprobe

Ein kleiner Ausschnitt aus der Verfilmung

Und der komplette Film

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Heute abend ab 19 Uhr
LiteraLotto mit Florian Arnold und Rasmus Schöll

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Montag

Heute haben
Paul Verlaine * 1844
Sean O’Casey * 1880
Jean Giono * 1895
Uwe Timm * 1940
Gert Heidenreich * 1944
Geburtstag
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Rasmus Gabriel Schöll empfiehlt:

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Rachel Kuschner: „Flammenwerfer“
Rowohlt Verlag € 22,95
als E-Book 19,99
„The Flamethrowers“ als TB € 14,99
als amerikanisches E-Book € 13,95

Cool, coolness, grandios am coolsten!
Ungefähr so lässt sich Rachel Kushners Roman: „Flammenwerfer“ zusammenfassen.
Das Cover Bild des Buches, hat Rachel Kushner, bevor auch nur ein Wort geschrieben war, an ihre Wand gepinnt und es hat sie dazu inspiriert, die Geschichte von Reno, der schnellsten Frau der Welt zu schreiben.
„Ich war, kaum zu fassen, die schnnellste Frau der Welt, 496,493 Stundenkilometer. Ein offizieller Rekord für das Jahr 1976…“
Es ist schon merkwürdig, dass so verdammt viele und so verdammt gute Bücher aus den USA kommen. Aber wir nehmens mit Freuden hin.
Zunächst, wir haben es mit keiner stringent durcherzählten Geschichte zu tun. Das Buch lebt und wird durchlebt in Vor- und Rückblenden, deren Bedeutung erst im Laufe der steigenden Seitenzahl ersichtlich wird. Also nicht unbedingt, die “ Ich lese noch fünf Seiten Bettlesegeschichte“.
Reno, so der Name der Hauptperson, ist jung und schön, nicht das Rachel Kushner dies erwähnen würde, nur man bekommt als Leser mit der Zeit so eine Ahnung. Sie liebt das Motorradfahren, sie liebt die Geschwindigkeit und ein freies Leben. Sie rast über Salzseen, verliebt sich in einen New Yorker Künstler, Sandro Valera, der ganz nebenbei Spross einer italienischen Reifen- und Motorrad-Dynastie ist. Sie braust durch die New Yorker Kunstszene der 70er Jahre, voller Leidenschaft und Feuer. Reno, auf der Suche nach ihrer eigenen künstlerischen Identität, nach ihrem eigenen Ausdruck. Um es so richtig krachen zu lassen, besucht sie mit Sandro zusammen dessen aristokratische Familie am Comer See und gerät mitten in die römischen Unruhen des Jahres 1977.
Die ganze Zeit dachte ich beim Lesen, oh mann, das ist ja wie wenn Godard und Fellini zusammen einen Film gemacht hätten.
Das Buch ist sicher nicht für jedermann und knapp 600 Seiten eignen sich nicht als Versuch. Und dennoch, allein die Geschichten in der Geschichte sind richtig gut.
„Es war ein Desaster. Ich hätte nicht fahren sollen. Aber er rief mich irgendwann an und klagt verzweifelt. Drei Uhr nachts, und er beklagt sich … Saul, hab ich gesagt, möchtest du, dass ich das Kaninchen hole und es dir bringe? Soll ich das tun? – Mensch, Ronnie, sagt er, ich will dir das nicht zumuten. Aber wenn ich ehrlich bin, würde es mir unheimlich viel bedeuten. Du könntest meinen Jaguar nehemen. Und ich dachte, scheiß drauf, warum nicht? …“

Ein Mann soll für einen anderen Mann ein Kaninchen durch halb Amerika fahren. Der Mann gibt sich sehr viel Mühe. Aber als er endlich ankommt, hört er ein Jaulen des anderen Mannes. Das Kaninchen ist tot!
Diese Geschichte ist mit soviel Humor, Witz und Charme erzählt. Vielleicht ist es auch Godard, Fellini und Tarantino, die da zusammen ein Buch geschrieben haben.
Sicher, es sind die 70er Jahre und man muss schon ein gutes Pfund geschichtliches Interesse mitbringen, Aber hey: Godard, Fellini und Tarantino!

Leseprobe

Ein kleiner Nachtrag:
In der Autobiografie von Kim Gordon, der Gründerin, Sängerin und Bassistin von „Sonic Youth“, einer unabhängigängen Alternativ-Rock-Punk-Band aus New York, steht folgender Satz:

„Als ich Rachel Kushners Roman „The Flamethrowers“ las, konnte ich das darin beschriebene Gefühl, jung zu sein in New York und am Rande der Kunstszene zu leben, sehr gut nachvollziehen. Und das U-Bahn-Foto bildete diese Ungewissheit und auch diese Zeit sehr ghenau ab. Ich liebe es.“

Gordon
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UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (… aus der Tierwelt)
 
DIE LACHSFORELLE – CCLCXXXII
 
An eines Flusses Quelle
schoss die Lachsforelle
weit übers Ziel hinaus.
 
… aus!
SOMMERZEIT
 
Eingeführt vor vielen Jahren,
hat man dich, o Sommerzeit,
um damit Energie zu sparen.
Diese Idee schien blitzgescheit!
 
Längst ist inzwischen allen klar,
dass jener Spareffekt blieb aus.
Trotzdem heißt es auch dieses Jahr:
man muss ’ne Stunde früher raus.
 
Ein paar gibt’s, die es nie kapieren,
und die kommen am Montag dann,
weil sie vergaßen zu justieren
die Uhr, ’ne Stunde später an.
 
© Werner Färber

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Morgen abend um 19 Uhr:
Literalotto
Spaß und Literatur mit Florian Arnold und Rasmus Schöll

Samstag

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Heute haben
Maxim Gorki * 1868
Bohumil Hrabal * 1914
Marianne Fredrikssen * 1927
Mario Vargas Llosa * 1936
Tilman Röhrig * 1945
Geburtstag
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Im letzten Jahr hatte ich den Roman „Theoda“ der wallisischen Autorin Corinne S.Bille hier vorgestellt. Jetzt bleiben wir beim gleichen Verlag, sind aber im Unterengadin gelandet. Eine sehr abgelegende Alpengegend, die bekannt für ihren Baumbestand ist.

„Ich lebe in der Nähe des Ortes, wo ich aufgewachsen bin. Die Geschichten sind da. Die Großmutter, der Großvater. Die Mutter, der Vater. Das Dorf. Sie brauchen jetzt Platz.“, schreibt die Autorin Leta Semadeni über ihr Schreiben und über ihr schmales Buch, das diese Woche erschienen ist.

1

Leta Semadeni: „Tamangur“
Rotpunkt Verlag € 19,90

Hier ist allerdings derGrossvater in Tamangur. Dies ist ein sehr ferner und ganz naher Ort. Der Grossvater war ein begeisterter Jäger und hatte Füsse wie Seide. Deshalb hat ihm die Grossmutter viele ganz besondere Socken gestrickt. Dazu hat sie nun keine Lust mehr und sitzt lieber auf dem Strickbänkchen mit ihrer Enkelin, die ihren Geschichten zuhört.
Beide leben in einem Dorf im Tal. Ein Dorf voller Schatten mit einem Fluss, umringt von Bergen. Im Dorf gibt es alles, was dazugehört: Eine Kirche, ein Schule und ein Dorfplatz, auf dem der neueste Tratsch ausgetauscht wird und auf dem eine Lügenbank steht. Die Grossmutter ist viel gereist. Das beweisen die Stecknadeln in der Weltkarte, die in der Küche aufgehängt ist: Venezia, Tumbaco, Havanna, Paris. Doch jetzt bleibt sie im Dorf und der dritte Stuhl am Tisch bleibt leer. Denn der gehört dem Grossvater. Die beiden Frauen bilden eine Symbiose und ergänzen sich auf wunderbarer Weise.
Leta Semadeni erzählt in einer einfachen, warmen Sprache voller Bilder, diesen schönen, kleinen Roman. Und da sie von der Lyrik herkommt, verwundert mich das auch gar nicht. Ich habe oben den Roman „Theoda“ erwähnt, da er mich stark an ihn erinnert, obwohl er doch von Inhalt und Art der Erzählung sehr unterscheidet. Aber diese unglaubliche Nähe zu den Personen, dieses Hineinfühlen in die beiden Frauen hat etwas Gemeinsames. Und wer sich an die Lesung mit Silvia Trummer erinnert, wer ihre Bücher gelesen hat, bemerkt die Besonderheit der Sprache, da beide Frauen viel Gedichte schreiben.
Nicht dass Sie meinen, „Tamangur“ ist ein vergeistigter schweizer Bergroman. Nein, es geht hier sehr direkt und auch oft lustig zu. Wenn die Grossmutter Besuch von ihren skurilen Freunden bekommt und Schallplatten von Elvis aufgelegt werden. Oder wenn die Schneiderin auftaucht, die Erinnerungen klaut. Hier werden Liebes- und Abenteuergeschichten am Küchentisch erzählt und das Kind ist mitten drin und hört gebannt zu. Dann wird es mir beim Lesen ganz warm ums Herz. Dieses Feingespür der Autorin, der Humor macht den Reiz des Buches aus und lässt die Personen ihren Alltag lebenswert erscheinen, der nicht (mehr) viel Abwechslung bietet. Jetzt sowieso, da der Grossvater in Tamangur ist und obwohl das Leben nicht wirklich so ganz einfach ist.
Vielleicht ist es das Buch für ein ruhiges Wochenende und für die Karwoche, bevor es an Ostern wieder bunt und rummelig und laut wird. Ich werde das Buch allerdings nicht nur jetzt, sondern zu allen Jahreszeiten empfehlen.

Die Autorin Leta Semadeni, geboren 1944 in Scuol, Engadin, studierte Sprachen an der Universität Zürich. Lehrtätigkeit an verschiedenen Schulen in Zürich und im Engadin. Arbeitsaufenthalte in Lateinamerika, in Paris, Zug, Berlin und auf Elba. Seit 2005 lebt und arbeitet sie freischaffend in Lavin. Leta Semadeni schreibt vorwiegend Lyrik, romanisch oder deutsch, die sie selbst in die jeweils andere Sprache überträgt, zuletzt „In meinem Leben als Fuchs“ (2010). Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, 2011 mit dem Literaturpreis des Kantons Graubünden und mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung. „Tamangur“ (2015) ist ihr erster Roman.

Leseprobe

Auf der Seite des Deutschen Hauses in New York finden Sie ein Interview mit der Autorin (das dritte in der Liste), in dem sie über sich, ihr Schreiben, ihr Leben in ihrem kleinen Dorf erzählt, das „ein Fliegendreck auf der Karte ist“, wie sie in „Tamangur“ schreibt und ihren Aufenthalt in New York.