Dienstag / Silvester

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde,
das Jahr geht zu Ende und normalerweise folgen nun Listen der besten Bücher, der Lieblingsfilme, der schönsten Musiktipps, usw. Ich war schon drauf und dran meine Einträge des Jahres durchzuforsten.
Was solls! Ich lasse es einfach so wie es ist, stelle so oft es geht Neues aus dem Jastram Kulturleben vor und hoffe, Ihnen/Euch gefällt das.
Reingeschaut haben 2013 über 36.000 Besucher aus 65 Ländern (von Südafrika bis Indonesien, Norwegen bis Kanada) und lasen die 342 Blogeinträge.
Vielen Dank dafür.

Joachim Ringelnatz
Silvester

Daß bald das neue Jahr beginnt,
spür ich nicht im geringsten.
Ich merke nur: Die Zeit verrinnt
genauso wie zu Pfingsten.

Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt
in heimlichen Geweben.
Wenn heute nacht ein Jahr beginnt,
beginnt ein neues Leben.

Na, ob gleich ein neues Leben beginnt, glaube ich nicht. Ich hoffe nur, dass es so gut weitergeht, wie es aufgehört hat.

Ich wünschen Ihnen und Euch ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr.
Auf dass einige der Wünsche in Erfüllung gehen mögen.

So! Und jetzt mal los Richtung 2014

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Montag

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Heute haben
Betty Paoli * 1814
Theodor Fontane * 1819
Rudyard Kipling * 1865
und Paul Bowles * 1910
Geburtstag
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Betty Paoli
Im Winter

Wiesengrund und Bergeshöh‘
Liegen wie begraben,
Auf dem schimmernd weißen Schnee
Tummeln sich die Raben.

Mag die Sonne auch ihr Licht
Fernehin entsenden,
Es erquickt und wärmet nicht,
Kann nur schmerzlich blenden.

Dicht vor meinem Fenster steht
Eine schlanke Linde,
Mit Demanten übersä’t
Stöhnet sie im Winde.

An die Scheiben pocht sie leis‘,
Leis‘ wie Glöckchen läuten;
Was sie sagen will, ich weiß
Mir es wohl zu deuten.

Arme Linde! Tag und Nacht
Scheinst du mir zu klagen:
»Dürft ich doch, statt todter Pracht,
Wieder Blüthen tragen!«
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Wie sich die Zeiten ändern.
Hieß es vor einem Jahr noch: „Bitte lies mir eine Geschichte vor!“, so höre ich in diesem Jahr von der Enkelin: „Darf ich dir eine Geschichte vorlesen?“
Grossartig, kann ich dazu nur sagen. So komme ich in den Genuss faul auf dem Sofa zu liegen und ein tolles Buch präsentiert zu bekommen.

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Jaap ter Haar:Lea im Zoo
Verlag Urachhaus € 12,90
Kinderbuch ab 7 Jahren
Zum Vorlesen, oder für das zweite Lesealter

Leas Vater bekommt eine neue Stelle als Tierarzt und die Familie wird direkt neben dem Zoo wohnen! Ein Traum geht für Lea in Erfüllung. Sie bittet ihre Mutter sofort, dass sie in den Zoo darf. Erst als der Tierpfleger Jan sie besuchen kommt, hat Leas Mutter keine Angst mehr, dass ihrer kleinen Tochter etwas passieren könnte zwischen all den wilden Tieren. Jan nimmt sie mit zu den Nilpferden und sie darf dabei sein, als ein neues Krokodil in den Zoo gebracht wird.
Einmal muss ihr mutiger Vater sogar ein kleines Mädchen aus dem Löwengehege retten. Als bald darauf ein paar ausgerissene Schimpansen ihren Schabernack treiben, ist sogar Leas Vater überfordert und der ganze Zoo befindet sich in hellem Aufruhr. Die Affen wollen sich einfach von niemandem einfangen lassen, bis Leas Bruder Julian eine gute Idee hat.
Die einzelnen Kapitel sind unterschiedlich lang, sehr lustig und (kindgerecht spannend). Es macht richtig Spaß mit Lea durch den Zoo zu gehen und die verschiedenen Tiere zu beonachten. Und gerade diese Affengeschichte hat es wirklich in sich. Drei Wochen sausen sie von Baum zu Baum. Sogar einmal bis in die Stadt.
Und wie gesagt: Zuhören macht richtig Spaß!
Ein tolles Buch, das sich ideal zum Vorlesen eignet. Egal, wer wem!

Leseprobe

Jaap ter Haar wurde 1922 in Hilversum geboren, verließ während des Zweiten Weltkrieges die Niederlande und ging nach Frankreich in den Widerstand. Nach dem Krieg schrieb er mehrere Jugendbücher, die mit Preisen gekürt wurden. U.a.auch „Oleg oder Die belagerte Stadt“ Hier beschreibt er die Kriegsgreuel des Krieges an der Zivilbevölkerung aus der Sicht des 12jährigen Oleg.
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Und weil Fontane heute Geburtstag hat, soll es auch von ihm noch ein Gedicht geben.

Theodor Fontane
Summa Summarum

Eine kleine Stellung, ein kleiner Orden
(Fast wär ich auch mal Hofrat geworden),
Ein bißchen Namen, ein bißchen Ehre,
Eine Tochter “geprüft, ein Sohn im Heere,
Mit siebzig ’ne Jubiläumsfeier,
Artikel im Brockhaus und im Meyer.
Altpreußischer Durchschnitt. Summa Summarum,
Es drehte sich immer um Lirum Larum,
Um Lirum Larum Löffelstiel.
Alles in allem – es war nicht viel.
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Neue Termine im Januar:

Am 18.1. wird Arno Schmidt 100 Jahre alt.
Am Tag zuvor, Freitag, den 17.1.2013 liest Clemens Grote bei uns in der Buchhandlung die Erzählung: „Kühe in Halbtrauer“ von ihm.
Beginn 19 Uhr.
Der Eintritt ist frei.

Am Montag darauf, den 20.01., liest im Ulmer ROXY Wolfgang Schorlau aus seinem siebten Kriminalfall mit Kommisar Dengler.
Beginn 20 Uhr
Eintritt € 8,00

Samstag

Heute hat Alfred Wolfenstein (* 1883) Geburtstag
und dies hat er vor fast 100 Jahren veröffentlicht:

Alfred Wolfenstein
Städter

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

(1914)
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Und weil Max Dauthendey (1867-1918) heute in meinem Lyrikkalender auftaucht, von ihm auch noch eins:

Max Dauthendey

Nie war die eine Liebesnacht in deinem Schoß
der andern gleich

Nie war die eine Liebesnacht
In deinem Schoß der andern gleich,
Dein Leib ist ein Septembermond
An immer neuen Früchten reich.

Die Brüste sind ein Traubenpaar,
Und drinnen pocht der junge Wein,
Die Augen sind ein Himmelstor
Und lassen meine Wünsche ein.
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Noch so ein Projekt, was ich endlich über die Feiertage geschafft/gelesen habe.

Alan Ilser: „Der Prinz von der West End Avenue“
Das Buch erschien im Berlin Verlag und später bei dtv. Isler hat dieses Buch mit 62 Jahren geschrieben und 1994 in London und ein Jahr später in Berlin veröffentlicht. Es ist längst vergriffen und ich frage mich wirklich warum. Es ist ein grossartiges Buch, ein Erstlingswerk, wie es selten zu finden ist. Und: Es ist in meinem Lesekanon verblüffenderweise mehrfach eingebunden.
Diese Woche hat der Arche Literaturkalender Tristan Tzara auf dem Kalenderblatt, der am 25.12. 1963 gestorben ist. Tzara spielt eine wichtig Rolle in der Zürcher Dada-Zeit der jungen Hauptperson.
Cherubino aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ singt auf Seite 170 „Voi che sapete“, das ich vor Wochen hier mit Christiane Schäfer verlinkt habe. Dazu kommen noch einige Nachnamen, die in meiner Familie mütterlicherseits geläufig waren. Solche Sachen sind mir mehrfach in diesem Buch über den Weg gelaufen. Das macht das Lesen noch viel spannender.
Aber zum Inhalt:
Otto Korner, eigentlich Körner, aber das ö hat er sich bei der Einreise in die USA gespart ist 83 Jahre alt und lebt im Emma-Lazarus-Altersheim, Manhattan, Upper Westside. Dort proben im Sommer 1978 gutbetuchte jüdische Rentner das jährliche Shakespeare Stück Hamlet. Und Korner ist die perfekte Hamlet Figur in seiner inneren Zerissenheit. Alan Isler stellt uns seine Personen in einem sehr witzigen, spritzigen Ton vor. Es ist dieser jüdische Humor, der das ganze Buch durchzieht. Die Treffen in der Lieblingskneipe „Goldstein’s Dairy Restaurant“ sind solche Höhepunkte. Diese schrägen Vögel mit ihren Macken, sind einfach köstlich. Der ewig junge 70jährige, der jedem Rock hinterhersteigt, der nichts dazulernende Revolutionär, die alten reichen Damen, die einer Liebschaft nicht aus dem Weg gehen. Die Gebrechen, die Toten, die Essensdüfte, die Dame am Empfang und der Arzt, der sich seine Liebe zu einer Krankenschwester nicht eingestehen will; erst als Korner ihm auf die Sprünge hilft, wird das was.
Über allem stehen die Proben zu Hamlet, die unter einem schlechten Stern stehen, da es zu sehr großen Zerwürfnissen unter den Rentner kommt. Es kommt sogar zu einem Toten, dessen Rolle neu besetzt werden muss.
Dies ist in dem schon erwähnten lockeren frechen Ton geschrieben und Otto Korner streut immer mehr aus seiner Kindheit in Berlin, seine Zeit bei den Dadaisten in Zürich hinzu. Wir erfahren stückchenweise über seine zwei Ehen, die beide gescheitert sind. Das dramatische Ende einer der Ehen endet im Zug Richtung Auschwitz. Diese Episoden kommen so ziemlich am Ende des Buches. Sie haben Korner geprägt und er hat sie ganz tief unten versteckt gehalten. Jetzt kommen sie hoch, nachdem ein alter Bekannter aus diesen Tagen im Altersheim auftaucht. Und somit wird auch klar, warum es zu einem dramatischen Zusammentreffen mit Korner und seiner Schwester kommt, als sie sich zum ersten Mal wieder in new York treffen können.
Ilser schafft es, so ähnlich wie Seethaler in seinem „Trafikant“ eine dramatische Geschichte mit viel Humor zu erzählen. Wobei Isler noch einen Schritt weitergeht. Er zeigt uns Seite um Seite das Innenleben einer zerbrochenen Figur, die es jahrzehntelang verdrängt hat. oder es zumindest versucht hat.
Selten so ein humorvolles Buch gelesen, in dem sich solche Abgründe auftun. Grossartig und leider vergriffen.
Leihen Sie es sich in der Bibliothek aus, oder suchen Sie im Netz nach gebrauchten Exemplaren. Es lohnt sich.